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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2019
Revolution
Die Welt ist in der Krise. Ein Umbruch ist nötig. Nur welcher?
Der Inhalt:

Kolumne von Katharina Müller-Güldemeister: Slogans für den Müll

vom 11.01.2019

Für das kommende Jahr nehme ich mir vor, mit weniger offenen Augen durch die Welt zu laufen. Dann muss ich nicht mehr jeden Slogan lesen, von dem jemand dachte, er sei genial. Wo man hinschaut, wird man zugespamt mit Botschaften, die keinerlei Erkenntnisgewinn bereithalten. »Besser hören mit Hörgerät« ist so eine. An diesem Satz ist zwar nichts falsch. Aber es ist leider so viel richtig, dass man es nicht hätte zu sagen brauchen.

Auch den Slogan eines gut situierten Seniorenheims hätte ich gerne nicht gesehen. Das schöne Haus, an dem ich vorbeispazierte, war umgeben von einem Garten mit alten Bäumen. Ein guter Ort, um alt zu werden, dachte ich, auch wenn das bei mir noch ein paar Jahrzehnte Zeit hat. Dann las ich die Unterzeile. »Gepflegt leben«, schrieb sich das Heim da auf die Fahne. Unter diesen zwei Wörtern, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten, konnte ich mir wenig vorstellen. Stattdessen produzierte meine Phantasie Bilder von inkontinenten Menschen, deren Windeln zu selten gewechselt werden, und von Zehennägeln, die anfingen sich zu kräuseln. Ich gruselte mich und habe seitdem eine klare Position zu Slogans: Bitte gut oder gar nicht!

Über gute Slogans freue ich mich sehr. In kleinen Das-bin-ich-Sätzen beschreiben sie, wofür eine Marke oder ein Unternehmen steht, und sprechen dabei Kopf und Herz an. Gute Slogans bringen mich zum Schmunzeln und zum Nachdenken – das schafft Werbung mit Bildern deutlich seltener. Das heißt aber nicht, dass jedes Reisebüro, jeder Kindergarten oder Bäcker einen Slogan braucht, weil der Kunde eben häufig auch ohne ihn weiß, welche Dienstleistungen er dort zu erwarten hat. Und wenn Reisebüro, Kindergarten und Bäcker ihre Sachen gut machen, werden die Kunden schon aus Bequemlichkeit zu ihnen gehen.

Slogans werden nützlich, wo es viel Konkurrenz gibt. Charmant finde ich zum Beispiel den Spruch »Spülmaschinenfest seit 1739« von der Meissner Porzellanmanufaktur, weil er Information und Emotion gelungen kombiniert. Außerdem machte er mich neugierig. Mittlerweile weiß ich, dass elektrische Spülmaschinen erst 190 Jahre später auf den Markt kamen. Schuld daran war wohl auch die klassische Rollenverteilung, die sich sehr hübsch in dem Werbespruch ausdrückt, mit dem die Firma Miele 1930 ihre Waschmaschinen bewarb: »Wenn Vater waschen müsste, kaufte er noch heut

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