Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2019
Revolution
Die Welt ist in der Krise. Ein Umbruch ist nötig. Nur welcher?
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: »Da will ich wieder hin«

von Viola Rüdele vom 11.01.2019
In der Brüdergemeinschaft von Taizé fühlt Pia Wagner (23) eine tiefe Verbindung mit dreitausend anderen. Und ein neues Verstehen

Es ist nachts. Ich liege auf einer Decke in der Kirche und lausche den Gesängen von etwa hundert jungen Menschen um mich herum: »Behüte mich Gott, ich vertraue dir, du zeigst mir den Weg zum Leben.« Jeden Abend versammeln sich hier in der Versöhnungskirche von Taizé noch ein paar Nachteulen. Sie singen diese schlichten, eindrucksvollen Lieder, wiederholen wieder und wieder die gleichen zwei, drei Liedzeilen. Es klingt beruhigend. Ich liege auf meiner Decke, lasse mich fallen in den meditativen Klang, fühle eine sehr entspannte Zuversicht. Ich muss nichts tun, ich kann einfach nur da sein.

Vom ersten Augenblick habe ich mich in Taizé gut aufgehoben gefühlt. Hier, in diesem kleinen Dorf im Burgund hat Frère Roger Schutz vor etwa siebzig Jahren eine internationale und konfessionsübergreifende Bruderschaft gegründet. Das ganze Jahr über laden die Brüder junge Menschen zwischen 17 und 29 ein, gemeinsam mit ihnen zu beten und ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.

Ich bin mit meinen vier Freundinnen aus unserer Studi-WG in Marburg hierhergekommen. Nach der langen Autofahrt gehe ich als Erstes in die riesige Kirche, die sich im Zentrum des weitläufigen Geländes auf dem Hügel befindet. In dieser Kirche gibt es keine Bänke, nur einen Teppichboden und ein paar Hocker. Ich ziehe meine Schuhe aus, bekomme das Liedheft in die Hand gedrückt und bin sofort mitten drin. Danach beziehe ich mein Zelt auf der Wiese, die neben der Kirche liegt.

In Taizé ist alles sehr spartanisch ausgestattet, die Leute schlafen in Zelten und Baracken, das Essen ist nach langen Warteschlangen oft schon etwas kalt und nicht sehr reichlich. Jeder Tag ist hier klar gegliedert, es gibt drei Gebetszeiten, dazu drei Mahlzeiten. Außerdem ein bis zwei Bibelarbeiten pro Tag, die von den Brüdern geleitet werden. In dieser Woche ist die Abrahamsgeschichte dran und die Brüder bringen mich mit ihren Impulsen auf eine fast witzige Art ins Nachdenken, weil ihre Gedanken etwas mit meinem Leben zu tun haben. Dabei sind sie nicht wertend. Sie machen mir ein Angebot und ich darf das mitnehmen, was ich will.

Egal was ich während dieser Woche mache: ich fühle mich nie allein. Die Masse an jungen Menschen um mich herum – etwa 3000 – ist faszinierend. Ich treffe Leute aus Ungarn, England, Russland und Mexiko. Sie bringen ganz unterschiedliche religiöse Prägungen mit, doch alle sind aufgeschlossen un

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen