Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2018
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Stress à la carte

vom 12.01.2018

Ich muss leider sagen: Das Jahr hat nicht gut angefangen. Kurz nach Silvester verkündet meine Frau: »Gabi und Jochen wollen mit uns essen gehen.« Ihre Stimme klingt seltsam einschmeichelnd, und sie fängt auch gleich an, beruhigend meinen Rücken zu streicheln.

Ich sage entschieden: »Nein!«

»Ja, aber warum denn nicht?«

»Das kann ich dir sagen.« Und dann zähle ich auf: Weil Gabi keine Essenskultur hat. Mit ihr im Restaurant, das nennt man Vorhölle. Purgatorium. Limbus maximus. Einen leibhaftigen Gaumen-Fluch. Sie braucht jedes Mal 25 Minuten, bis sie sich entschieden hat, was sie essen will. Lässt sich aber vorher dreimal ausführlich die Tagesempfehlungen vortragen (obwohl sie nie was davon nimmt), sie diskutiert jedes Gericht auf der Karte mit dem Ober durch, als wäre es ihr Testament, sie ist gegen Zutaten allergisch, die ich nicht mal vom Namen her kenne, und … und wenn das Essen dann serviert wird, findet sie garantiert, dass sie selbst es deutlich besser gekocht hätte. Das nenne ich »Ö’de Cuisine«.

Meine Gattin lächelt mitleidig. »Ach ja, und wer schlingt immer alles sofort in sich rein? Wer sortiert immer die Oliven aus? Und die Pilze? Und die Tomaten? Und die Haare …«

Das finde ich nicht lustig. »Das ist was ganz anderes. Ich habe einen empfindlichen Magen. Aber Gabi hat ein empfindliches Hirn. Und wenn ich das nächste Mal den Satz höre ›Wir brauchen noch einen Moment‹, während der Kellner den Tränen nah und gefühlt seit dem Pleistozän um unseren Tisch streicht, hole ich mir ein Tranchierbesteck und raste aus. Das willst du doch sicher nicht erleben.«

»Ich hab schon zugesagt.«

Na toll. Was soll dann dieses Gespräch? Ich meine: Warum fragen Frauen überhaupt, wenn sie die Entscheidung längst gefällt haben? Wahrscheinlich nur, damit wir Männer uns nicht ganz so bescheuert fühlen, wie wir behandelt werden. Also lege ich möglichst viel Sarkasmus in meine Stimme und sage: »Na, dann freue ich mich riesig. Aber bitte weise deine Freundin im Vorfeld darauf hin, dass ich mich über einen beschleunigten Bestellvorgang sehr freuen würde.«

Zugegeben: Beim Treffen gab Gabi sich Mühe. Wirklich. Es ging alles richtig schnell. Und vielleicht lag es genau an dieser Eile, an der von mir verursachten Hektik, dass sie in diesem Restaurant eine Bestell

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen