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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2018
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft
Der Inhalt:

Im Wartezimmer des Todes

von Gunhild Seyfert vom 12.01.2018
Jeder wird älter. Und dabei auch daran erinnert, dass das Leben endlich ist. Eine Ausstellung in Hannover blickt dieser Tatsache genau ins Gesicht – über die Kulturen und Zeiten hinweg

Welcher Satz stimmt? »Das Alter ist von ausdrucksstarker, eigenwilliger Schönheit.« Oder: »Alt werden ist einfach eine biologische Tatsache«? Wie man alte Menschen und sich selbst als alten Menschen wahrnimmt und wahrgenommen wird, ist in hohem Maße kulturell geprägt. Der Blick unterscheidet sich je nach Zeit und Gesellschaft, Status und Geschlecht. Das zeigt eindrücklich die Ausstellung »Silberglanz – Von der Kunst des Alters« im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Ausgestellt sind Werke aus unterschiedlichen Epochen, vom alten Ägypten bis in die Gegenwart, und in verschiedenen Stilen. Man beginnt zu erkennen, wie die Kunst und die jeweilige soziale und politische Situation miteinander verbunden sind und sich beeinflussen.

Eine dieser kulturellen Annahmen ist, dass mit dem Alter die Weisheit kommt: Dementsprechend blicken dem Betrachter aus Heiligenbildern meist ältere graubärtige Männer mit Denkerfurchen entgegen. Auch dem »Heiligen Petrus« von Pietro Perugino (um 1470) ist das Alter deutlich anzusehen, seine Stirnfalten lassen keinen Zweifel daran, dass es sich hier um einen ernsthaften, entschlossenen Mann handelt. Dabei ist der weise alte Mann kein ursprünglich christliches Ideal: Schon im antiken Griechenland wurden Philosophen und Dichter so dargestellt. Je mehr Lebenserfahrung, desto ausgeprägter die Denkerfalten auf der Stirn. Im Mittelalter inspirierten diese Darstellungen Künstler, den Typus auch auf Petrus, Paulus und weitere Verehrte anzuwenden: Unter den Heiligenschein gehören nachdenkliche Miene und Stirnglatze. Aber nur bei Männern. Das sprichwörtlich »biblische Alter« der Figuren soll deren Autorität unterstreichen.

Stets aber gab es auch das Gegenteil: Alte Menschen, vor allem Arme und besonders Frauen niedrigen Standes, wurden in künstlerischen Darstellungen immer wieder verspottet und herabgesetzt. Die Ausstellung zeigt antike Gefäße, Kannen und Scherben aus der Zeit von 400 bis 100 vor Christus, die alte Menschen wenig schmeichelhaft darstellen: mit verzerrten Gesichtszügen, ungepflegtem Haar und lächerlich wirkenden, hilflosen Gesten. Etwas beschönigend erklären die Texte neben den Vitrinen, dies sei »vorchristliche Komik«. Eine eigenartige Erklärung, denn auch später, in christlich geprägten Epochen wurden Menschen verspottet und diskriminiert. Kunst war immer wieder ein ausdrucksstarkes Mittel, mit dem man sich abgrenzen konnte von

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