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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2018
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft
Der Inhalt:

Die Kraft der Verschiedenen

von Thomas Seiterich vom 12.01.2018
Solidarisch und erfolgreich: Für die Freiheit der jungen Journalistin Mesale Tolu

»Wir haben dreißig Wochen lang vor dem Ulmer Münster demonstriert, seit wir wussten, dass unsere Mitbürgerin Mesale Tolu mit ihrem kleinen Sohn in der Türkei inhaftiert ist, völlig grundlos«, sagt Cengiz Dogan ins Saalmikrofon im Ulmer Einstein-Haus: »Und heute feiern wir ihre Befreiung. Ja, wir feiern die Kraft der Verschiedenen, denn wir Freunde in der Solidarität sind tatsächlich recht unterschiedlich.« Dann bricht dem Elektroingenieur vor Freude und Rührung die Stimme. Er spricht vor seinen Mitstreitern. Im Saal haben sich jene versammelt, die seit dem 12. Mai an jedem Freitag Mahnwache hielten für die 33-jährige Journalistin Tolu. Sie stimmen gemeinsam das alte Demokratielied an: »Die Gedanken sind frei.« Wie bei jeder ihrer Solidaritätsdemos. Die wurden teils von Erdogan-Fans gestört.

Die 1984 geborene Mesale Tolu ist ein Ulmer Kind. Sie machte Abitur am Gymnasium, das sich nach der Reformpädagogin Anna Essinger nennt. Tolu legte 2007 die türkische Staatsbürgerschaft ab und wurde Deutsche. Am 10. Mai 2017 wurde publik, dass die politisch linke Journalistin, die für Özgyr Radyo berichtete, schon am 30. April verhaftet worden sei, wegen ihrer Arbeit. Die türkischen Behörden hatten die Bundesregierung über die Verhaftung Tolus nicht informiert.

Als die Nachricht von der Verhaftung in Ulm bekannt wurde, bildete sich ein breiter Unterstützerkreis. Zunächst aus Verwandten und Freunden. Später forderte Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) Freiheit für Tolu. Die Parteien im Stadtrat schlossen sich an. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Thomas Kienle organisierte Aktionen mit wie auch linke Kurden, Türken und Schwaben. Weshalb? »Das ist der Ulmer Spirit oder anders gesagt: die Chance einer Stadt«, sagt Kienle zu Publik-Forum. »Demokratie, Toleranz und Meinungsfreiheit bilden unsere gemeinsame Basis, deshalb arbeiten wir lebendigen Kräfte der Stadtgesellschaft für die Freiheit der Mitbürgerin – auch ich, der vermutlich allerlei andere Positionen vertritt als Frau Tolu.«

Die Solidarität spaltete auch. Viele machten nicht mit. Die Moscheevereine blieben fern. Mesale Tolu ist eben keine fromme Kopftuchträgerin. Doch ihre alten Lehrer zogen mit. Später beim Befreiungsfest wurde Tolu, die die Türkei noch nicht verlassen darf, per Skype in das Ulmer Befreiungsfest zugeschaltet. Als sie ih

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