Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2016
Ohne Hoffnung keine Zukunft
Der Inhalt:

Fröhlich scheitern

von Josefine Janert vom 15.01.2016
Jedes Jahr dieselbe Hoffnung: Diesmal wird alles anders. Oder? Meist halten die guten Vorsätze nicht lange. Aber das ist in Ordnung. Denn auch Scheitern kann man lernen

Ehrlich gesagt, bin ich in meinem Leben schon oft gescheitert. Wie oft habe ich mir vorgenommen, mein Russisch zu verbessern? Täglich fünf Vokabeln zu lernen, das ist mein Plan. Meist klappt es zwei, drei Tage lang, dann verschiebe ich das Vorhaben, weil andere Dinge wichtiger sind. Auch will ich regelmäßig mit meinem Partner wandern und weniger Zeit auf sinnlosen Internetseiten und vor überflüssigen Fernsehfilmen verbringen. Ich will weniger Zucker und Fett essen. Immer wieder nehme ich mir das vor, zuletzt zu Silvester. Und immer wieder scheitere ich.

Ich weiß, dass ich in guter Gesellschaft bin. Unzählige Menschen legen am 1. Januar das Versprechen ab, nie mehr zu rauchen, öfter Sport zu treiben oder ihren Alltag besser zu organisieren – nur um nach ein paar Tagen in den alten Trott zurückzufallen.

»Warum muss es ausgerechnet der 1. Januar sein?«, fragt der Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert. »Jeder andere Tag würde sich ebenso eignen.« Was für eine schreckliche Vorstellung: Wenn ich mit meinen Neujahrsvorsätzen am 29. Januar gescheitert bin, könnte ich es am 30. Januar schon wieder versuchen – allein der Gedanke setzt mich noch mehr unter Druck.

Hans-Werner Rückert leitet die Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Mit dem Buch »Schluss mit dem ewigen Aufschieben« wurde er deutschlandweit bekannt. Rückert weiß von vielen angefangenen Dissertationen, die irgendwo in Schubladen schlummern. Die Autoren müssten sich entweder eingestehen, dass sie für das Schreiben mehr Zeit und Kraft brauchen, also ihren Alltag verändern müssten. Oder sich eingestehen, dass sie die Arbeit wohl niemals einreichen werden. Mit dem Aufschieben »umgeht man Konflikte, unangenehme Gefühle und auch ein Risiko: Man könnte ja an der Doktorarbeit scheitern«, sagt Rückert. »Wenn man gar nichts tut, bleibt das Versprechen an die Welt, dass man eines Tages eine gute Dissertation vorlegt, und man schützt sein Selbstwertgefühl.«

Es bleibt also mein Versprechen an die Welt, dass ich eines Tages schlank bin und sehr gut Russisch spreche. Wenn ich es doch nicht schaffe, wäre das ärgerlich, aber kein Drama, das meine Existenz vernichtet. Doch Scheitern kann schrecklich sein: Man denke nur an die 24 085 Unternehmer, die laut Statistischem Bundesamt 2014 Insolvenz angemeldet haben.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen