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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

»Wir leben nicht im Wunderland«

von Knut Henkel vom 16.01.2015
Weltweit gilt Kinderarbeit als Ausbeutung. In Bolivien aber kämpfen Kinder für ihr Recht, arbeiten zu dürfen

Auf dem Wochenmarkt in Cochabamba herrscht quirliges Treiben. Marktfrauen preisen ihre Waren an, Obst und Gemüse wird feilgeboten, Radios, bunte Röcke, Keramik, Schmuck. Und dazwischen immer wieder junge Burschen, die die Waren auf Sackkarren von einem Ende zum anderen transportieren. Einer von ihnen ist Gerald Vino Vidal. Jeden Samstag ist der 12-Jährige auf dem Markt im Zentrum von Boliviens viertgrößter Stadt unterwegs, um dort sein Geld zu verdienen. »Ich arbeite, weil meine Mutter uns ein besseres Leben ermöglichen will, aber das Geld dafür nicht ausreicht«, sagt der pfiffige Junge. Gerald bezahlt von seinem Job seine Schulsachen und seine Kleidung – so wie viele arbeitende Kinder in seiner Heimat, dem ärmsten Land Lateinamerikas. Gerald Vino Vidal, der aufgeweckte Junge mit dem Bürstenschnitt, vertritt einige von ihnen: Er ist Sprecher der Organisation der Kinderarbeiter von Cochabamba. Sie wollen erreichen, dass die Politik sie bei ihrer Arbeit besser schützt – anstatt Kinderarbeit generell zu kriminalisieren.

Schätzungen des Arbeitsministeriums zufolge gibt es in Bolivien rund 850 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die regelmäßig arbeiten. Manche arbeiten täglich Vollzeit, manche ausschließlich nach der Schule und manche, wie Gerald, nur an einem Tag am Wochenende. Experten vermuten, dass jedes vierte Kind in Bolivien arbeiten muss oder will, weil die Familie auf die zusätzlichen Einkünfte der Kinder schlicht angewiesen ist. »Das ist die Realität hier«, sagt Elizabeth Patiño Durán, Kinderrechtsexpertin von terre des hommes in Cochabamba. »Davor haben wir zu lange die Augen verschlossen. Die arbeitenden Kinder und Jugendlichen waren es schließlich, die für eine Anpassung der Gesetze auf die Straße gingen.«

Regulieren statt kriminalisieren

Mit mehreren Demonstrationen in La Paz, dem Regierungssitz des Landes, aber auch in Cochabamba und anderen Städten haben sich die minderjährigen Arbeiter zu Wort gemeldet. »Wir wollen mitentscheiden, wenn es um uns und unsere Arbeit geht«, sagt Gerald, der bereits in Fernseh-Talkshows aufgetreten ist. Er repräsentiert nicht nur die arbeitenden Kinder von Cochabamba, sondern gehört auch zu den wortgewandten Sprechern der nationalen Dachorganisation der arbeitenden Kinder. Die Unatsbo ist die gewerkschaftliche Vertretung der Kinderarbeiter. Ende 2013

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