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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2014
Europa, aber richtig
Gegen die Zerstörung eines einzigartigen Projekts. Ein Plädoyer
Der Inhalt:

Von aller Weisheit verlassen

von Erich Busse vom 17.05.2014
Die Kirchen im Ersten Weltkrieg: Ohne ihre Haltung ist die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen. Ein Zwischenruf von Erich Busse
Krieg mit dem Segen der Kirche: Deutscher Feldgottesdienst im Ersten Weltkrieg. (Foto: Ullstein)
Krieg mit dem Segen der Kirche: Deutscher Feldgottesdienst im Ersten Weltkrieg. (Foto: Ullstein)

Der Erste Weltkrieg wurde über Jahrzehnte vorbereitet. Zigtausende Arbeiter schufteten in Bergwerken, Stahlwerken und Rüstungsfabriken. Tausende von Ingenieuren und Wissenschaftlern erfanden neue, noch grausamere Waffen. Millionen Steuerzahler finanzierten das. Hinterher waren drei Kaiserreiche zerstört, Millionen Menschen getötet, ganze Völker traumatisiert. Keiner hat es gewollt. Alle waren unschuldig. Aber Millionen haben mitgemacht. Kriege sind eben flächendeckender, kollektiver Schwachsinn.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 09/2014 vom 09.05.2014, Seite 20
Europa, aber richtig
Europa, aber richtig
Gegen die Zerstörung eines einzigartigen Projekts. Ein Plädoyer

Hinterher begannen die Völker an der Kirche zu zweifeln, die ihnen gesagt hatte, dass »Gott mit uns« ist, also gegen die anderen, dass der Krieg ein Gottesdienst, also ein Dienst an Gott ist. Dieser Krieg offenbarte das Versagen von zwei Jahrtausenden christlicher Kultur in Europa. Damit begann die große Krise für die Kirchen in Europa. Und dieser Krieg ist ohne die Haltung der Kirchen nicht zu verstehen.

Es herrschte eine Theologie, die Waffen und Soldaten segnete, den Kreuzestod Jesu mit dem Tod der Soldaten auf eine Stufe stellte, Obrigkeitsgehorsam mit dem Gottesgehorsam gleichsetzte. Der Schöpfergott wurde zu einem nationalen Kriegsgott. In der Schule und Kirche wurde gelehrt: »Alle Obrigkeit ist von Gott.« Diese Irrlehren führten Europa geradewegs in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Die Kirchen schickten mit Festgottesdiensten die Soldaten ins »Feld«. Es kommt einem das kalte Grausen, wenn man Predigten aus dieser Zeit liest. Der Tod auf dem »Feld der Ehre« wurde als »Opfer auf dem Altar des Vaterlandes« verklärt. Viele sagten, der Krieg diene der seelischen Reinigung und Veredlung des Volkes. Auch von den Kanzeln war dieser Schwachsinn zu hören. Auch Künstler und Intellektuelle erlagen der Kriegseuphorie. Viele von ihnen waren schon wenig später von dieser geistigen Verirrung geheilt, so wie Ernst Barlach, der fortan entschiedener Gegner von Krieg und Menschenverachtung war.

Viele Juden drängelten sich geradezu zu Heldentaten. Sie wollten beweisen, dass sie »gute Deutsche« sind. Fritz Haber, der Erfinder des Giftgases, war Jude. Wenn die Juden gewusst hätten, wie das Vaterland ihnen das schon wenig später danken würde, hätten sie sich nicht zum Krieg gedrängelt. Haber ist 1934 in Basel gestorben. Sonst hätte sein Leben mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Gaskammer geendet.

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Die Kirchen beanspruchten, göttliche Weisheit zu verkünden. Göttliche Weisheit wäre es gewesen, die Menschen aller Völker zu kollektiver Befehls- und Gehorsamsverweigerung aufzurufen. Es gab Kriegsverweigerer und Deserteure. Besonders bei Quäkern, Mennoniten, Zeugen Jehovas … In den großen Kirchen waren es seltene Ausnahmen. Sie wurden von ihren Kirchen schmählich im Stich gelassen.

Die Kirchen protestierten nicht gegen den Bruch des Völkerrechtes durch den Überfall auf das neutrale Belgien. Sie protestierten nicht gegen das Massaker in Tamines im August 1914, nicht gegen die Zerstörung der Stadt Löwen Tage später. Sie protestierten nicht gegen den Völkermord an den Armeniern, nicht gegen die Verwendung von Giftgas, nicht, als der Kaiser Bordelle für Soldaten einrichten ließ. Die katholische Kirche hatte im Kulturkampf böse Erfahrungen mit dem Kaisertum gesammelt. Aber sie rief nicht zur Kriegsverweigerung auf. Auch die Katholiken wollten »gute Deutsche« sein. Papst Benedikt XV., auch als Friedenspapst bekannt, wollte das Blutvergießen beenden. Aber seine Friedensappelle verhallten ohne Wirkung. Auch bei der katholischen Kirche in Deutschland.

Ein Umdenken nach dem Krieg gab es bei einzelnen Theologen, Künstlern, Intellektuellen. Nicht bei den großen Kirchen. Nicht bei der Masse des Volkes. So ließ sich das deutsche Volk für die nächste, noch größere Katastrophe missbrauchen.

Die deutschen Kirchen tun sich immer noch schwer, ihr Versagen in zwei Kriegen einzugestehen und Konsequenzen daraus zu ziehen: Die Lehre vom »gerechten Krieg« ist nicht aus der Theologie verbannt. Die Militärseelsorge wird vom Staat finanziert. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis ist nicht allgemeines Bekenntnis der Evangelischen Kirche. Ganz zu schweigen vom Darmstädter Wort. Deutsche Fabriken produzieren täglich tausendfachen Tod und schicken ihn in die Welt. Die Kirchen schweigen dazu. Sie werden erst aus ihrer Krise finden, wenn sie allen Versuchungen durch Teilhabe an der Macht abschwören und sich – dem Gebot Christi entsprechend – vorbehaltlos auf die Seite derer stellen, die Frieden ohne Waffen erreichen wollen. Nicht nur das Gift in den Fässern vom Ersten Weltkrieg auf dem Boden der Nordsee, sondern auch eine falsche Theologie kann tödliche Wirkung entfalten.

Kommentare
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Heinz Pütter
20.05.201408:55
Nicht nur die Kirche hat versagt und schlimmes Leid angerichtet.
Wir alle sehnen uns nach einer harmonischen Welt, nach einem menschlichen Miteinander in allen Lebensbereichen. Wie können wir die Vision einer lebenswerten Welt Wirklichkeit werden lassen? "Intuitiv weiß das jeder. Die Menschen müssen wieder Zugang zu sich selbst finden. Intuitiv spüren, was sie ursprünglich einmal wollten, und dann gelingt es", sagt Hirnforscher Professor Gerald Hüther. "Sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch", sprach Jesus Christus gemäß der Bibelübersetzung von Martin Luther.
Was uns heute fehlt ist Intuition.
Intuition kommt vom Lateinischen 'intueri'; das heißt: nach innen schauen. Intuition ist ein Wissen von innen heraus.
Paul Haverkamp
17.05.201411:02
Eine Unzahl von Beispielen lässt sich aus der Kirchengeschichte heranziehen, um den Missbrauch des Namens Gottes zu dokumentieren. Von der Germanenmission über die Kreuzzüge - der Aufruf Papst Urbans steht unter dem Motto: Gott will es - weiter über die Hexenprozesse und die Eroberung Mittel- und Südamerikas unter dem Zeichen des Kreuzes bis hin zum Zweiten Weltkrieg, als es im Namen Gottes galt, den Kommunismus zu besiegen; die Koppelschlösser der deutschen Soldaten trugen die Aufschrift : Gott mit uns.
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Immer dann, wenn Menschen den Namen Gottes heranziehen, um gegenüber anderen Menschen Gewalt anzuwenden, findet ein Missbrauch des Namens Gottes statt.
Alle Versuche von Menschen aus dem weltlichen und kirchlichen Bereich, ihre Zielsetzungen mit Gott zu legitimieren, stellen einen Verstoß gegen das zweite Gebot dar : Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.