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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2020
Beziehungskrise
Wie Masken, Abstand und digitale Kommunikation die Gesellschaft verändern
Der Inhalt:

Sterbehilfe unter allen Umständen?

von Thomas Sitte vom 01.09.2020
Streitfragen zur Zukunft: Laut Bundesverfassungsgericht hat jeder ein Anrecht auf Beihilfe zur Selbsttötung. Die organisierte Sterbehilfe ist wieder erlaubt. Geht diese liberale Rechtsprechung in die richtige Richtung? Der Arzt Thomas Sitte begründet, warum Beihilfe beim Suizid keine ärztliche Aufgabe ist.
Zuwendung und Linderung statt Sterbehilfe: In einem Hospiz sprechen eine Palliativmedizinerin und eine Palliativ-Krankenschwester mit einem Patienten (Foto: pa/Grubitzsch)
Zuwendung und Linderung statt Sterbehilfe: In einem Hospiz sprechen eine Palliativmedizinerin und eine Palliativ-Krankenschwester mit einem Patienten (Foto: pa/Grubitzsch)

So fundamentale Entscheidungen für ein Gemeinwesen, wie die über Sterben und Tod, tragen eine Verantwortungslast in sich, die die Fähigkeiten von acht Richterpersonen deutlich übersteigt. Dem Senat hätte Zurückhaltung gut angestanden. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidbeihilfe schoss weit darüber hinaus, was die Handvoll ärztlicher Beschwerdeführer forderten. Diese wollten mehr (vermeintliche) Rechtssicherheit für ihren Beistand bei Sterbenden oder auch für ihre mögliche Beihilfe zur Selbsttötung in sehr, sehr wenigen Einzelfällen. Bekommen haben sie den Anspruch auf ungehinderte und unterstützte Selbsttötung – völlig unabhängig von subjektiv empfundenem oder objektiv dokumentierbarem Leid.

Dieses Urteil ist ein Meilenstein auf der schiefen Ebene zum »sozialverträglichen Frühableben«. Der Grundwert des Lebens an sich steht zur Disposition. Gibt es jetzt noch »vernünftige« Gründe für unsere Gesellschaft, die Beihilfe zur Selbsttötung oder sogar die Tötung auf Verlangen zu verweigern, wenn jemand dies fordert?

Ich selber berate als Palliativmediziner schon seit Jahrzehnten Menschen, deren Anliegen es ist, dass ihr Leben nicht gegen ihren Wunsch verlängert wird. Meist gebe ich Rat, was man tun muss, damit man nicht gegen seinen Willen behandelt wird und wie Leiden gelindert werden. Viel seltener erkläre ich auch, wie man sich das Leben nehmen kann.

Gute Aufklärung stärkt die Autonomie der Patienten: Deshalb spreche ich in solchen Fällen auch die Möglichkeiten zur Selbsttötung an. Im Beratungsgespräch gebe ich meinen Patienten das Versprechen, dass ich ihnen beistehe und sie nicht im Stich lasse. Und dass ich mich um alles kümmere, um wi

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