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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2018
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt
Der Inhalt:

Sie töten Europas Seele

Es beginnt mit Worten. Es endet mit Taten. Seehofer und Co. zerstören Menschen, Hoffnungen, Werte. Die Kirchen widerstehen. Endlich!
Mauern der Ablehnung, gebaut gegen die Angst vor Veränderung: Das kann nicht Europas Zukunft sein. (Zeichnung: Stuttmann)
Mauern der Ablehnung, gebaut gegen die Angst vor Veränderung: Das kann nicht Europas Zukunft sein. (Zeichnung: Stuttmann)

Pervers, brutal, emotional: Das sind die Wörter, die wir seit einiger Zeit in der Politik lernen. Asyltourismus. Asylindustrie. Obergrenze. Masterplan Migration. Ausschiffungszentren. Abschiebung. Illegale Masseneinwanderung. Transitzentren. Flüchtlingsströme.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2018 vom 27.07.2018, Seite 10
Geborgen und unbehaust
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt

Ja, und dann gibt es natürlich auch noch Sätze, die keines dieser Wörter enthalten. Sätze, die aber auch ohne neue rechtspopulistische Vokabeln Menschenverachtendes zum Ausdruck bringen. Wie jener Satz des Innenministers, mit dem er sich jüngst selbst gratulierte: »Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 Personen – und das wurde von mir nicht bestellt – nach Afghanistan zurückgeführt worden.« Horst Seehofer nahm es zum Beweis seiner funktionierenden Asylpolitik und als Geschenk zum Wiegenfest. Andere nahmen es zum Beweis dafür, dass der Innenminister sein Amt nicht mehr würdig ausfüllen könne und am besten gehen solle.

Die Kritik kommt – scharf und vielstimmig – nicht zuletzt von Vertretern der Kirchen in Deutschland. Das kritisiert wird, ist nicht neu. Neu aber ist es, dass sich mittlerweile Basis und Kirchenleitung verbünden, dass diplomatische Zurückhaltung aufgegeben wird, dass das Ende der Leisetreterei gekommen ist. Das ist gut so. Und das ist definitiv ein Schritt nach vorn, der in diesen Zeiten zwingend getan werden musste.

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, beschrieb Seehofers Satz in einem Zeit-Interview als »höchst unangemessen«. Über Markus Söders Vokabel »Asyltourismus« sagte er: »Das klingt, als wären die Leute unterwegs in die Ferien.« Doch viele riskierten auf der Flucht ihr Leben. Es sei schlimm, dass Teile der Gesellschaft immer »verbal radikaler« würden – und mit diesen Teilen meinte der Kardinal offenbar auch Minster(präsidenten).

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Wenn in der Politik »ganz oben« Menschenverachtung die politischen Pläne regiert, kann ganz »ganz oben« in den Kirchen nicht geschwiegen werden. Wie Marx kritisieren auch Bischöfe und Bischöfinnen der evangelischen Kirche den grassierenden Rechtspopulismus, zeigen sich Synoden solidarisch mit Flüchtlingshelfern, formulieren kirchliche Verbände und Räte, dass sie jene Demokratie in Gefahr sehen, die in Deutschland mit guten Gründen normative Voraussetzungen hat. Das Grundgesetz verpflichtet auf Werte, deren Auflistung mit dem Satz beginnt: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Was das konkret heißt, machen Christen an der Basis klar: Tausende engagieren sich für Ausgegrenzte. Bruder Abraham aus Münsterschwarzach ist einer von ihnen. Er reiste vor wenigen Tagen mit jungen Männern aus Afghanistan, die in seinem Kloster wohnen, zur #ausgehetzt-Demo nach München, wo mehrere zehntausend Menschen gegen die Verrohung der CSU-Politik demonstrierten. Warum tat er das? »Flüchtlinge sind auch mit einer menschlichen Würde ausgestattet. Das ist die christliche Botschaft«, sagte er einem Reporter. Die Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland bemüht sich derweil, mit Hilfe des Vatikans jene Aufklärungsflüge über dem Mittelmeer wieder in Gang zu bringen, die untersagt wurden. »Die Not und das Elend sollen überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden. Das ist ein unerträglicher Zynismus, mit dem sich die Europäer schuldig machen«, sagte Kammervorsitzender Manfred Rekowski der Frankfurter Rundschau.

Die Kirchen sagen laut, dass es hier und heute nicht reicht, wenn Europas Politiker beteuern, man werde die Fluchtursachen bekämpfen. Dass es nicht reicht, die Grenzen gut zu sichern, damit man das Elend nicht sieht. Und dass »christlich« nicht ist, wenn man im Land für Ruhe und Ordnung sorgt um den Preis, das Recht zu brechen.

Herr Seehofer möchte mit den Kirchen reden. Ihnen – so sagte er – zum Beispiel die Frage stellen: »Ist es unchristlich, Gefährder und Straftäter außer Landes zu bringen?« Man wird ihm wohl erklären müssen, dass die meisten Geflüchteten keine Straftäter sind. Man wird ihn weiter daran erinnern müssen, dass auch Straftäter eine Menschenwürde haben, die bisweilen in Deutschland geschützt werden muss. Und man wird ihm vielleicht auch eine Frage stellen: Warum zerstören Sie täglich ein Stück der Seele Europas?

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Franz Hench
25.07.201821:25
Alles richtig; allerdings: auch Straftäter haben Menschenwürde, was aber nicht heißt, dass sie (dennoch) in Deutschland zu schützen sind, sondern, dass sie ihr Recht verwirkt haben, sich bei uns aufzuhalten.
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