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»Religion ist kein Problem für uns«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 27.11.2017
Ost-Jerusalem, 17:43 Uhr. Pünktlich bei Anbruch der Nacht ruft der Muezzin. Am Horizont ist noch ein rosaroter Streifen Licht zu sehen, als der Ruf »Allahu akbar« – Gott ist groß – die Luft erfüllt...
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Dunia (links) mit Klassenkameradinnen: »Meine Eltern unterstützen mich, vor allem mein Vater.« (Foto: Rheinheimer)
Dunia (links) mit Klassenkameradinnen: »Meine Eltern unterstützen mich, vor allem mein Vater.« (Foto: Rheinheimer)
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Er wird weitergetragen, erklingt aus verschiedenen Moscheen der Stadt – nicht scheppernd und blechern, wie in einigen arabischen Großstädten, sondern melodisch und klar. Die ersten Lichter gehen an in Jerusalem, wenige Minuten später ist es dunkel. Ich stehe am Fenster meines Hotelzimmers und frage mich, was Dunia wohl jetzt macht, die 14-jährige Schülerin im Flüchtlingslager Shu’fat.

Sie habe ich beim Besuch einer Mädchenschule kennengelernt, die die Vereinten Nationen in Shu’fat betreiben. Dunia spricht sehr gut Englisch, will Übersetzerin werden, wenn sie fertig ist mit der Schule. »Meine Eltern unterstützen mich, vor allem mein Vater«, erzählt sie den deutschen Journalisten. Shu’fat, das Flüchtlingslager am Stadtrand Jerusalems, ist ihre Heimat. Das Camp wurde 1965 von UNRWA, dem UN-Flüchtlingswerk für palästinensische Flüchtlinge, errichtet, damals für rund dreitausend Menschen. Heute leben schätzungsweise 24.000 Menschen auf demselben Raum.

Wer den israelischen Checkpoint passiert und Shu’fat betritt, dem fallen als erstes die Müllberge ins Auge. Müll – überall Müll. Israel fühlt sich nicht zuständig, und die palästinensische Autonomiebehörde darf hier, in Ost-Jerusalem, nicht tätig werden. Und so bleibt der Müll augenscheinlich einfach liegen. »Das ist hier ein rechtsfreier Raum«, erklärt ein Mitarbeiter der UN, auch wenn es um Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr geht, ist niemand wirklich zuständig. Als unser Kleinbus um die Kurve biegt, wirft ein Teenager einen Stein auf das Auto mit israelischen Soldaten hinter uns.

Halbfertige Häuser säumen den Straßenrand – ein Zeltlager ist Shu’fat nicht, eher ein heruntergekommenes Stadtviertel mit von Schlaglöchern gesäumten Straßen, aber auch mit Blumenläden und Schuhgeschäften, Autowerkstätten und Läden, in denen Couchgarnituren auf neue Besitzer warten. An einem Café hängt ein Schild mit der Aufschrift »Nutella. The meaning of life«, daneben ein Spielwarenladen und eine Boutique, in der Abendkleider verkauft werden. Dazwischen stehen überwiegend Jungs und junge Männer herum. Die Arbeitslosigkeit ist hoch hier. Genaue Zahlen hat niemand, aber die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei schätzungsweise 55 Prozent.

Die 14-jährige Dunia blickt trotzdem hoffnungsvoll in die Zukunft. Zumindest hat es den Anschein. Sie ist zusammen mit rund zwanzig anderen Mädchen zwischen 8 und 15 Jahren im Schulparlament vertreten. Auffällig ist, wie selbstbewusst die Mädchen auftreten – schon die Kleinsten. Sicher, es sind ausgewählte Schülerinnen, die uns Journalisten in der Schule gegenübersitzen. Dennoch beeindruckt mich ihre Selbstsicherheit und ihre Lebensfreude. Als Vertreterinnen im Schulparlament gehört es zu ihren Aufgaben, ihren Mitschülern die Menschenrechte nahezubringen. »Aber ich erzähle auch meinen Eltern, meinen Brüdern und Schwestern davon«, sagt Dunia.

Ob die Mädchen schon einmal gleichaltrige Schülerinnen aus Israel getroffen haben, will ich wissen. Einige nicken. »Einmal habe ich einen Ausflug gemacht mit meiner Familie und ich habe israelische Mädchen getroffen und wir sind Freunde geworden«, erzählt eine von ihnen. Eine andere bestätigt: »Wir haben mal ein Picknick in Jaffa gemacht. Dann haben wir mit Israelis gesprochen und die fanden das selbst doof, was die israelischen Soldaten tun.« Ein anderes Mädchen meldet sich zu Wort. Sie hat noch nie Israelis getroffen. Was sie sie denn gerne fragen würde, will ich wissen, die Gleichaltrigen auf der anderen Seite der Mauer. »Vielleicht könnte ich ihnen erzählen, was die Soldaten mit uns machen. Vielleicht würden sie uns dann verstehen und könnten mit den Soldaten reden«, antwortet das kleine Mädchen mit den dunklen, hoffnungsvollen Augen.

Vieles von dem, was die Mädchen erzählen, ist das, was westliche Besucher gerne hören. So erwidern viele auf die Frage, was sie von Juden halten: »Religion ist kein Problem für uns. Das Problem sind die israelischen Soldaten.« Aber dann scheint auch die andere Seite durch. Was sie denn davon halten, wenn die Jungs Steine werfen, wollen wir wissen. »Ganz sicher verteidigen die unser Camp«, antwortet eine 8-Jährige mit fester Stimme. Bevor die anderen Mädchen dazu kommen, etwas zu sagen, lenken die verantwortlichen Erwachsenen das Gespräch wieder in unpolitischere – sprich ungefährlichere – Bahnen.

Gerne hätte ich mehr Zeit mit ihr und den anderen Mädchen verbracht, sie zuhause erlebt, ihre Zimmer gesehen, mit ihren Eltern gesprochen. Gerne wäre ich mit ihnen durch die Gassen von Shu’fat gelaufen, doch das alles passte nicht in unseren engen Zeitplan. Und so bleibt es bei flüchtigen Begegnungen, bei einem Treffen, bei dem nicht ganz klar war, wer wen neugieriger beäugte: Die deutschen Journalisten die palästinensischen Mädchen oder andersherum.

Sie würde gerne einmal nach Deutschland kommen, sagt Dunia zum Abschluss und ihre schwarzen Locken wippen, als sie uns anlacht. Und nach Paris und in die USA möchte sie auch einmal. Ob sich dieser Traum jemals erfüllen wird? Ich wünsche es ihr.

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Seit Menschengedenken war der Himmel vor allem eines: der Sitz der Götter. Diese Naivität gibt es nicht mehr. Dennoch fasziniert uns der Himmel immer noch. /mehr

An der Hütte hängt ein Foto von Abu Khami mit Martin Schulz

Gestern Abend konnte ich nicht einschlafen. Ich musste an Abu Khamis denken, den Familienvater aus dem Beduinendorf. Er sitzt jetzt wohl mit seiner Frau und seinen Kindern in der Wellblechhütte, in der er uns wenige Stunden zuvor willkommen geheißen und bei Tee und Kaffee seine Lebensgeschichte erzählt hat. Abu Khamis ist Beduine, und sein Dorf Khan al-Ahmar – mehr eine Anhäufung ärmlicher Hütten als ein Dorf – liegt zwischen zwei israelischen Siedlungen, die dort illegal im Westjordanland errichtet wurden. Die Gegend ist derart karg und unwirtlich, dass es schwerfällt zu begreifen, dass die Menschen sich so unerbittlich um dieses Stückchen Land streiten. Auf den Hügeln der Stein- und Sandwüste grasen einige Schafe und Ziegen von Abu Khamis und seinen Nachbarn, ein Esel streckt neugierig den Kopf über ein Gatter. Die Hütten, in denen die Beduinen leben, sind aus Holzplanken, Wellblech und Plastikplanen zusammengezimmert. An der Hütte, in der Abu Khamis Besucher empfängt, hängt ein Foto von ihm mit Martin Schulz.

Der 50-jährige Beduine mit dem wettergegerbten Gesicht ist so etwas wie ein Star unter den Beduinen hier, ein David, der gegen den übermächtigen Goliath kämpft – in seinem Fall die israelische Besatzung. Denn sein Schicksal ist untrennbar mit dem von Israel und Palästina verknüpft. Oder, wie eine UN-Mitarbeiterin es ausdrückt: »Abu Khamis ist das Gesicht der Zweistaatenlösung«. 1951 wurde er mit seiner Familie aus dem angestammten Siedlungsgebiet vertrieben, seit 1953 lebt er in Khan al-Ahmar. Doch auch hier soll er nun nicht länger bleiben dürfen. Die israelische Regierung plant, das gesamte Dorf und seine Bewohner umzusiedeln in eine urbane Gegend. Das würde bedeuten, dass der schmale Korridor Land, in dem verschiedene Beduinenstämme leben, von israelischen Siedlern in Beschlag genommen wird. Damit würde der südliche Teil des Westjordanlands vom nördlichen Teil abgeschnitten – und es gäbe de facto keine zusammenhängende, palästinensische Region mehr, die die Staatlichkeit für sich beanspruchen würde. Auch deshalb kämpft Abu Khamis dafür, bleiben zu dürfen. »Wir müssten unseren gesamten Lebensstil aufgeben, wenn wir umgesiedelt werden«, erklärt er. Die Kultur und Identität seines Stammes wäre unwiderruflich verloren.

Abu Khamis kennt die Siedler, die wenige Kilometer entfernt wohnen. Es sind Abgeordnete der Knesset darunter, des israelischen Parlaments, ein früherer israelischer Botschafter, und der Landwirtschaftsminister. Als 2009 die neue Schule im Beduinendorf eingeweiht wurde – ein Bau errichtet aus alten Autoreifen, Lehm und Falafelöl – kamen die Siedler und schüttelten Abu Khamis die Hand. Einen Tag später war der Abrissbescheid da.

Die Schule soll, genau wie alle anderen Hütten im Dorf, niedergerissen werden. Dass es dazu noch nicht kam, ist unter anderem der Unterstützung der Vereinten Nationen sowie italienischer und französischer NGOs zu verdanken. Auch von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem wird der Vater von sieben Kindern unterstützt. Sie warnte israelische Politiker und Premierminister Benjamin Netanyahu, dass sie sie persönlich für Kriegsverbrechen anklagen würden, sollten sie die Zerstörung des Beduinendorfes fortsetzen.

Khan al-Ahmar ist zu einem Politikum geworden. Die israelische Regierung geht deshalb durchaus bedacht vor: Bilder von Bulldozern, die die Hütten niederwalzen, sollen nicht um die Welt gehen –, stattdessen ist es »ein Wirtschaftskrieg«, wie Abu Khamis sagt. Und eine Zermürbungstaktik.

Die Kinder? Eine Schaukel, eine Rutsche und ein Klettergerät, die eine Nichtregierungsorganisation geliefert hatten, durften nicht aufgestellt werden. Begründung: Es fehlte die Baugenehmigung, um die Schaukel zehn Zentimeter tief in den Boden zu rammen. Die Tiere? Ziegen und Schafe dürfen nicht mehr grasen in der Umgebung, verirrt sich einmal eine Ziege zu weit nach draußen, wird sie von israelischen Kräften festgenommen und muss von ihrem Besitzer »freigekauft« werden, der allerdings auch für die Tage, die die Ziege in israelischer »Haft« verbringt, zahlen muss.

All das erzählt Abu Khamis mit ruhigen Worten. Er hat es schon oft erzählt, Journalisten, Mitarbeitern von Menschenrechtsorganisationen und Politikern in aller Welt. Die Betroffenheit auf den Gesichtern seiner Zuhörer ist wohl stets dieselbe – aber wird ihm das helfen, am Ende?

Der seit Jahren andauernde Streit geht in eine entscheidende Phase, denn der Fall landet jetzt vor dem höchsten israelischen Gericht. Und was wird Abu Khamis tun, wenn er nicht Recht bekommt vor Gericht, allen internationalen Konventionen zum Trotz? Darauf hat er keine Antwort. Die Hoffnung hat er immer noch nicht ganz begraben, so scheint es. Aber er ist angewiesen auf internationale Unterstützung. Auch deshalb verabschiedet er sich von uns mit den Worten: »Danke, dass Sie gekommen sind, um die Realität zu sehen.« – Das ist eine Seite der Realität.

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