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Organspende ja oder nein?

Warum der Zwang zur Entscheidung falsch ist. Zwischenruf einer Krankenhausseelsorgerin
von Christine Franke vom 20.03.2012
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Wir alle werden künftig regelmäßig gefragt werden, ob wir gegebenenfalls Organe spenden:  Aber ist ein Schreiben der Krankenkasse dafür der richtige Weg?  (Foto: pa/May)
Wir alle werden künftig regelmäßig gefragt werden, ob wir gegebenenfalls Organe spenden: Aber ist ein Schreiben der Krankenkasse dafür der richtige Weg? (Foto: pa/May)

»Ja, nein, ich weiß nicht.« - Das alles können wir jetzt antworten, wenn wir von der Krankenkasse gefragt werden »Wie hältst du’s mit der Organspende?« Koalition und Opposition haben sich in den vergangenen Wochen darauf geeinigt, dass jeder Krankenversicherte in Deutschland künftig in regelmäßigen Abständen zu seiner Bereitschaft, seine Organe zu spenden, befragt werden soll. Ein entsprechender Brief mit Informationen soll bereits in diesem Jahr analog zur neuen elektronischen Gesundheitskarte verschickt werden. Auf der, so der Plan, wird dann auch die Entscheidung gespeichert. So weit die Lage. Seit Wochen beschäftigt mich nun die Frage, dass und wie wir nun gefragt werden. Denn als Seelsorgerin begleite ich Tag für Tag Menschen, die auf ein Herz oder eine Lunge warten - und ihre Angehörigen.

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Luisa ringt bei jedem Atemzug nach Luft

So habe ich Luisa kennengelernt. Sie ist 19, frisch verliebt und macht Judo. Bei jedem Atemzug ringt sie nach Luft - kaum auszuhalten ist das für ihre Mutter und die jüngere Schwester. Oder Ole, er ist vier und wartet auf ein Herz, damit er wieder auf die Spielplatz-Rutsche kann. Seine Mutter weicht kaum von seinem Bett; dabei treiben sie noch andere Fragen um: Wie werden ihr Mann und Oles ältere Schwester zu Hause mit der Situation fertig? Oder Tanja F.: Die 42-Jährige wird von ihrem Mann und ihrer Mutter begleitet. Daheim wartet ihre zweijährige Tochter auf sie. Tanja will möglichst schnell wieder zurück zu ihr. Und Herr Müller ist vor Kurzem erst in Rente gegangen - jetzt sollte für ihn und seine Frau noch mal ein neues Kapitel Leben beginnen: reisen, der kleine Garten und endlich, endlich genug Zeit für die Enkelkinder.

Namen, Geschichten, Biografien, über die ich ganze Bücher schreiben könnte. Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind - Wünsche nach Leben und Zukunft, die ich so gut verstehe! Das ist ja auch nicht schwer. Was finde ich hingegen schwer an dieser Debatte über Organspenden?

Der Hirntod wird von Medizinern zunehmend infrage gestellt

Mir bereitet der Sprachgebrauch Sorge, der verschleiert, dass wir, wenn wir über die Transplantation sprechen, genauso über die Explantation reden müssten. Denn dieser Ausdruck würde vor Augen führen, dass das Organ nicht nur übertragen, sondern einem Menschen entnommen wird. Das setzt bekanntlich voraus, dass der Spender hirntot ist. Was für ein Wort! Diese Sprache nennt »tot«, wer »hirntot« ist - doch eben dieser sogenannte »Hirntod« wird in der internationalen medizinischen Fachliteratur zunehmend infrage gestellt. Dort diskutiert man darüber, ob der Hirntod eigentlich ein »Hirnversagen« und erst der Beginn des Sterbeprozesses ist oder schon der Tod. Wissen die Spender und ihre Angehörigen überhaupt, was das heißt, wenn der Beginn des Sterbeprozesses schon das Ende ist? Ich finde es begrüßenswert, wenn Menschen ihre Organe freiwillig und im Wissen um das, was sie tun, spenden. Dann ist das eine wunderbare Tat der Nächstenliebe über den Tod hinaus. Doch was, wenn das nicht so ist?

Wird umfassend genug informiert?

Ich habe meine Zweifel, dass ein Schreiben der Krankenkasse da ausreicht. Zumal auch spontane Rückfragen gar nicht möglich sind. Oder glaubt jemand im Ernst, dass ein gefragter Jugendlicher etwa spontan zum Hörer greift, um sich zu informieren? Und bei wem dann bitteschön?

Und da sind noch mehr Fragen, die ich stellen möchte:

Wird der juristisch verankerten Informationspflicht, die es zum Glück in unserem Land gibt, in einem solchen Fall genüge getan?

Wie umfassend wird darüber informiert, auf welche Weise Hirntoddiagnostik und Organentnahme vor sich gehen?

Wie wird bei einer Explantation mit Patientenverfügungen umgegangen, wenn diese beinhalten, dass ein Ende an »Apparaten und Schläuchen« abgelehnt und gefürchtet wird? Bis zur Organentnahme sind lebensverlängernde Maßnahmen unentbehrlich.

Wer entscheidet darüber und nach welchen Regeln, wie die so gewonnenen Organe akquiriert und verteilt werden?

Wird der Datenschutz eingehalten, wenn meine Entscheidung auf der Gesundheitskarte gespeichert wird?

Es ist nicht leicht, ein Organ ohne Schuldgefühle anzunehmen

Luisa, Ole, Tanja und Herrn Müller ist es zunächst nicht leicht gefallen, die Organe eines verstorbenen Menschen ohne Schuldgefühle anzunehmen. Was die vier letztendlich ihr Organ dankbar hat annehmen lassen, ist die Tatsache, dass es ihnen als Geschenk und in großer Freiheit des Spenders gegeben worden ist. Was läge da näher als eine breit angelegte öffentliche Diskussion mit umfassender und ehrlicher Information. Moralischer und zeitlicher Druck hingegen sind völlig fehl am Platz. Die Politik hat noch viel zu tun.

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Personalaudioinformationstext:   Christine Franke ist seit 2008 evangelische Krankenhausseelsorgerin am Deutschen Herzzentrum Berlin. Davor war sie Pfarrerin in Pankow und Krankenhausseelsorgerin in Berlin-Neukölln. Die 54-jährige ist verheiratet und hat selbst zwei erwachsene Söhne.
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