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Mojib Latif: »Wir wissen alles – wir tun nichts«

von Markus Dobstadt 12.08.2018
Das Wetter dreht Kapriolen. Wochenlang leidet Deutschland unter großer Hitze, dann ziehen Unwetter mit Sturm und heftigen Regenfällen übers Land. Alles Folgen der Erdüberhitzung? Der Klimaforscher Mojib Latif über Wetterextreme – und über unsere Zukunft
Beim Klimaschutz passiert viel zu wenig, sowohl in Deutschland als auch international, meint der Kieler Klimaforscher Mojib Latif. Er hofft, dass eine Klimabewegung von unten der Politik Druck macht. (Foto: pa/Krick/CITYPRESS24)
Beim Klimaschutz passiert viel zu wenig, sowohl in Deutschland als auch international, meint der Kieler Klimaforscher Mojib Latif. Er hofft, dass eine Klimabewegung von unten der Politik Druck macht. (Foto: pa/Krick/CITYPRESS24)

Publik-Forum.de: Herr Latif, im Sommer 2017 gab es Rekordniederschläge, in diesem Jahr gibt es Hitzerekorde. Wie sehr ist das Wetter inzwischen von der Erderhitzung geprägt?

Mojib Latif: Die Zahl der Hitzetage, an denen die Temperatur mindestens dreißig Grad erreicht, nimmt in Deutschland massiv zu. Das gleiche gilt für die Tropennächte, in denen es nicht mehr kühler wird als zwanzig Grad. Umgekehrt nimmt die Zahl der Frosttage ab. Das sind sichere Anzeichen dafür, dass der Klimawandel auch in Deutschland stattfindet. Und wenn Sie an der Küste leben, wie ich, können Sie auch den Anstieg des Meeresspiegels als Indiz nehmen.

Der ist bei Ihnen schon messbar?

Latif: Ja, der ist messbar. Weltweit beträgt er zwanzig Zentimeter, und auch bei uns an der Küste liegt der Anstieg in diesem Bereich.

Global steigt die CO2-Konzentration in der Luft weiter an. Die vergangenen vier Jahre waren die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen. Droht uns in Zukunft eine Verschärfung dieser Entwicklung? Was kommt auf uns zu?

Latif: Die Erde wird sich weiter erwärmen, und Wetterextreme werden zunehmen. Denn es ist nicht zu erkennen, dass politische Maßnahmen dagegen ergriffen werden – trotz des Pariser Klimaabkommens. Die Treibhausgasemissionen steigen weiter! Insbesondere CO2 bleibt rund einhundert Jahre in der Atmosphäre, bevor es nach und nach wieder aus der Luft verschwindet. Und je mehr davon in der Luft ist, umso länger dauert es, auf das Ursprungsniveau zurückzukommen.

Es gibt sogenannte Kipp-Punkte im Klimasystem, wie die Eisschmelze in der Antarktis oder das Auftauen der Permafrostböden in Russland. Ab einer bestimmten Erderwärmung ist die Entwicklung nicht mehr zu stoppen. Drohen dann regelrechte Sprünge beim Klimawandel?

Latif: Es droht eine Beschleunigung, ganz klar. Im Permafrost zum Beispiel sind große Mengen Methan gespeichert, was ein starkes Treibhausgas ist.Ich glaube allerdings, wir sind noch relativ weit von den Kipp-Punkten entfernt.

Müssten Wissenschaftler nicht stärker Alarm schreien, etwa wenn die Große Koalition die Klimaziele für 2020 einfach ad acta legt oder bei der EU schärfere Abgasgrenzwerte verhindert?

Latif: Die Wissenschaft hat schon längst nachgewiesen, dass der Mensch das Klima beeinflusst. Wir reden darüber seit über zwanzig Jahren. Jeder weiß es. Frau Merkel würde Ihnen das gleiche erzählen wie ich jetzt. Es geht daher nicht um Erkenntnis, die ist da. Und trotzdem passiert nichts! Die Frage ist, warum ist das so?

Ja, warum?

Latif: Sind wir, als einzelne Menschen, auch bereit, etwas zu tun? Sind wir bereit, unseren Konsum einzuschränken und auf die Flugreise zu verzichten? Keinen Geländewagen zu fahren oder generell weniger Auto? Das sind unbequeme Fragen. Wir haben uns an vieles gewöhnt, was rational keinen Sinn mehr ergibt. Würden wir uns nachhaltiger verhalten, wäre das auch für uns selbst besser.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Latif: Ja, ich habe zum Beispiel heute viele Termine in Hamburg. Ich mache die natürlich nicht mit dem Auto. Ich nehme die U-Bahn und das Fahrrad. Das ist total effizient und schneller und noch dazu völlig stressfrei. Deswegen habe ich nicht das Gefühl, dass ich auf etwas verzichte. Ich glaube, es muss einfach etwas in unsere Köpfen passieren, dass wir der Vernunft zum Durchbruch verhelfen.

Die Erdüberhitzung stellt unser ganzes Lebensmodell infrage, in dem Konsum einen wichtigen Stellenwert hat.

Latif: Ja, aber das Modell ist keines, das uns glücklich macht. Wir müssen uns fragen: Was macht uns eigentlich glücklich? Es ist nicht der Geländewagen. Glücklich machen die eigene Familie, die Kinder. Ich glaube, unser Wertesystem ist völlig durcheinandergeraten.

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Wenn Sie Politiker wären und allein entscheiden könnten, was würden Sie tun, um die Erderhitzung zu stoppen?

Latif: Ich würde aus der Kohle aussteigen. Sofort. Wir haben kein Versorgungsproblem beim Strom, wir exportieren ihn ohne Ende. Die Kohleverbrennung ist das Schädlichste, was Sie für das Klima machen können. Natürlich gibt es Probleme in einzelnen Regionen, weil die Energieerzeuger dort oftmals die einzigen Arbeitsplätze bieten. Wir reden insgesamt in Deutschland von etwa 20.000 Arbeitsplätzen.

Aber es würden bei den erneuerbaren Energien ja wieder welche entstehen.

Latif: Natürlich. Man hat viel zu spät angefangen, den Strukturwandel zu gestalten. Wir reden ja nicht erst seit heute darüber. Aber wenn Politiker Angst haben vor dem Wähler, dann kommt es zum Stillstand.

Das heißt, die Bundesregierung macht viel zu wenig für den Klimaschutz?

Latif: Die Bundesregierung macht überhaupt nichts mehr. Das muss man so deutlich sagen. Im letzten Wahlkampf hat das Klima keine Rolle gespielt. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD spielt es keine Rolle, von Worthülsen abgesehen. Deutschland ist beim Klimaschutz kein Vorbild mehr. Wir wissen alles, wir tun nichts. Ich kann nur Papst Franziskus zitieren, der in seiner Umweltenzyklika Laudato Si’ empfiehlt, sich auf die heute verfügbaren besten wissenschaftlichen Ergebnisse zu stützen – um sich davon zutiefst anrühren zu lassen. Darum geht es!

Bisherige Entwicklungsländer wie China oder Indien investieren zwar viel in erneuerbare Energien, aber sie planen auch etliche Kohlekraftwerke. Westliche Länder müssten eigentlich ihre Emissionen umso stärker reduzieren.

Latif: Ja, natürlich. Die alten Industrienationen haben eine historische Verantwortung. Ein Viertel des CO2 in der Luft stammt aus den USA! Die EU-Länder sind für ein weiteres Viertel verantwortlich. Ein anderer Aspekt sind die Pro-Kopf-Emissionen. Jeder Deutsche stößt im statistischen Mittel etwa zehn Tonnen Kohlendioxid po Jahr aus, in den USA sind es sogar 17 Tonnen. Ein Inder verursacht dagegen nur knapp zwei Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Nun stellen Sie sich vor, Indien erhöht seine Emissionen um das Fünffache. Unser Lebensentwurf ist einfach nicht nachhaltig.

Die Länder der Erde haben sich im Pariser Klimaabkommen verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst eineinhalb Grad, zu begrenzen. Ist das Ziel noch zu erreichen?

Latif: Ich glaube, das 1,5 Grad-Ziel können wir vergessen. Zwei Grad kann man noch hinkriegen, aber nicht so im Vorbeigehen. Das würde einen radikalen Klimaschutz bedeuten. Wir müssten dafür bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein. Und bis 2050 ist es gar nicht mehr so lange hin. Im Moment bin ich daher skeptisch. Aber es passieren immer Dinge mit einer Geschwindigkeit, die man nicht vorhergesehen hat. Ich denke zum Beispiel an die deutsche Wiedervereinigung. Die zeigt, dass eine Bewegung von unten viel erreichen kann. Das gleiche geschah beim Atomausstieg. Den gibt es nur, weil es die Anti-Atombewegung gab.

Das heißt, es müsste eine große Bewegung von unten für den Klimschutz entstehen?

Latif: Ja, aber auch Technologie kann sich unheimlich schnell durchsetzen. Ein Beispiel dafür ist das Smartphone. Ähnlich könnte es vielleicht mit den erneuerbaren Energien sein. Die haben ja nur Vorteile. Weltweit gehen heute schon mehr Investitionen in die erneuerbaren als in die konventionellen Energien. Wer weiß, ob sich daraus nicht eine Dynamik entwickelt, die alles abräumt, was sich dem bisher in den Weg stellt.

Am 8. September ist der Aktionstag »Rise for Climate«, in vielen deutschen Städten kämpfen zudem Initiativen für eine andere Verkehrspolitik, die Divestment-Bewegung, die für einen Abzug von Anlagevermögen aus von der fossilen Energieerzeugung eintritt, wächst. Es wächst bereits eine Bewegung von unten.

Latif: Ja, diese Entwicklung ist wichtig. Es ist notwendig, die Menschen vom Klimaschutz zu überzeugen. Dann greifen die Medien das auf, dann regiert die Politik. Das ist das eine. Ich setze aber auch auf die technologische Entwicklung und auf die Vernunft. Es macht einfach keinen Sinn, wertvolle Rohstoffe wie Kohle oder Öl, die wichtig sind für die Herstellung vieler Produkte, einfach nur zu verbrennen. Zudem kosten die Rohstoffe viel Geld, die erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne kosten nichts, jeder kann sie nutzen.

Vielleicht bräuchte es einen Weckruf?

Latif: Ja, den braucht es. Aber es wäre schlimm, wenn der so ausfällt wie die die Atomkatastrophe in Fukushima. Es muss doch möglich sein, ohne irgendwelche Katastrophen in die richtige Richtung zu gehen. Wir sollten die Katastrophen verhindern.

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Dorothea Korn
13.08.201823:19
Danke für die guten Fragen, die Antworten bestärken auch die Klimattac Gruppe!
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