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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2017
Weckruf für die Welt
Wie weiter unter Donald Trump?
Der Inhalt:

»Ich habe gekündigt«

von Rebekka Sommer vom 13.01.2017
Phil Hensel (32) aus Freiburg ist von Geburt an gehbehindert. In seinem Job fühlte er sich austauschbar. Jetzt wird er Heilpädagoge
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Sozialprotokoll

Ich habe meinen festen Job in einer Immobilienfirma gekündigt. Jetzt studiere ich Heilpädagogik. Um diese Entscheidung zu treffen, habe ich fast drei Jahre gebraucht – denn ich habe selbst eine Behinderung. Spina Bifida, angeborene Querschnittslähmung. Das bedeutet: Ich kann kurze Strecken laufen, nehme aber auch oft den Rollstuhl. Der Grund für meine berufliche Neuorientierung war, dass ich mir im Job ziemlich austauschbar vorkam. Jeder andere hätte meine Arbeit genauso gut machen können. Ich dachte, dass meine echte Stärke im Zuhören, in der Begegnung liegt, und ich fing an, mich über soziale Berufe zu informieren. Gleichzeitig war ich in den letzten Jahren längere Zeit Single und viel im Freiburger Nachtleben unterwegs.

Einmal kam im Club eine Fremde auf mich zu, küsste mich auf die Wange und sagte: »Wie toll, dass du hier bist – trotz deiner Behinderung.« Das war komisch. Klar, dachte ich, ich bin ja auch der einzige Rollstuhlfahrer hier. Aber es kann doch nicht sein, dass man mich deshalb wie einen Deppen behandelt? Ich bin doch nicht nur behindert, sondern auch Hiphop-Fan, reise gerne, bin einfach Mensch, lebe inzwischen gemeinsam mit meiner Freundin in Freiburg in einer großzügigen Wohnung. Über meine Erlebnisse als Rollstuhlfahrer im Freiburger Nachtleben habe ich unter anderem einen Artikel für ein Online-Stadtmagazin geschrieben. Und langsam wurde mein Wunsch, in einen sozialen Beruf zu wechseln, zur Überzeugung. Ich musste es einfach tun.

Aber dann war da immer noch die Angst. Angst davor, dass es mir vielleicht zu nahe geht, wenn ich Behinderung – oder abstrakter gesprochen: soziale Ausgrenzung – jetzt auch noch zu meinem Beruf mache. Kann ich die nötige Distanz zu den Klienten wahren, wenn ich selbst »betroffen« bin? Erst ein langes Gespräch mit einem Professor aus einem Heilpädagogik-Studiengang hat mich überzeugt. Für Heilpädagogik habe ich mich auch entschieden, weil ich hier meine eigenen Erfahrungen einbringen kann. Gerade mache ich mein Praxissemester im Sozialpädiatrischen Zentrum.

Schon beim Probetag dort fiel mir auf, dass die Eltern der Kinder, die dort behandelt werden, mir besonders vertrauten. So nach dem Motto: Der Mann im Rollstuhl muss ja wissen, wovon er spricht. Und andererseits ist mir wichtig, dass das Fach auch politisch ist: Wir haben Rechtsvorlesungen und nehmen das große Ganze in den

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