»Ich habe gekündigt«
Sozialprotokoll
Ich habe meinen festen Job in einer Immobilienfirma gekündigt. Jetzt studiere ich Heilpädagogik. Um diese Entscheidung zu treffen, habe ich fast drei Jahre gebraucht – denn ich habe selbst eine Behinderung. Spina Bifida, angeborene Querschnittslähmung. Das bedeutet: Ich kann kurze Strecken laufen, nehme aber auch oft den Rollstuhl. Der Grund für meine berufliche Neuorientierung war, dass ich mir im Job ziemlich austauschbar vorkam. Jeder andere hätte meine Arbeit genauso gut machen können. Ich dachte, dass meine echte Stärke im Zuhören, in der Begegnung liegt, und ich fing an, mich über soziale Berufe zu informieren. Gleichzeitig war ich in den letzten Jahren längere Zeit Single und viel im Freiburger Nachtleben unterwegs.
Einmal kam im Club eine Fremde auf mich zu, küsste mich auf die Wange und sagte: »Wie toll, dass du hier bist – trotz deiner Behinderung.« Das war komisch. Klar, dachte ich, ich bin ja auch der einzige Rollstuhlfahrer hier. Aber es kann doch nicht sein, dass man mich deshalb wie einen Deppen behandelt? Ich bin doch nicht nur behindert, sondern auch Hiphop-Fan, reise gerne, bin einfach Mensch, lebe inzwischen gemeinsam mit meiner Freundin in Freiburg in einer großzügigen Wohnung. Über meine Erlebnisse als Rollstuhlfahrer im Freiburger Nachtleben habe ich unter anderem einen Artikel für ein Online-Stadtmagazin geschrieben. Und langsam wurde mein Wunsch, in einen sozialen Beruf zu wechseln, zur Überzeugung. Ich musste es einfach tun.
Aber dann war da immer noch die Angst. Angst davor, dass es mir vielleicht zu nahe geht, wenn ich Behinderung – oder abstrakter gesprochen: soziale Ausgrenzung – jetzt auch noch zu meinem Beruf mache. Kann ich die nötige Distanz zu den Klienten wahren, wenn ich selbst »betroffen« bin? Erst ein langes Gespräch mit einem Professor aus einem Heilpädagogik-Studiengang hat mich überzeugt. Für Heilpädagogik habe ich mich auch entschieden, weil ich hier meine eigenen Erfahrungen einbringen kann. Gerade mache ich mein Praxissemester im Sozialpädiatrischen Zentrum.
Schon beim Probetag dort fiel mir auf, dass die Eltern der Kinder, die dort behandelt werden, mir besonders vertrauten. So nach dem Motto: Der Mann im Rollstuhl muss ja wissen, wovon er spricht. Und andererseits ist mir wichtig, dass das Fach auch politisch ist: Wir haben Rechtsvorlesungen und nehmen das große Ganze in den Blick. Inklusion bedeutet ja nicht nur, dass es am Bahnhof einen Aufzug gibt oder dass ich als Student barrierefrei in den Hörsaal komme.
Eine Hochschule für Soziale Arbeit, die ich während meiner Orientierungsphase besichtigt habe, war überhaupt nicht barrierefrei. Viel schlimmer fand ich allerdings, dass die Leute bei meinem Besuch dort nur mit meiner Begleitperson sprachen statt mit mir. Ich denke, das hat viel mit Angst zu tun. Ganz kleine Kinder schauen meistens ganz interessiert, wenn sie mich sehen: Da sitzt ja noch einer im Wagen – ein Erwachsener! Es sind eher ältere Menschen, die mich bemitleiden. Ich glaube, die haben selbst Angst vor dem Krankwerden und brauchen mich als Ventil.
»Ich könnte das ja nicht«, hat mal eine Passantin in der Freiburger Innenstadt zu mir gesagt. Das ist auf so vielen Ebenen falsch! Sie wollte ja gar nichts über mich wissen, sondern war einfach nur froh, nicht selbst krank zu sein. So etwas nervt mich. Ich habe auch früher schon studiert: Psychologie und Volkswirtschaftslehre. Das Studium habe ich abgebrochen. Der Job in der Immobilienfirma war darum gewissermaßen meine Rettung – eine auf Zeit. Denn da war immer der Gedanke: »Du bist anders. Wofür ist das gut?«
Als ich ein Kleinkind war, konnte ich ganz gut krabbeln. Im Kindergarten bekam ich ein Wägelchen zum Schieben. Auch in der Grundschule war alles noch ganz normal. Erst wenn wir einen Ausflug machten, kam der Rollstuhl ins Spiel. Ich mochte das nicht, er war ein notwendiges Übel.
Die Kinder in der Klasse kannten das schon. Auch meine beiden Geschwister gingen mit mir normal um. Erst nach der Schule, mit dem Auszug von zu Hause, fing das Hin und Her an: Bin ich Rollstuhlfahrer? Bin ich Fußgänger? Ich musste weitere Strecken zurücklegen als früher, das war mein Konflikt. Heute entscheide ich pragmatisch. Zu Fuß oder mit dem Rollstuhl? Kommt darauf an, was ansteht. Das hat mich flexibel gemacht. – Flexibel auch im Planen und Denken über den Tag hinaus.
