Geglückte Friedensgespräche
Man reibt sich die Augen, wenn man in manche Ecken der Welt blickt und sieht, was auf einmal möglich ist: Etwa in Kolumbien. Nach einem halben Jahrhundert scheint dort der Bürgerkrieg, in dem mehr als 220 000 Menschen ihr Leben verloren haben, ein Ende zu finden. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und der Anführer der Farc-Rebellen, Timoleon Jimenez, haben kürzlich eine Erklärung unterzeichnet, die den Weg zum Frieden ebnen soll. Das vorläufige Abkommen sieht vor, dass sich die Rebellen zu einer politischen Bewegung wandeln und ihre bis zu 9000 Kämpfer entwaffnen sollen. Für Kriegsverbrecher ist keine Amnestie vorgesehen. Wer kooperiert, muss mit fünf bis acht Jahren Haft rechnen, alle anderen mit 20 Jahren. Das gilt für die Rebellen wie für staatliche Agenten, Offiziere und Soldaten, die Verbrechen begangen haben. Beide Seiten wollen im März 2016 den endültigen Vertrag abschließen.
Kuba und Norwegen haben den erstaunlichen Friedensprozess in den vergangenen drei Jahren begleitet. Auch Papst Franziskus hat offenbar Einfluss gehabt. Santos sagte, man handele in seinem Sinne. Und die Farc-Rebellen haben den Papst kürzlich aufgefordert, bei der Friedenssuche zu helfen. »Wir bitten darum, dass Papst Franziskus den Friedensprozess in Kolumbien weiter verstärken möge«, teilten die Rebellen mit.
Vatikan hilft USA und Kuba
Noch direkter war die Vermittlung des Vatikan bei einem weiteren großen Konflikt, der momentan beigelegt wird: der Feindschaft zwischen Kuba und den USA. Nach mehr als 50 Jahren nehmen beide Staaten wieder diplomatische Beziehungen auf. In persönlichen Briefen hatte sich Franziskus an den US-Präsidenten Barack Obama und an Kubas Präsidenten Raul Castro gewandt und den Vatikan als neutralen Verhandlungsort angeboten. Der vatikanische Außenminister Pietro Parolin empfing die Diplomaten beider Seiten in Rom und schaltete sich ein, wenn auf direktem Weg nichts zu erreichen war. Auch in Kanada hat es Treffen gegeben. Die segensreiche Rolle des Papstes beschrieb Obama mit den Worten: »Er fordert uns heraus. Seine moralische Autorität ist es, die seinen Worten Gewicht verleiht.«
Und es gibt noch einen Bereich, in dem der Papst sich einschaltet: beim Klimawandel. Sein ganzes Gewicht wirft er in die Wagschale, um bei der für die Menschheit entscheidenden Frage Veränderungen zu bewirken. Seine jüngste Enzyklika »Laudato si« lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Als erster Papst entwickelt er die Vision einer »universellen Geschwisterlichkeit« zwischen Mensch und Natur und stellt dabei die Armen ins Zentrum. Er kritisiert die Vergöttlichung des Marktes, die Unterordnung der Politik unter die Wirtschaft und die fehlende Bereitschaft der reichen Nationen, ihr Konsumverhalten zu ändern. Eindringlich fordert Franziskus von den Staatschefs, die vom 30. November bis zum 11. Dezember in Paris ein neues Weltklima-Abkommen aushandeln sollen, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Nach den Gesprächen von 40 Staats- und Regierungschefs zum Klimathema kürzlich in New York herrscht ein vorsichtiger Optimismus. Schon im letzten Jahr hatten mit den USA und China die zwei weltgrößten Verursacher des Treibhausgases eine Kooperation im Klimabereich vereinbart und Reduktionsziele benannt. Das genügt zwar im weltweiten Maßstab nicht, um das Weltklima zu retten. Doch die Großmächte reden miteinander und sind sich bewusst, dass sie handeln müssen. Das ist schon viel.
Entwicklungsziele für die Welt
Auch die Verabschiedung von 17 Entwicklungszielen im September beim UN-Nachhaltigkeitsgipfel in New York ist ein Zeichen dafür, dass die Welt kooperiert. An erster Stelle steht das Ziel, bis 2030 die extreme Armut aus der Welt zu verbannen. Aber es geht auch um Gesundheit, Bildung, die Verringerung der sozialen Ungleichheit und um Klimawandel. An der Finanzierung muss die Umsetzung der Agenda nicht scheitern, stellte die Weltbank fest: »Im Prinzip hat die Menschheit die Mittel, um die SDGs (Sustainable Development Goals) zu erreichen.« Es bleibt abzuwarten, ob das ehrgeizige Vorhaben tatsächlich gelingt. Doch allein, dass sich die 193 UN-Staaten darauf einigen konnten, ist schon erstaunlich.
Und noch einen Erfolg gilt es zu feiern. In Teheran jubelte kürzlich die Jugend auf der Straße, als die Einigung auf ein Abkommen zum iranischen Atomprogramm bekannt wurde. Es sieht vor, dass die Weltmächte im Gegenzug für Einschnitte beim Atomprogramm ihre Sanktionen schrittweise aufheben. 2006 waren die Strafmaßnahmen gegen den Iran vom UN-Sicherheitsrat erlassen und danach mehrmals verschärft worden. Durch das 2012 von der EU verhängte Ölembargo verlor der Iran fast 60 Prozent seiner Einnahmen. Unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad blieb das Land auf Konfrontationskurs. Erst unter dem im August 2013 gewählten Präsidenten Hassan Ruhani war die Regierung zum Kompromiss bereit.
Kompromiss ist wohl auch das Zauberwort, das am Anfang jedes Weges stehen muss, der zum Frieden führen soll. Ob in Israel und Palästina, in Syrien und Irak oder in der Ukraine, alles gewaltige Konflikte, die noch ungelöst sind. Es muss mit kleinen, vertrauensbildenden Schritten beginnen.
Gewaltige Veränderungen stehen an
Auch der Umbau der bisherigen, auf der Verfeuerung von Öl, Kohle und Gas beruhenden Weltwirtschaft hin zu einem nachhaltigen, ökologischen Wirtschaften geht nicht von heute auf morgen. In den UN-Nachhaltigkeitszielen steckt daher, wenn sie ernst genommen werden, Sprengstoff für die Weltwirtschaft und ein großes Konfliktpotential. Anleger haben weltweit in der fossilen Wirtschaft mehr als 30 Billionen US-Dollar investiert. Zwar trommelt die Divestment-Bewegung, die von der Klimaschutzorganisation 350.org ins Leben gerufen wurde, mit einigem Erfolg für einen Abzug der Investitionen. Mehr als 180 Großanleger wie Staats- und Pensionsfonds, Versicherungen und Stiftungen schichten derzeit ihr Geld um. Doch man kann sich vorstellen, welche Widerstände es zu überwinden gilt, bis die Welt nachhaltig wirtschaften kann. Es wird viele Verlierer geben, aber auch viele Gewinner. Umso wichtiger ist es, dass Personen wie Papst Franziskus ihren Einfluss geltend machen. Und Erfolg haben.
