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Freie Software ist wie fairer Kaffee

Warum wir nicht nur im Welt-Laden verantwortlich handeln sollten, sondern auch an Tastatur und Maus. Ein Zwischenruf von Matthias Nadenau
von Matthias Nadenau vom 17.04.2014
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Online-Vielfalt, die am Ende einseitig genutzt wird: Warum greifen wir zum Beispiel auf die immer gleiche Suchmaschine zurück? Monopol-Bildung im Internet ist das Gegenteil von demokratisch.  (Foto: cifotart/thinkstock/gettyimages.de)
Online-Vielfalt, die am Ende einseitig genutzt wird: Warum greifen wir zum Beispiel auf die immer gleiche Suchmaschine zurück? Monopol-Bildung im Internet ist das Gegenteil von demokratisch. (Foto: cifotart/thinkstock/gettyimages.de)

Seit gut dreißig Jahren ist fair gehandelter Kaffee für viele ein Muss. Er symbolisiert die Erkenntnis, dass wir Verbraucher beim Griff in ein Verkaufsregal immer Politik machen – sei es ganz bewusst oder einfach gedankenlos. Wir entscheiden letztlich darüber, ob der Kaffeebauer in Mexiko oder Nicaragua dem Preisdruck des Welthandels hilflos ausgeliefert ist – oder ob es eine Alternative gibt.

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Genau dieser Geist des bewussten Konsums müsste auch im Bereich der digitalen Medien Fuß fassen, wenn sich dort nicht ebensolche Strukturen der Abhängigkeit von großen Konzernen entwickeln sollen wie im Handel mit Kaffee. Drei Beispiele zeigen schon heute die neuen Perspektiven in der digitalen Welt auf:

ä Wikipedia: Dank Wikipedia ist ein gutes Lexikon kein Privileg der Gebildeten in den reichen Ländern mehr; jeder kann das von den Nutzern selbst betriebene Online-Nachschlagewerk auswerten. Zugegeben, manche Artikel sind beeinflusst, aber das ist bei Nachschlagewerken aus Papier nicht anders. Längst ist bewiesen, dass Wikipedia den Vergleich mit anderen Lexika nicht scheuen muss. Und die auf freie Lizenzen setzende Copyright-Politik von Wikipedia öffnet deren riesigen Fundus für Bildungseinrichtungen.

ä Verschlüsselung: »Ich bin ein ehrlicher Bürger und habe nichts zu verbergen, meine Daten darf jeder sehen.« Dieser Dreisatz klingt plausibel, ist aber falsch. Die schwere Erkrankung aus der Vergangenheit, die aufgrund einer Datenschutzpanne die Karriere verhindert, ist nur ein Szenario. Das um sich greifende Gefühl, es gebe keine Chance mehr, ohne Mithörer zu kommunizieren, ist eine für die Demokratie gefährliche Entwicklung. Was hindert uns daran, Mails nur noch verschlüsselt auszutauschen. GnuPG ist dazu ein geeignetes Programm. Es ist frei und – wenn man sich traut – einfach zu nutzen. Verantwortlich handelt, wer wichtige Daten nur verschlüsselt versendet – vorausschauend ist, wer auch Mails mit alltäglichem Inhalt verschlüsselt, um Schnüfflern jeden Anhaltspunkt zu nehmen.

ä Freie Software: Ob Kaffee, Bananen oder Textilien – Monopole sind für die Schwächsten gefährlich. In der digitalen Welt beherrschen wenige »Player« wie zum Beispiel Google die Szene. Ihr Prestige bewirkt, dass vielen die Begriffe Suchmaschine, Textbearbeitungsprogramm und Bildschirmpräsentation fremd sind. Ganz unüberlegt verwenden sie die Produktnamen der Marktführer selbst dann, wenn ein Konkurrenzprodukt genutzt wurde.

Monokulturen begünstigen Schädlingsbefall – auf dem Acker wie im »Netz«. Praktisch identische Software-Konfigurationen auf vielen Computern machen Viren die Arbeit leicht. Die Kosten zahlen die Nutzer. Freie Software ist eine Alternative, die sich jeder leisten kann, weil sie im Normalfall kostenlos ist. Das Besondere bei freier Software ist aber, dass auch der Quelltext veröffentlicht wird. Jeder darf in ihr Inneres schauen und sie verbessern. Das ist ein sehr guter Schutz gegen einprogrammierte Hintertüren.

Freie Software wie der Webserver Apache, das Betriebssystem Linux oder die Text- und Bürosoftware OpenOffice sind bereits tragende Säulen unseres digitalen Alltags. In München hat die Stadtverwaltung 2013 endgültig auf OpenOffice und Linux umgestellt. »Was nichts kostet, taugt nichts« – diese scheinbar plausible Regel wird von freier Software geradezu auf den Kopf gestellt. Sie taugt viel!

Mark Shuttleworth, 2002 als Weltraumtourist im All, betont, er sei deshalb so reich geworden, weil freie Software es ihm ermöglichte, als Jungunternehmer auf technisch höchstem Niveau zu starten. Deshalb finanziert er das Betriebssystem Ubuntu (in der Zulu-Sprache bedeutet dies Menschlichkeit), eine besonders benutzerfreundliche Variante von Linux.

Freie Software wirkt der drohenden digitalen Spaltung entgegen. Mit freier Software hat praktisch jeder all die technischen Möglichkeiten zur Verfügung, die moderne Computer bieten. Je mehr Menschen freie Software benutzen, desto besser und akzeptierter wird sie. Ihre Verbreitung sorgt dafür, dass die aktive und qualifizierte Teilnahme an der digitalen Welt allen offensteht. Freie Software ist wie fairer Kaffee.

Auch in der digitalen Welt fordern soziale Gerechtigkeit, Teilhabe aller und Demokratie unser Engagement. Das gilt für Hardware und Software. Die Unterschriftenkampagne von Missio für »saubere Handys« ist ein Anfang. Es ist in der digitalen Welt wie vor dem Kaffeeregal: Verantwortlich zu handeln ist manchmal etwas teurer, zuerst etwas unbequemer, aber immer mit einer höheren Lebensqualität verbunden.

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Personalaudioinformationstext:   Matthias Nadenau ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik und Schulleiter.
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