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»Ein Boykott kann wachrütteln«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 24.04.2017
Darf man den Staat Israel boykottieren? Die israelische Besatzung der Palästinensergebiete jährt sich 2017 zum 50. Mal, eine Boykott-Bewegung erinnert daran. Iris Hefets aus Berlin, Vorsitzende des Vereins »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost«, erklärt, warum sie bereit ist, dafür den Vorwurf »Nestbeschmutzerin« zu ertragen
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In vielen Ländern wird die Forderung nach einem Boykott Israels wegen seiner Politik gegenüber den Palästinensern erhoben, hier bei einer Demonstration in den USA (Foto: pa/McGregor/Pacific Press)
In vielen Ländern wird die Forderung nach einem Boykott Israels wegen seiner Politik gegenüber den Palästinensern erhoben, hier bei einer Demonstration in den USA (Foto: pa/McGregor/Pacific Press)
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Publik-Forum: Frau Hefets, Sie sind Jüdin und Israelin, und Sie engagieren sich für die BDS-Bewegung. Die drei Buchstaben stehen für »Boykott, Desinvestment, Sanktionen«. Sie boykottieren zum Beispiel israelische Produkte. Warum?

Iris Hefets: Ich engagiere mich für einen Boykott, weil Jüdischsein für mich unter anderem bedeutet, Widerstand zu leisten, wenn Ungerechtigkeit geschieht. Und in Israel geschieht großes Unrecht gegen die Palästinenser! Zunächst war ich aber gegen die Boykott-Bewegung. Ich habe immer geglaubt, dass Veränderung von innen kommen muss, von den dort lebenden Menschen selbst. Dann hat Israel Gaza überfallen, 2008 war das, und ich habe mit großer Verwunderung erleben müssen, dass 98 Prozent der Juden in Israel diesen Überfall unterstützen. 98 Prozent! Das sind totalitäre Zahlen. Das war für mich der Punkt, an dem ich erkannt habe: In diesem Fall müssen Veränderungen von außen herbeigeführt werden. Wissen Sie, ich bin Psychoanalytikerin, ich beschäftige mich mit der Fähigkeit von Menschen, sich zu ändern. In diesem Fall aber denke ich wie der Psychoanalytiker Professor Eran Rolnik, der Israel mit einem essgestörten Mädchen vergleicht. Sie schafft es nicht aus eigener Kraft, die Lage zu verändern, sie braucht Hilfe von außen.

Ist ein Boykott nicht viel mehr Strafe als Hilfe?

Hefets: Ist es eine Strafe, wenn ein essgestörtes

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Kommentare
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Heiner Grünwaldt
26.04.201718:31
Vielen Dank, an Elisa Rheinheimer-Chabbi für ihre sorgfältig recherchierte und offene Vorstellung zu dem politisch belasteten Thema BDS, und vielen Dank an sie und PF für das Interview mit einer überzeugend argumentierenden Frau Hefets. Nein – die vielseits geschwungene Antisemitismus-Keule darf nicht treffen, allein schon angesichts der vielen Juden, die weltweit in Sorge um ihre eigene Zukunft vor der Politik des Staates Israel warnen. Als Bürger unseres deutschen Staates sehe ich mit Empörung, wie unsere Verpflichtung auf Wiedergutmachung aus der Nazizeit die Verpflichtung unterdrückt, uns - gerade in dieser Erinnerung - für Menschenrechte auf allen Seiten einzusetzen, gerade auf Seiten unserer Regierenden. Statt Visionen zu einer Lösung in Palästina unter Beachtung der UN-Vorgaben und der unsäglich schwierigen Realisierbarkeit zu unterstützen, lässt sich beobachten, wie – etwa mit Beschlüssen der CDU - die Warner aus der BDS-Kampagne in den Kreis von Terroristen geschoben werden
nic
25.04.201709:35
Ein Boykott schadet immer den Falschen und schafft Allianzen, die den eigentlichen Zielen des Boykotts zuwiderlaufen. Die Reaktion der Boykottierten ist nicht: "Na dann hör ich auf", zumal meist diese keinen unmittelbaren Einfluß auf das boykottauslösende Moment haben. Die Reaktion wird vielmehr die Umgehung des Boykotts sein. Dies hat höheren Aufwand und Wucherpreise zur Folge. Die, die an den Schalthebeln sitzen, machen dann das Geschäft und werden dadurch gestärkt. Der Boykott ist Bestandteil einer linearkausalen Denkungsweise. Die Welt funktioniert aber nicht so.