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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 

Die Kunst des guten Lebens

von Wolfgang Kessler 13.05.2015
»Simplify your Life« und »Wege zur Gelassenheit« predigen Buchautoren wie Werner Küstenmacher und Wilhelm Schmid. Doch ist ein aufgeräumtes und gelassenes Leben auch ein gutes? Kesslers Kolumne – nicht geschrieben an diesem aufgeräumten Schreibtisch
Wolfgang Kessler (rechts) hat einen Schreibtisch, der eigentlich nie so aussieht wie jener links. Gut arbeiten lässt sich in seinem Büro trotzdem - oder vielleicht  gerade deshalb? (Foto: stokkete/fotolia..com)
Wolfgang Kessler (rechts) hat einen Schreibtisch, der eigentlich nie so aussieht wie jener links. Gut arbeiten lässt sich in seinem Büro trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb? (Foto: stokkete/fotolia..com)

Die E-Mails klacken den ganzen Tag herein, die Kollegen wollen Hilfe, der Chef fragt nach dem Langzeitprojekt, der Auftrag muss noch schnell erledigt werden. Und dann nach Hause. Dort warten die Kinder, der Partner. Offene Rechnungen müssen noch überwiesen werden. Doch der Schreibtisch ist ein Chaos. Und dann ist da noch die Präsentation für die kommende Woche!

Jeder und jede kennt solche Tage, solche Abende. Und deshalb versteht man auch, dass Bücher mit Titeln wie »Simplify Your Life« des Theologen Werner Tiki Küstenmacher oder »Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden« des Philosophen Wilhelm Schmid auf der Bestsellerliste stehen. Und dennoch nerven mich diese Bücher.

Die alte Sehnsucht: Endlich Ordnung im Leben

Natürlich haben sie ihr Gutes. Vor allem in einer Zeit, in der unser Leben ständig zugemüllt wird. Deshalb ist es ein erhebendes Gefühl, zu Hause auf dem Schreibtisch oder in der Küche wieder Ordnung geschaffen zu haben. Es ist wichtig, wieder einen Überblick über die eigenen Finanzen, die eigenen Geldanlagen zu haben, um sich Wichtiges leisten zu können. Und es ist nicht damit getan, aus Frust über zu viel Chaos Schokolade wegzufressen oder in ärgerlichen Situationen seine Partnerin oder seinen Partner anzuschreien. Da sind Küstenmachers »sechs kluge Fragen gegen unbedachte Worte« sicher besonders wichtig.

Die neue Sehnsucht: Die Dinge geschehen lassen

Und wer wollten bestreiten, dass Wilhelm Schmids Worte für manche Leute beim Älterwerden – wie mich – zuweilen wie gerufen kommen: »Das Einverständnis mit dem Leben geht mit der Gelassenheit einher, die nicht schwer ist, da sie von Lassen kommt, das wiederum von selbst leichter wird, wenn das Tun schwerer fällt: Dinge einfach geschehen lassen und sie nicht komplizierter zu machen, als sie es sowieso schon sind.«

Wie kompliziert ist es, sein Leben zu vereinfachen?

Das Problem beim Simplifying aber liegt darin, dass es kompliziert ist, sein Leben zu vereinfachen. Natürlich wollen die Küstenmachers und Schmids mit ihren Konzepten, dass der Einzelne Ballast abwirft, um sich auf das für ihn Wesentliche konzentrieren zu können. Doch man könnte das eigene Leben auch bei dem Versuch vergessen, es möglichst einfach zu gestalten. Und dann sind die Tage gut gefüllt – mit den langweiligen und nervigen Versuchen, die Abläufe zu vereinfachen oder »die Dinge einfach geschehen zu lassen«.

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Der Himmel - Sehnsucht, Glück und Weite

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Wie langweilig ist ein aufgeräumtes Leben?

Wäre es da nicht besser, sich und Anderen einfach einzugestehen, dass das Leben kompliziert ist? Und nicht nur dies: Wenn ich mein Leben ständig entrümpele, dann ist es vielleicht unkomplizierter –, aber auch langweiliger. Denn je stärker ich mich aber für meine Ideale engagiere, desto komplizierter wird mein Leben, weil ich dann Vieles berücksichtigen muss. Natürlich kann ich einmal in der Woche im Supermarkt immer das Gleiche einkaufen – aber ich könnte auch so einkaufen, dass ich zu einer besseren Welt beitrage. Nur: Dann muss ich mich darüber informieren, welche Waren von wem wie produziert wurden und welcher Laden die guten Waren hat.

Engagement macht alles kompliziert...

Natürlich kann ich meine hart verdienten Spargroschen der Einfachheit halber der Bank zur Anlage überlassen – aber ich könnte mir auch die Mühe machen, sie nach meinen Idealen selbst anzulegen. Nur: Dann muss ich mich wirklich nach Anlagen umsehen, die mir passen – und das Kleingedruckte lesen. Natürlich kann ich die Dinge um mich herum einfach geschehen lassen, aber ich könnte auch versuchen, meine eigenen Akzente zu setzen, irgendwas im Dorf, in der Nachbarschaft, in der Region anders zu gestalten. Nur: Dann muss ich mich engagieren, in einer Gruppe, mit einer Satzung, auf vielen Versammlungen, mit dem Risiko von Niederlagen.

...aber das Leben kann auch reich werden

Mir hat mein Engagement zwar viele Enttäuschungen gebracht, aber auch viele schöne Erfahrungen. Es ist ein gutes Gefühl, dass Richtige zu tun. Dazu kann ein gelegentlicher Wutanfall mehr beitragen als die immerwährende Sehnsucht nach Gelassenheit, die schnell von Gleichgültigkeit nicht mehr unterschieden werden kann.

Engagiert oder aufgeräumt: Wer lebt länger?

Der Psychotherapeut und Arzt Till Bastian ist in seinem Buch »Lebenskünstler leben länger« einmal der Frage nachgegangen, wie Menschen möglichst lange gesund und – man höre und staune – entspannt bleiben. Er hat jede Menge Studien dazu gelesen, unter anderen eine über Hundertjährige. Seine Antwort: Am längsten lebt, wer eigensinnig und widerständig ist – und dabei Vergnügen empfindet. Zugegeben, simpel und gelassen wird das Leben dann nicht. Aber reich.

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