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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2019
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Wenn ich bei Mutter bin

von Gesine Arnold vom 24.04.2019
Da liegt sie: altersschwach, 93 Jahre alt, sie kann sich nur mühsam bewegen. Ich bin gekommen, um sie zu pflegen. Aber umarmen kann ich sie nicht. Erfahrungen einer pflegenden Tochter
So ist die Tradition: Von den Frauen und Töchtern wird stillschweigend erwartet, dass sie die Pflege Angehöriger übernehmen (Foto: iStock by Getty/Barcin)
So ist die Tradition: Von den Frauen und Töchtern wird stillschweigend erwartet, dass sie die Pflege Angehöriger übernehmen (Foto: iStock by Getty/Barcin)

Sie wartet auf mich an diesem frühen Morgen. Die Luft in ihrem Zimmer riecht abgestanden nach der langen Nacht. Ich trete an ihr Bett. »Guten Morgen!« Wir schauen uns in die Augen, dann schlage ich die Bettdecke zurück. Da liegt meine Mutter, altersschwach, 93 Jahre alt, Arme, Beine und Rumpf kann sie kaum noch bewegen. Ich fahre das Kopfteil des Bettes hoch, damit der Oberkörper aufgerichtet wird. Mit einem Arm unterstütze ich sie am Rücken, mit dem anderen fasse ich unter ihre Beine und drehe sie so, dass sie auf der Bettkante sitzen kann. Ein enger Kontakt schon früh um sieben, für den ich Stabilität und Kraft brauche. Dann gehe ich in die Hocke, ziehe die Schuhe an ihre reglosen, geschwollenen Füße. Mit meiner Hilfe steht meine Mutter schließlich zitterig am Rollator. Da streife ich das rosarote Nachthemd hoch, atme tief ein und öffne die satt gefüllte Windel. Der Geruch von Urin trifft mich ins Gesicht. Hastig nehme ich ihre Windel ab und verschließe sie dicht. Ich sage nichts, halte mich zurück.

Ich pflege meine Mutter nicht jeden Tag. Sie wohnt mehr als 700 Kilometer entfernt von mir, bei meinem Bruder und meiner Schwägerin. Als vor sechs Jahren deutlich wurde, dass sie nicht mehr alleine leben kann, war für meinen Bruder klar: Er will Mutter »vor dem Heim bewahren«. Er ist ein konservativer Familienmensch und lehnte andere Möglichkeiten kategorisch ab. Mutter schaute bei alledem hilflos drein, traf keine eigene Entscheidung, überließ alles ihm. Nach ihrem Umzug ins Haus meines Bruders zeigte die »Gerettete« allerdings nicht die erwartete Dankbarkeit. Mutter und Sohn reagierten zunehmend gereizt aufeinander. Seitdem überlässt mein Bruder die ganze Pflege seiner Frau. So ist die Tradition: Von den Frauen, den Töchtern

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