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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2019
Raus aus der Angst!
Kirchentag 2019. Worauf man vertrauen kann
Der Inhalt:

Wandern zur Versöhnung?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 21.07.2019
Heiko Kroy leitet Pilgerreisen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze – und erklärt, warum. Ein Sommer-Event, zu dem man sich jetzt anmelden kann. Beichtväter und berauschende Naturerfahrungen inklusive
Pilgern, um sich zu begegnen: Immer wieder schütten Menschen ihr Herz aus. (Foto: Foto: www.mannaz-dasein-erleben.de)
Pilgern, um sich zu begegnen: Immer wieder schütten Menschen ihr Herz aus. (Foto: Foto: www.mannaz-dasein-erleben.de)

Publik-Forum: Herr Kroy, Sie veranstalten im September einen »Pilgerweg der Begegnung« in der Rhön, entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Was ist das Besondere daran?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 13/2019 vom 05.07.2019, Seite 58
Raus aus der Angst!
Raus aus der Angst!
Kirchentag 2019. Worauf man vertrauen kann

Heiko Kroy: Dreißig Jahre nach dem Mauerfall wollen wir das »andere Deutschland« verstehen und zur Versöhnung beitragen. In den Köpfen vieler gibt es immer noch ein »drüben«. Unser Verein führt Menschen aus Ost und West zusammen, sowohl innerhalb der Pilgergruppe als auch in den Orten, an denen wir vorbeikommen. Dort wird es viele Begegnungen geben, zum Beispiel Besuche in Altenheimen und Schulen. Wir führen Gespräche über Trennung, Verbundenheit und wie die Wende persönlich erlebt wurde. Das ist sehr emotional.

Sie machen solche Pilgerwege seit 2007 …

Kroy: … und ich habe noch nie ein belangloses Gespräch geführt. Wir sind so etwas wie Beichtväter für die Menschen, viele schütten einem ihr Herz aus, wenn sie mal auf jemanden treffen, der zuhört.

Welche Strecke wird zurückgelegt?

Kroy: Wir starten in Hilders in der Nähe von Fulda und folgen von dort dem Grünen Band, der ehemaligen innerdeutschen Grenze, über Geisa, Vacha und Gerstungen bis ins thüringische Treffurt. Die Landschaft dort ist ein Traum, ein wirkliches Naturerlebnis. Es ist recht hügelig und bewaldet, manchmal sehen wir von einem Gipfel aus die nächste Tagesetappe.

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Wer läuft da mit?

Kroy: Eine bunte Mischung aus Ost und West, Männern und Frauen, zwischen 21 und 78 Jahren. Gestresste Unternehmer sind dabei, aber auch Schülerinnen und Hartz-IV-Empfänger. Viele Menschen laufen mit, weil sie eine Krise hinter sich haben oder große Lebensentscheidungen vor sich: eine Trennung, ein Berufswechsel. Manchmal schließen sich unterwegs auch spontan Mitwanderer an. Die vierzig Pilger teilen sich in Kleingruppen à acht Personen auf; begleitet werden sie von zehn Coaches.

Es geht also auch um innere Versöhnung?

Kroy: Ja. Wir laufen jeden Tag mit einer anderen Haltung. Es beginnt mit der Haltung der Achtsamkeit, dann kommt beispielsweise ein Tag der Demut, der Dankbarkeit, des Mutes, der Zuversicht. Unterwegs werden Coaching-Gespräche angeboten. Am ersten Tag sind die Pilger meist mit ihrem Körper beschäftigt, da drückt der Schuh, der Rucksack wiegt schwer. Nach und nach geht es dann auch um innere Heilung.

An welchen besonders berührenden Moment der letzten Pilgerwege erinnern Sie sich?

Kroy: Wir trafen unterwegs auf einen Mann, der in Uniform in seinem Garten stand: ein ehemaliger DDR-Grenzsoldat. Er erzählte, dass er »leider« nie schießen durfte. Fast alle haben sich dann von ihm abgewendet. Ich fragte ihn, was für ihn passiert sei, als die Mauer fiel – und da fing er an zu zittern und zu weinen. Ich glaube, das hatte ihn noch nie jemand gefragt. Er erzählte, wie sein Leben zusammengebrochen war, als alles, an das er geglaubt hatte, plötzlich nichts mehr galt. Später hat er nicht mehr vom Schießen geredet, erzählten mir die Leute im Dorf. Es war wohl das erste Mal, dass er über seinen Verlust sprechen durfte.

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