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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2018
Schluss jetzt!
Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?
Der Inhalt:

Seele in Not

Millionen Menschen leiden an psychischen Krankheiten, warten monatelang auf einen Therapieplatz – und landen dann häufig doch bei dem Falschen. Wie finden Betroffene den Weg zum passenden Therapeuten?
Millionen Menschen in Deutschland leiden an psychischen Erkrankungen, doch sie müssen viel länger auf Hilfe warten als Patienten mit akuten körperlichen Leiden (Illustration: istockphoto/Good_Studio)
Millionen Menschen in Deutschland leiden an psychischen Erkrankungen, doch sie müssen viel länger auf Hilfe warten als Patienten mit akuten körperlichen Leiden (Illustration: istockphoto/Good_Studio)

Ein überschäumend fröhlicher Mensch war er nie. Seine schweren Depressionen aber begannen erst, als er mit seiner Familie in eine fremde Stadt zog. Daniel Hübner musste seinen Freundeskreis aufgeben und auf einer neuen Arbeitsstelle zurechtkommen. Der Zahntechniker fand keine Freunde und auch keinen guten Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen. Schließlich zog er sich auch von seiner Frau und den Kindern zurück. Hübner, 46 Jahre alt, dessen wirklicher Name aus Rücksicht auf seine Familie nicht genannt werden soll, litt unter schweren Anfällen von Niedergeschlagenheit. Er brauchte dringend Hilfe. Doch bei Anrufen in psychotherapeutischen Praxen bekam er stets die Auskunft, man sei leider voll, er könne sich nur auf eine Warteliste setzen lassen.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 11/2018 vom 08.06.2018, Seite 42
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Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?

Daniel Hübner ist kein Einzelfall: Mindestens fünf Millionen Menschen erkranken jährlich in Deutschland an einer psychischen Krankheit, darunter allein 700 000 Kinder und Jugendliche. Für sie alle stehen jedoch – ambulant und stationär – nur 1,5 Millionen Behandlungsplätze zur Verfügung. Im Schnitt vergehen rund zwanzig Wochen von der ersten Anfrage bei einem Psychotherapeuten bis zum Beginn der Behandlung. Dieser bestürzende Befund ist Ergebnis einer aktuellen Studie, die die Bundespsychotherapeutenkammer im April veröffentlichte. Müssten Menschen mit Knochenbrüchen oder Diabetes derart lange auf medizinische Hilfe warten, wäre das ein nationaler Skandal. Doch bei der Unterversorgung seelisch Kranker geschieht bisher wenig.

Auch die »Reform der Psychotherapie-Richtlinie«, die vor einem Jahr in Kraft trat, hat an diesem Notstand wenig geändert. Zwar müssen Praxen von Psychotherapeuten mit Kassenzulassung seitdem mindestens 200 Minuten pro Woche telefonisch erreichbar sein und wöchentlich eine Sprechstunde von hundert Minuten anbieten. Die Wartezeit auf ein erstes Gespräch konnte so von durchschnittlich 12,5 Wochen auf 5,7 Wochen verkürzt werden. Doch auf einen Therapieplatz müssen die Patienten immer noch monatelang warten.

Dramatische Situation in Nordrhein-Westfalen

Besonders schlecht ist die Situation im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen: Im Ruhrgebiet beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz mehr als sieben Monate. In der Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Organs der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, werden die Großstädte hier wie Kreisstädte eingestuft – und haben damit noch weniger Praxen mit Kassenzulassung als anderswo. Auf je 100 000 Einwohner kommen in Nordrhein-Westfalen deshalb nur 11,4 Psychotherapeutenplätze. Damit lasse sich nicht sicherstellen, »dass Patienten, die dringend behandlungsbedürftig sind, rechtzeitig professionelle Hilfe erhalten«, kritisiert die Psychotherapeuten-Kammer Nordrhein-Westfalen.

Das lange Warten ist nicht nur qualvoll und gefährlich für die Betroffenen – der eklatante Mangel gefährdet auch die freie Arztwahl und den Behandlungserfolg. Denn gerade bei psychischen Krankheiten ist es nicht egal, an welchen Therapeuten ein Patient gerät. Die Psychotherapieforschung der vergangenen Jahre hat klar gezeigt: Je stärker eine Störung, desto wichtiger ist es, die Methode anzuwenden, die spezifisch bei dieser Erkrankung wirksam ist, und entsprechend qualifizierte Behandler zu finden. Doch das ist nicht leicht. Als Daniel Hübner nach Monaten endlich einen ersten Gesprächstermin bekam, stand auch er hilflos vor der Frage: Woher weiß ich, ob dieser Therapeut für mich der Richtige ist?

»Zuerst war es ein Fehlschlag«, berichtet Hübner über seine Suche. »Der Therapeut, bei dem ich einen Platz bekam, hörte zwar zu, hat auch versucht, mich zu erreichen. Aber ich bin da nicht aus mir rausgekommen«, berichtet er. »Es drehte sich eher im Kreis.«

Wie soll man eine gute Wahl treffen, wenn es angesichts des Therapeutenmangels keine Wahl zu geben scheint? Der Psychotherapie-Informationsdienst (PID), ein Angebot des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen, gibt die Empfehlung, sich auf mehrere Wartelisten setzen zu lassen – zum einen, um relativ schnell ein Erstgespräch zu bekommen, zum anderen aber auch, um trotz der knappen Plätze überhaupt eine bewusste Entscheidung treffen zu können.

Jeder Patient hat das Recht auf bis zu vier Probesitzungen, die der eigentlichen Therapie vorausgehen, die Kosten übernimmt die Krankenkasse. In diesen sogenannten probatorischen Sitzungen können die Hilfesuchenden überprüfen, ob sie sich gut verstanden fühlen: Spreche ich über die Themen, die wirklich wichtig für mich sind? Erfahre ich Neues über mich? Kann ich mit den Kommentaren und Interpretationen etwas anfangen? Wenn das der Fall ist, stehen die Chancen für eine heilsame Behandlung gut.

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Gleichzeitig sammelt der Therapeut Stoff für seine Diagnose und den Antrag bei der Kasse. »Darin muss er darlegen, was mit dem Menschen los ist und welche Therapie gemacht werden soll«, sagt Katrin Frick, Leiterin des PID. Es lohne sich, am Ende der Probesitzungen nach der Diagnose und nach dem Behandlungsplan zu fragen. Wenn man beides in wesentlichen Zügen verstehen und nachvollziehen könne, sei das eine gute Basis, meint Frick. Sie empfiehlt, Therapeuten auch nach ihren Aus- und Fortbildungen zu fragen. Gut ist es, wenn sie mehrere therapeutische Ansätze kennen und verschiedene Werkzeuge kompetent einsetzen können.

Kosmetische Reformen

»Mir war klar, dass ich dringend Therapie brauche. Wie ich Essen in mich reingestopft und danach erbrochen habe: Da war etwas komplett durcheinander. Ich fühlte mich richtig mies, aber ich konnte nicht damit aufhören.« Jennifer Dornes ist Studentin, 24 Jahre alt und spricht mittlerweile offen über die Bulimie, an der sie litt. Auch sie musste fast ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten: »In meiner Universitätsstadt war es ganz besonders schlimm. Wenn ich dort in den Praxen anrief, hörte ich, dass viele Therapeuten schon gar keine Wartelisten mehr führen«, berichtet sie. »Nach solchen Versuchen fühlte ich mich noch mieser als zuvor – abgewiesen, abgelehnt und verdammt alleine.« In den Monaten des Wartens verschlechterte sich ihr Zustand merklich. Die Fress- und Brechattacken häuften sich, kamen schließlich fast täglich.

Vielleicht hätte ihr ein neues Behandlungsangebot geholfen, das es mittlerweile gibt: Die sogenannte »Akutbehandlung«. Sie ist dazu gedacht, Patienten, die rasch Hilfe brauchen, kurzfristig zu stabilisieren. Bewilligt werden dafür maximal 24 Sitzungen à 25 Minuten. Auf Grund dieser zeitlichen Begrenzung wird in den meisten Fällen danach allerdings ein Behandlungsbedarf fortbestehen. Ein Ersatz für fehlende Therapieplätze ist diese »Erste Hilfe« daher nicht, auch nach dieser eher kosmetischen Reform bleibt die Versorgungslage prekär.

Jennifer Dornes gab nicht auf. Sie hörte sich im Freundeskreis um, nahm Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe auf und rief wiederholt in den empfohlenen Praxen an. So fand sie schließlich eine einfühlsame Psychotherapeutin, kompetent in der Behandlung von Essstörungen, die auch mit ihrer Ärztin zusammenarbeitete. Mit ihrer Hilfe konnte die Studentin erkennen, was sich hinter ihren Fressattacken und Diätplänen verbarg: Ihr Gefühl, nur etwas wert zu sein, wenn sie hoch gesteckte Ziele erreichte, und ihre große Angst, zu versagen. Wenn sie Essen in sich reinstopfte, konnte sie die unerträgliche innere Spannung für kurze Zeit beruhigen. Das Erbrechen brachte ihr Erleichterung, das Gefühl, etwas von all dem Schweren wieder abzuwerfen. Im Laufe der Therapie gelang es Jennifer, gesundere Wege der Beruhigung und Erleichterung zu finden und auch ihre kleinen Schwächen zu akzeptieren.

Freunde, Bekannte und Verwandte um Rat fragen – das macht ungefähr die Hälfte derjenigen, die einen Therapeuten suchen. Dies ergaben Umfragen des Vereins Pro Psychotherapie, der Menschen bei der Therapeutensuche unterstützt. Vor allem Frauen scheinen so erfolgreich vorzugehen. Den Hausarzt, der früher die erste Adresse bei der Suche war, fragen heute fast nur noch die über Sechzigjährigen. Die Jüngeren halten vor allem im Internet Ausschau nach therapeutischer Hilfe. Dort bieten allerdings überwiegend Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologen ihre Dienste an. Diese können nicht mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen, sodass man die Kosten ganz oder teilweise selbst tragen muss.

Hier liegt auch eine Aufgabe der Gesundheitspolitik: Sie muss dafür sorgen, dass deutlich mehr qualifizierte Therapeuten eine Kassenzulassung erhalten. Bislang wird dies durch die Beibehaltung einer veralteten, unzureichenden Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses, in dem Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherungen und von Ärzten und Krankenhäusern aufeinandertreffen, verhindert – vermutlich aus Kostengründen. Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert mindestens siebentausend psychotherapeutische Praxissitze zusätzlich.

Die Entdeckung der eigenen Kompetenz

Woran merke ich, dass ich auf meiner Suche nach Heilung an der richtigen Adresse gelandet bin? Die Therapeutin Rosemarie Piontek, die in Bamberg praktiziert, nennt es die »konkrete Hoffnung auf Veränderung«. Wenn man diese Hoffnung nach ein paar Sitzungen wieder spüren kann, ist nach ihrer Erfahrung schon die erste Stufe der Besserung erreicht. Eine Psychotherapie ist vor allem dann erfolgreich, wenn es gelingt, die eigenen Ressourcen zu entdecken und zu mobilisieren: Es ist diese Entdeckung der eigenen Kompetenz, die letztlich zur Gesundung führt – ein eklatanter Unterschied zur Behandlung mit Tabletten.

Schließlich gelang dies auch Daniel Hübner. Im zweiten Anlauf fand er eine Therapeutin, die ihn zuerst dazu motivierte, wieder Sport zu machen und so auch neue Kontakte zu knüpfen. In späteren Phasen der Therapie erkannte er, wie sehr er dazu neigte, sich selbst für unfähig zu halten, und wo sein negatives Weltbild herrührte. Seine Therapeutin half ihm, seine starken und liebenswerten Seiten zu entdecken und seine großen Hemmungen zu überwinden. Schritt für Schritt baute sich in den Erfahrungen aus der Therapie ein neues Selbstwertgefühl in ihm auf, das Leben begann wieder Spaß zu machen. Und das galt auch für seine Frau und seine beiden Kinder: »Endlich war er wieder da«, erzählt Hübners Frau. »Ich hatte wieder einen Mann, der sich mir zuwandte. Und die Kinder einen liebevollen Papa.«

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