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Mord am Main

von Elisa Rheinheimer-Chabbi 23.01.2019
Frankfurt am Main steht am Wochenende ganz im Zeichen von Mord und Totschlag: Die Litprom-Literaturtage nehmen Kriminalliteratur unter die Lupe. Autoren aus aller Welt sind zu Gast. Diese Literatur ist ein globaler Code, sagt Kurator Thomas Wörtche
Kriminalliteratur ist ein globaler Code: Warum eigentlich?  (Foto: istockphoto/Stevanovic)
Kriminalliteratur ist ein globaler Code: Warum eigentlich? (Foto: istockphoto/Stevanovic)

Publik-Forum.de: Herr Wörtche, Krimis gehören in der ganzen Welt zur meistgelesenen Literatur. Auf manchen Märkten machen sie bis zu dreißig Prozent der Gesamtbelletristik aus. Wie erklären Sie sich das?

Thomas Wörtche: Das liegt daran, dass wir in der Welt, wie sie nun mal ist, pausenlos auf kriminelle Strukturen treffen. Dass dies dann zu Literatur wird, ist nicht verwunderlich. In Südamerika gehört Kriminalliteratur zum festen Bestandteil von Gegenwartsliteratur. Kriminalität ist ja keine skandalöse Ausnahme, sondern ein Normalzustand.

Das ist aber eine steile These …

Wörtche: Finden Sie? Überall in der Welt geschehen doch täglich Wald-und-Wiesen-Beziehungstaten, und wir haben es häufig mit kriminellen Strukturen in Wirtschaft und Politik zu tun. Nehmen Sie nur den Dieselskandal: Der erfüllt sämtliche Kriterien des organisierten Verbrechens. Oder blicken wir in den gewöhnlichen Alltag der Menschen: In Mexiko, Brasilien oder Kolumbien ist Mord eine soziale Interaktionsform, so makaber das auch klingt. Im Kongo werden Kriege um Rohstoffe geführt, in Syrien und Libyen blühen Menschenhandel und Sklaverei. Oder denken Sie daran, wie Australien mit Migranten umgeht... das ist blanke Gewalt! Kriminalität ist also allgegenwärtig. Und das spiegelt sich auch in der Literatur wider. Ich wüsste kein besseres Medium, um sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Auf den Litprom-Literaturtagen geben Sie Autorinnen von Südafrika bis Südkorea ein Forum. Welche Themen treiben Krimiautoren weltweit um?

Wörtche: Das sind oft lokale Probleme, die global gültig sind. In Brasilien ist das zum Beispiel die männlich dominierte Gesellschaft, während in südafrikanischer Literatur die Enttäuschung durch die Post-Mandela-Regierung durchscheint und damit große Themen wie Demokratie und Freiheit. Kriminalliteratur gewährt also immer auch Einblicke in den Zustand einer Gesellschaft. So gibt es in der Kriminalliteratur der Türkei keine »guten« Polizisten …

Gibt es Länder, in denen Kriminalliteratur keine Rolle spielt?

Wörtche: Von allen asiatischen Gesellschaften hat nur Japan eine längere Tradition in Sachen Kriminalliteratur. Aber interessanterweise gewinnt sie auch in Staaten wie Pakistan, in denen Kriminalliteratur in der Vergangenheit kaum eine Rolle spielte, an Einfluss. In autoritär regierten Ländern wird die Pressefreiheit eingeschränkt – aber bei Literatur wird oft nicht so genau hingeschaut. Und so ist sie für die Menschen eine Möglichkeit, um Missstände anzuprangern. Das konnten wir auf Kuba genau so beobachten wie in Spanien unter Franco: Die Marginalisierung des Genres wird von Autoren ausgenutzt. Sie schreiben unterm Radar – und sind plötzlich im ganzen Land bekannt. Dann ist es für die Regierungen zu spät, sie zu stoppen.

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Täuscht der Eindruck oder werden Krimis immer brutaler?

Wörtche: Ich habe den Eindruck, die Spirale des »noch brutaler, noch grausamer, noch niederträchtiger« wird langsam schon wieder zurückgedreht. Das ist ja reine Überbietung und hat mit dem »Brutalitätslevel« der realen Welt nichts mehr zu tun. Serienkiller sind in Wahrheit vielleicht für 0,0003 Prozent aller Verbrechen verantwortlich, aber in der Literatur für achtzig Prozent.

Regionalkrimis erleben seit einigen Jahren einen besonderen Boom. Warum lesen Menschen so gerne Grausiges aus der Heimat?

Wörtche: Weil sie nicht wirklich erschreckend sind, sondern im Gegensatz zu echter Kriminalliteratur oft banal. Die Figurenkonstellation ist häufig plump an Tatort& Co. angelehnt. Diese Krimis werden unter touristischen Gesichtspunkten verlegt, deshalb spielen sie meist in schönen Gegenden wie im Chiemgau – und nicht auf dem öden Land. Dabei würde der eine oder andere verlassene Landstrich in Mecklenburg-Vorpommern sich als Kulisse eines spannenden Krimis sicher besser eignen als die Idylle auf Hiddensee... Aber in Regionalkrimis ist die Frage, was es im Dorfkrug zu essen gibt, meist wichtiger als die literarische Qualität. Deshalb unterscheide ich zwischen Krimis und Kriminalliteratur.

Warum bezeichnen Sie Kriminalliteratur als »globalen Code«?

Wörtche: Ein Südkoreaner kann sich erfreuen an Kriminal- literatur aus Südafrika und andersherum. Die Welt kommuniziert also auch auf dieser Ebene. Man muss dabei kein all zu spezifisches kulturelles Wissen haben, sondern die Narrative sind international verständlich. Längst ist klar, dass die Mafia kein rein italienisches Phänomen mehr ist, um ein Beispiel zu nennen. Die Welt ist auch in dieser Hinsicht näher zusammengerückt.

Schreiben Frauen anders über Mord und Totschlag als Männer?

Wörtche: Das kann man so pauschal nicht sagen. Frauen sehen Geschlechter- und Opferrollen sicher anders, aber das schlägt sich nicht unbedingt in Syntax und Semantik nieder. Allerdings brechen Autorinnen wie Mercedes Rosende aus Uruguay mit bestimmten Erzählmustern. So führt Rosende Frauenfiguren in der Polizei ein, die es so in der Realität kaum gibt. Das finde ich herrlich subversiv. Da steht zwar nicht »Gegenentwurf« drauf, aber genau das steckt da drin.

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