Gute Vorsätze fassen für 2019?
Eckart von Hirschhausen: »Ja! Denn Scheitern kann Spaß machen«
»Ändere nicht dein Leben – lebe dein Ändern! Wenn man sich vornimmt zu scheitern, und man tut es, ist man dann eigentlich gescheitert? Oder gescheiter? Sich keine Vorsätze zu nehmen ist jedenfalls so, als würde man auf den aufrechten Gang verzichten, nur weil man stolpern könnte.
Der Haken an allem, was wir mit dem Vorsatz »gut« adjektivieren, ist: Es bedeutet, dass wir so, wie wir im Moment sind, nicht »gut«, nicht »ok« sind. Gerade religiöse oder spirituelle Menschen leben oft mit einem Grundgefühl von Schuld, von »ich muss ein besserer Mensch sein, als ich eigentlich bin«. Mancher denkt: »Wenn die anderen wüssten, wie ich wirklich bin, würde mich keiner mehr lieben.« Dann haben Vorsätze etwas von Fesseln und Dornenkrone.
Anzuerkennen, dass unsere Willenskraft eine endliche Ressource ist und sich über den Tag verbraucht, erklärt sehr gut, warum wir abends und nachts so viel mehr Unsinn machen als am Morgen. Schon deshalb ist es sinnvoll, sich klare Wenn-Dann-Vorsätze zu nehmen. So was wie: Wenn ich nach Hause komme, ziehe ich direkt die Turnschuhe an und mache einen Spaziergang (und setze mich dann erst auf das Sofa mit der Chipstüte). Wenn ich weniger Zuckermüll essen möchte, dann kaufe ich ihn am besten gar nicht erst ein. Wenn ich weniger Fleisch essen möchte, überlege ich mir das nicht jeden Tag neu, sondern mache wie früher einen Sonntagsbraten und unter der Woche Gemüse. Klare Spielregeln. Wenn ich für den Erhalt erträglicher Temperaturen auf der Erde auch weniger »ins Warme« fliegen möchte, dann suche ich mir Urlaubsziele bei Freunden in Deutschland, die eine Sauna haben. Lokale Herzenswärme hilft gegen globale Erwärmung.
Als Gründer der Stiftung Humor hilft heilen lerne ich viel von unseren Clowns im Krankenhaus. Drunter das: Scheitern kann Spaß machen, solange man immer einmal mehr aufsteht als auf die Nase zu fallen. Wer mit Freude zu stolpern lernt, dem kann nichts mehr passieren.«
Ulrike Böhmer: »Nein! Lebe fröhlich und beschwingt«
»Boh! Bleib mir weg mit diesen Vorsätzen! Nächstes Jahr hör ich endlich mit dem Rauchen auf! Ich will unbedingt fünf Kilo abnehmen, mehr Zeit mit meinem Partner verbringen, Vegetarierin werden, meditieren, mich mehr engagieren, weniger Autofahren, nicht so viel fernsehen, mir ein Fahrrad kaufen, jede Woche ein Buch lesen, …
Was soll das? Als ob mit dem Jahresanfang alles anders wird!? Als ob ich anders werde?! Als ob das Leben anders wird? Hält uns das Jahresende und der Jahresanfang einen Gewissensspiegel – wie früher einmal den Beichtspiegel – vor und zeigt uns all unsere Versäumnisse und Unzulänglichkeiten auf?
Als ob das Leben so funktionieren würde. Wir sind doch Menschen, also viel mehr als nur Verstand und Bewusstsein. Wie oft wirft dir das Leben was vor die Füße und es sind nicht nur fünf Kilo weg, sondern 35 – weil dein Partner Knall auf Fall aus der Haustür ist, da er sich in eine Jüngere verliebt hat. Oder du selbst gehst aus der Haustür und stolperst über das Kinderfahrrad des Nachbarjungen, liegst hernach drei Wochen mit einem komplizierten Beinbruch auf dem Sofa und bist froh, dass du einen Fernseher hast.
Diese Aufzählung könnte ich ewig so weiterführen. Was ich eigentlich sagen will: Lebe dein Leben jetzt! Und fang nicht erst im nächsten Jahr damit an. Wenn du dir was vornimmst, dann setze es direkt um, da brauchst du keinen Jahresanfang – und wenn’s nicht klappt, dann war es wohl auch nicht so wichtig oder einfach nicht dran.
Lebe dein Leben fröhlich und beschwingt, und wenn du traurig bist, dann weine und lass dich trösten, und tröste andere, wenn die traurig sind. Und wenn das Leben dir einen Schlag versetzt, dann sei gewiss: Du bist behütet, immer!«
Ulrike Böhmer, geboren 1962, ist Kirchenkabarettistin, Buchautorin und Religionspädagogin. Als »Erna Schabiewsky« lässt sie kein Auge trocken.
Noch bis 7. Januar 2019: Wählen Sie Ihre Publik-Forum-Lieblingstitel 2018!
