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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Fremde Eltern

von Eric Breitinger vom 28.04.2017
Menschen, die als Kind adoptiert wurden, leiden oft unter einem Gefühl von Wurzellosigkeit und mangelndem Selbstwertgefühl. Viele suchen irgendwann im Leben ihre leiblichen Mütter und Väter. Und lernen sich dabei selbst besser kennen
Tausend Fragen: Adoptierte grübeln oft lange über ihre Herkunft und die Gründe, warum sie weggegeben wurden (Foto: shutterstock)
Tausend Fragen: Adoptierte grübeln oft lange über ihre Herkunft und die Gründe, warum sie weggegeben wurden (Foto: shutterstock)

Seine lange Nase passt nicht in sein rundliches Gesicht. Das ist mein erster Gedanke, als er mich am Bahnsteig begrüßt. Er ist eher untersetzt, ein Mann um die Fünfzig mit roten Backen und flinken Augen. Ich bin einen Kopf größer als er, 23 Jahre alt und habe lange Haare. Es ist das erste Mal, dass ich meinem leiblichen Vater gegenüberstehe.

Im Zug habe ich Kette geraucht, die Spannung kaum ausgehalten: Wie sollte ich mit dem Mann sprechen, ohne den es mich nicht geben würde, der mich aber bisher verleugnet? Was sollte ich tun, wenn er nur Desinteresse zeigt? Oder lügt? Und was, wenn er mir gefiele? Wäre das ein Verrat an meinen Adoptiveltern?

Wir gehen in die Kneipe. Mein Vater erkundigt sich nach meiner Jugend, meiner Mutter, meinen Adoptiveltern, meinen Freunden und Plänen. Er hört zu, hakt nach, will es wirklich wissen. Das Eis zwischen uns bricht. Vieles kommt mir bekannt vor. Etwa seine Unentschlossenheit, als der Kellner dasteht und er nicht weiß, was er bestellen soll. Seine Ehrlichkeit. Er erzählt mir, warum es mit meiner Mutter und ihm nicht geklappt hatte. Und sein schlechtes Gewissen, das er mit Sätzen beschwichtigt wie »Bei mir hättest du kein Abitur gemacht«. Auch seine Eitelkeit. Wenn er etwa sagt, dass er wüsste, vom wem ich meine Intelligenz hätte. Beiläufig werfe ich seiner Nase mal wieder einen Blick zu. Auch sie ist mir vertraut. Ich habe lange gerätselt, woher ich meine habe. Jetzt weiß ich es.

Reaktion auf die »Inkognito-Adoption«

Die Begegnung mit meinem Vater ist jetzt dreißig Jahre her. Seitdem habe ich mit Dutzenden Adoptierten gesprochen, die als Erwachsene zum ersten Mal ein Elternteil trafen. Viele stellten verwunder

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