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»Er war unser Mann«

von Thomas Seiterich 21.12.2017
Heinrich Böll wäre heute hundert Jahre alt geworden. Der Nobelpreisträger war auch radikaler Christ – und Unterstützer von Publik-Forum
Mutlangen, 1983: Annemarie und Heinrich Böll blockieren ein US-Depot mit Pershing-II-Raketen. (Foto: pa/Melchert)
Mutlangen, 1983: Annemarie und Heinrich Böll blockieren ein US-Depot mit Pershing-II-Raketen. (Foto: pa/Melchert)

Er war unser Mann«, sagt Harald Pawlowski über Heinrich Böll. Wenn der 87jährige Pawlowski, der Gründer und langjährige Chefredakteur von Publik-Forum, über den deutschen Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll spricht, der am 21. Dezember dieses Jahres hundert Jahre alt geworden wäre, glänzen seine Augen: »Böll hat auf seine sehr persönliche wie auch etwas einzelgängerische Weise immer zu uns gehalten«, erinnert er sich. »Das war wichtig im Gegenwind, der uns politisch wie kirchlich von rechts ins Gesicht blies.«

Mit Gegenwind kannte Böll sich aus: Er war nach dem ihm verhassten Militärdienst im Zweiten Weltkrieg für totalen Frieden auf Erden. Er bekämpfte den CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer wegen dessen Wiederbewaffnungskurs. Er focht ein Jahrzehnt später, 1968, gegen die Notstandsgesetze der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD. Er forderte im »Deutschen Herbst 1977« und den bleiernen Jahren Humanität auch für die RAF-Täter. Dafür wurde Böll auf das Übelste angegriffen. Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) ließ es zu, dass seine Polizei- und Sicherheitsdienste Bölls Haus in der Eifel sowie die Wohnungen all seiner Söhne überfallartig durchsuchten. Im ZDF nannte ihn Gerhard Löwenthal »einen Sympathisanten des Linksfaschismus«. Die Bild-Zeitung hetzte gegen den »Gutmenschen« Böll und die Illustrierte Quick schrieb: »Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof.«

Im Nazireich: Oppositionell, fromm, links und pazifistisch

Heinrich, der Kölner Schriftsteller, war zutiefst geprägt von dem so frommen wie freimütigen rheinischen Katholizismus, den seine religiös aufgeschlossenen Eltern praktizierten. Als Jugendlicher, noch vor dem Krieg, findet er auf der Suche nach dem Lebenssinn zu dem jungen Kreis um den Kölner Priester und »theologischen Fensteraufreißer« Robert Grosche (1888-1967). Grosche war kein linker Kaplan aus der Jugendbewegung, sondern kirchlich konservativ, jedoch aufgeschlossen für einen existenziellen Zugang zu Glaube und Kultur. Dort wurden Werke von Léon Bloy, Georges Bernanos, oder Paul Claudel gelesen. All diese französischen Autoren und Erneuerer gehörten der Bewegung des Renouveau catholique an, also der »Katholischen Erneuerung«. Sie sind geistige Vorläufer der kirchlichen Kurswende beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Böll wird in der Spur des Renouveau catholique zu einem existenzialistischen Christen. Aufgrund jener jugendlichen Lektüre-Gemeinschaft findet Böll religiös zu sich selber. Die Auseinandersetzung Bloys mit dem Kreuz Christi schlug, wie Böll später einmal berichtete, bei ihm »ein wie eine Bombe«. Bei Bloy hieß es: »Jesus, der Gottessohn, das fleischgewordene Wort, der Stellvertreter der ganzen Menschheit, trägt also dieses Kreuz, das größer ist als er und ihn zu Boden drückt.«

Zwei Hauptthemen: Liebe und Religion

Böll nimmt sich das zu Herzen. Er richtet sein Leben danach aus. Und er fasst seine Existenz als Schriftsteller und Mensch in wenigen, knappen Worten zusammen: »Im Grunde interessieren mich als Autor nur zwei Themen: die Liebe und die Religion.«

Zeitlebens ist Böll ein Mann der Kirche von unten. Die Armgemachten und die Gedemütigten stehen im Zentrum seines Glaubens und auch seiner Bücher. Dass er im Protest gegen das aufgeblasene, westdeutsche Kirchensteuerwesen und das Millionen-schwere, politisch tiefschwarze Erzbistum Köln im Jahr 1986 aus der Kirche »als Institution« austrat, um ein radikaler Christ und Katholik zu bleiben, war konsequent.

Im Zweiten Weltkrieg, als Soldat, wurde die traditionelle, tiefe Frömmigkeit seines Herkunftsmilieus für ihn eine Energiequelle der Menschlichkeit: »Nun bin ich fast zehn Stunden Posten gestanden in der Hitze«, schreibt er als junger Wehrmachtssoldat aus dem besetzten Frankreich. »Obwohl ich nun schon Tage fast ohne Schlaf und unsagbar müde bin; bin ich glücklich, weil ich eine Messe gehört und kommuniziert habe, ach, nie im Leben hätte ich gedacht, dass mir eine Messe so kostbar werden könnte.«

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Stets verteidigt der »Radikalchrist«, wie Pawlowski ihn nennt, Glauben und Trostbedürfnis der sogenannten »kleinen Leute«. Und er rebelliert im Namen eines liebenden Gottes gegen kalte, gesetzesförmige Kirchlichkeiten im Nachkriegsdeutschland, in dem die Verbrechen des Dritten Reiches verdrängt wurden. Dafür stehen der frühe Roman »Und sagte kein einziges Wort« von 1953 oder die »Ansichten eines Clowns« von 1963. Literarisch macht Böll etwas Ungewöhnliches: Er baut den Rhythmus der liturgischen Gebete und die katholische Sakramenten-Praxis in seine Texte ein. »Der du für uns zur SA gegangen bist«, formuliert Böll in der Sprache des Rosenkranzgebetes den Dank an seinen Bruder, der die Familie Bölls vor den Nazis schützte, indem er pro forma der SA beitrat. In einer Geschichte beschreibt er den Kapitalismus der Nachkriegszeit in Form einer Beichte: Der Mitarbeiter eines Bauunternehmens kniet im Beichtstuhl und bekennt, wie er einfache Leute mit minderwertigen Baumaterialien übers Ohr haut.

Böll unterstützte damals auch den Protest katholischer Christen, die sich in einem offenen Brief gegen die Wahlhilfe kirchlicher Verbände für die CDU wandten. Seine Kritik an einer katholischen Kirche, die sich zum Hüter der sexuellen Moral macht, sich aber blind gegenüber politischer Unmoral stellt, äußert er 1958 in dem wohl bekanntesten Essay dieser Zeit, dem »Brief an einen jungen Katholiken«.

Bereits vor 1968, in der Planungsphase für die katholisch-aufgeschlossene Wochenzeitung Publik, hatte der Aktivist Hans Suttner an Böll eine Liste mit achtzig Fragen geschickt. »Denn wir wollten mit der geplanten Publik eine erstklassige Wochenzeitung machen, wie ein kritischer Vorausdenker wie Böll sie lesen würde«, erinnert sich Harald Pawlowski. Böll schickte die Fragenliste nie zurück. »So etwas lag ihm nicht. Dafür war er zu anarchisch«, meint Pawlowski im Rückblick. »Doch er telefonierte. Und er kam, hörte zu und sprach mit uns, wenn er spürte, dass wir in Not waren.«

Dass ein Gespräch mit ihm manche Verzweiflung in Hoffnung zu wenden in der Lage war, zeigte sich, als die katholischen Bischöfe die Zeitung Publik nach nur eineinhalb Jahren wieder einstellten. Heinrich Böll und seine Frau Annemarie blieben an der Seite der Leserinitiative, die im Frühjahr 1972 »von unten« Publik-Forum gründete.

Wenn ich heute Bölls Romane in die Hand nehme, etwa »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« über eine angebliche RAF-Sympathisantin, merke ich, wie tagespolitisch engagiert und damit eben auch vergangen diese Literatur ist. Trotzdem fühle ich mich auf eine seltsame Weise bei Böll gut aufgehoben. Heinrich Böll liegt seit Juli 1985 auf dem Bergfriedhof in Merten begraben, im Vorgebirge zwischen Köln und Bonn. Einmal im Jahr bin ich in der Gegend. Da mache ich bei ihm Station.

Kommentare
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Georg Lechner
04.01.201819:38
Mein erster Kontakt mit den Werken von Heinrich Böll war das Hörspiel "Brot" (im Deutschunterricht). Von da an interessierte ich mich für seine weiteren Werke.
René Böll
22.12.201709:23
Wenn ich heute Bölls Romane in die Hand nehme, etwa »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« über eine angebliche RAF-Sympathisantin,

Dieser "Roman" - es ist in Wirklichkeite eine Erzählung - hat nichts mit Terrorismus zu tun.
Ein leider weit verbreiteter Irrtum.
René Böll


Irmgard Jasker
21.12.201717:31
Danke für den guten Artikel über Heinrich Böll, den ich seit Schultagen verehre!
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