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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Die Macht der tollen Tage

von Eva-Maria Lerch vom 12.02.2018
Am Rosenmontag nicht singen, nicht tanzen, nicht schunkeln? Das geht doch gar nicht! Trotz schlechter Schlager und Schnapsleichen: Warum ich den Karneval liebe. Ein Bekenntnis von Eva-Maria Lerch
Autorin Eva-Maria Lerch im Karneval: Mal ein Engel, mal Femme fatale (Grafik:iStock by Getty/REIMUSS; Fotos: privat)
Autorin Eva-Maria Lerch im Karneval: Mal ein Engel, mal Femme fatale (Grafik:iStock by Getty/REIMUSS; Fotos: privat)

Seit ich in Hessen lebe und bei Publik-Forum arbeite, überfällt mich an Weiberfastnacht und am Rosenmontag eine leise Wehmut. Denn hier sind das keine tollen Tage. Im Büro hängt keine einzige Luftschlange, niemand trägt auch nur einen verrückten Hut, Alkohol ist ohnehin streng verboten, und die ansonsten durchaus humorvollen Kollegen sind irgendwie zu intellektuell, um sich an jecken Umtrieben zu beteiligen. Unter kritischen Journalisten und Theologen gilt Karneval wohl als alberne Folklore – oder schlicht unter Niveau.

Und ich kann nicht mal widersprechen. Tatsächlich gibt es ja im Karneval die dämlichsten Sitzungen mit den abgegriffensten sexistischen Witzen, die grauenvollsten Schlager, die peinlichsten Büttenredner, dazu unzählige Schnapsleichen und Konfetti, das noch weit nach Aschermittwoch wie Kaugummi auf den Bürgersteigen klebt. Und trotzdem – ja, ich bekenne es – liebe ich den Karneval.

Wie eine kurzlebige, bunte Utopie

Dass diese Tage wie eine kurzlebige, bunte Utopie in das nasskalte Frühjahr blitzen und damit auch auf den Rest des Jahres ein neues Licht werfen können, erlebte ich schon als Klosterschülerin am Niederrhein. Unsere Lehrerinnen, die Töchter vom heiligen Kreuz, die ansonsten in schwarzem Nonnenhabit und Schleier durch das Gymnasium schritten, erschienen am Rosenmontag plötzlich im Clownskostüm in der Schule, als mondäne Dame oder im gestreiften Morgenmantel. Zum Entzücken von uns Schülerinnen, die ebenfalls verkleidet durch das Kloster johlten, Schwämme auf die Tafel warfen und die Lehrerinnen in Sketchen parodierten. Bis heute bewundere ich diese starken frommen Frauen dafür, dass sie es w

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Kommentare
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Georg Lechner
16.02.201814:21
Dieser Artikel hat Erinnerungen geweckt....Bevor die Sicherheitsvorschriften nach Übernahme durch einen Konzern, der als Schießpulverfabrik begonnen hatte, es faktisch verunmöglichten und ich selbst im Prozesssicherheitsteam mit dabei war, habe ich mich auch gelegentlich am närrischen treiben beteiligt. Einmal baute ich aus einem gebogenen Blechstreifen, den ich mit einigen Löchern versehen hatte, um dort Gummischnüre durchzuziehen, andeutungsweise eine Laute, setzte eine blonde Perücke auf und "beglückte" als Troubadix Kolleginnen beim Mittagessen mit "Niemand liebt dich, wieso ich?" Ein andermal veranlasste meine andeutungsweise Kostümierung die Kolleginnen dazu, mich als "Miss" zu drapieren. Ich zwängte mich in den Federnfummel, den eine frühere Miss NÖ in der Firma hinterlassen hatte (wie ich das mit meinen 75 kg schaffte, ist mir bis heute rätselhaft). Jedenfalls war ich dann das Tagesgespräch in der Firma....