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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Die Macht der tollen Tage

Am Rosenmontag nicht singen, nicht tanzen, nicht schunkeln? Das geht doch gar nicht! Trotz schlechter Schlager und Schnapsleichen: Warum ich den Karneval liebe. Ein Bekenntnis von Eva-Maria Lerch
Autorin Eva-Maria Lerch im Karneval: Mal ein Engel, mal Femme fatale (Grafik:iStock by Getty/REIMUSS; Fotos: privat)
Autorin Eva-Maria Lerch im Karneval: Mal ein Engel, mal Femme fatale (Grafik:iStock by Getty/REIMUSS; Fotos: privat)

Seit ich in Hessen lebe und bei Publik-Forum arbeite, überfällt mich an Weiberfastnacht und am Rosenmontag eine leise Wehmut. Denn hier sind das keine tollen Tage. Im Büro hängt keine einzige Luftschlange, niemand trägt auch nur einen verrückten Hut, Alkohol ist ohnehin streng verboten, und die ansonsten durchaus humorvollen Kollegen sind irgendwie zu intellektuell, um sich an jecken Umtrieben zu beteiligen. Unter kritischen Journalisten und Theologen gilt Karneval wohl als alberne Folklore – oder schlicht unter Niveau.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 03/2018 vom 09.02.2018, Seite 50
Was ist der Mensch wert?
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen

Und ich kann nicht mal widersprechen. Tatsächlich gibt es ja im Karneval die dämlichsten Sitzungen mit den abgegriffensten sexistischen Witzen, die grauenvollsten Schlager, die peinlichsten Büttenredner, dazu unzählige Schnapsleichen und Konfetti, das noch weit nach Aschermittwoch wie Kaugummi auf den Bürgersteigen klebt. Und trotzdem – ja, ich bekenne es – liebe ich den Karneval.

Wie eine kurzlebige, bunte Utopie

Dass diese Tage wie eine kurzlebige, bunte Utopie in das nasskalte Frühjahr blitzen und damit auch auf den Rest des Jahres ein neues Licht werfen können, erlebte ich schon als Klosterschülerin am Niederrhein. Unsere Lehrerinnen, die Töchter vom heiligen Kreuz, die ansonsten in schwarzem Nonnenhabit und Schleier durch das Gymnasium schritten, erschienen am Rosenmontag plötzlich im Clownskostüm in der Schule, als mondäne Dame oder im gestreiften Morgenmantel. Zum Entzücken von uns Schülerinnen, die ebenfalls verkleidet durch das Kloster johlten, Schwämme auf die Tafel warfen und die Lehrerinnen in Sketchen parodierten. Bis heute bewundere ich diese starken frommen Frauen dafür, dass sie es wagten, uns an diesem Tag diese andere Sicht auf sich zu gestatten – und damit durchblicken ließen, dass jede noch so heilige Autorität ihre blöden Seiten hat.

Einen ähnlichen Effekt hatte der Karneval in der Bundestagsverwaltung in Bonn. Als junge Redakteurin habe ich dort in der Pressestelle gearbeitet. Die Atmosphäre war geprägt von steilen Hierarchien, schwarzen Aktendeckeln und steifen Höflichkeitsfloskeln. An Weiberfastnacht aber kehrten sich die Verhältnisse um: Die vielen Sekretärinnen, die ansonsten Tausende von Briefen, Reden und Gesetzesvorlagen tippen und den Kaffee für ihre Referatsleiter kochen mussten, stoben an diesem Morgen grell geschminkt in Polonaisen durch die Büroflure bis hinauf in die Präsidentenetage.

Sie streuten Konfetti auf den Schreibtisch des Direktors, sprühten dem Protokollchef eine lila Wolke in das sauber gescheitelte Haar und schnitten den Ministerial- und Regierungsräten die gestreiften Krawatten ab. Wenn sie den Herren der Verwaltung mit ihren langen Scheren an den Kragen gingen, konnte mancher von ihnen seinen Schrecken nicht verbergen – und dann ebenso wenig die Erleichterung, dass es nur den Schlips getroffen hatte … Zwar war dann spätestens am Aschermittwoch die alte Ordnung wiederhergestellt; dennoch blieb die kurze Erfahrung der umgekehrten Autoritätsverhältnisse unausgesprochen das ganze Jahr präsent, die Macht war ein für alle Mal beschnitten.

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Inzwischen ist der Bundestag bekanntlich nach Berlin gezogen. Wie man hört, soll das Klima dort viel kälter und ernster sein. Das liegt vielleicht auch daran, dass es in Berlin keine Narrenfreiheit gibt.

Schlechter Karneval, guter Karneval

Inzwischen habe ich privat und beruflich gefühlt einhundertelf Karnevalsveranstaltungen besucht und dabei folgende These entwickelt: Schlecht ist der Karneval immer dort, wo er kommerziell und künstlich ist. Wo sich Menschen, die einander fremd sind, hinter der Maske sicher fühlen und im Schutz der Kostüme die Sau rauslassen. Und auch dort, wo Honoratioren sich in Galasitzungen mit Champagner zuprosten und bezahlte Büttenredner auftreten lassen.

Guter Karneval ist immer dort, wo die Säle von den Feiernden selbst geschmückt, die Kostüme handgeschneidert und die Nummern selbst geschrieben sind. Wo Menschen, die das ganze Jahr zusammen leben und arbeiten, kurzfristig die Verhältnisse umdrehen, wo Bürgermeister, Schulleiterinnen, Pfarrer und Firmenchefs von ihren Untergebenen lustvoll durch den Kakao gezogen werden und die Wahrheit über ihre Amtsführung in Knittelversen zu hören bekommen.

»Warum fährst du nicht einfach nach Köln?«, werde ich manchmal gefragt, wenn mich am Rosenmontag die Wehmut packt. Aber darum geht es doch gar nicht: In Köln ist doch keiner, dem ich endlich mal in einer anderen Rolle begegnen, niemand, mit dem ich schunkeln, und keiner, dem ich an den Kragen will.

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Georg Lechner
16.02.201814:21
Dieser Artikel hat Erinnerungen geweckt....Bevor die Sicherheitsvorschriften nach Übernahme durch einen Konzern, der als Schießpulverfabrik begonnen hatte, es faktisch verunmöglichten und ich selbst im Prozesssicherheitsteam mit dabei war, habe ich mich auch gelegentlich am närrischen treiben beteiligt. Einmal baute ich aus einem gebogenen Blechstreifen, den ich mit einigen Löchern versehen hatte, um dort Gummischnüre durchzuziehen, andeutungsweise eine Laute, setzte eine blonde Perücke auf und "beglückte" als Troubadix Kolleginnen beim Mittagessen mit "Niemand liebt dich, wieso ich?" Ein andermal veranlasste meine andeutungsweise Kostümierung die Kolleginnen dazu, mich als "Miss" zu drapieren. Ich zwängte mich in den Federnfummel, den eine frühere Miss NÖ in der Firma hinterlassen hatte (wie ich das mit meinen 75 kg schaffte, ist mir bis heute rätselhaft). Jedenfalls war ich dann das Tagesgespräch in der Firma....
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