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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Ivar der Schreckliche

vom 09.02.2018

Im Männerkreis hebt Dieter sein Rotweinglas und sagt mit bebender Stimme: »Lasst uns auf Ingmar Kamprad anstoßen. Den Mann, der unser aller Leben geprägt hat.«

»Wo hat der denn gespielt?«, fragt Jochen.

Dieter verdreht die Augen. »Ins Purgatorium mit diesem Ignoranten! Pass mal auf, mein Lieber: Ingmar Kamprad war kein Fußballer, sondern der Gründer von Ikea. Ist gerade gestorben. Und ob wir wollen oder nicht: Die treffendste Bezeichnung für unsere Altersgruppe ist doch wohl ›Generation Ikea‹. Nicht nur, weil inzwischen jeder zehnte Europäer in einem Ikea-Bett gezeugt wurde, sondern auch, weil mehr Menschen die Produktnamen ›Ivar‹, ›Billy‹, ›Pax‹, ›Klippan‹ und ›Expedit‹ kennen als die Namen unserer ehemaligen Bundespräsidenten.«

Jochen schmollt, und Peter zuckt mit den Achseln: »Also ... ich habe diesen ganzen Ikea-Hype nicht mitgemacht. Schon weil ich die Namen dieser Möbel so bescheuert finde. Wer will sich denn auf ein Stuhlkissen mit dem Namen ›Kackling‹ setzen, eine Klobürste benutzen, die ›Viren‹ heißt oder sich in ein Bett mit dem irritierenden Titel ›Rekdal‹ legen? Ach ja, und ich möchte auch nichts essen, was ›Köttbullar‹ genannt wird.«

Dieter grinst mitleidig und sagt: »Du Armer!«

»Wieso?«

»Ganz klar, weil das Einkaufen bei Ikea zu den letzten identitätsstiftenden Ritualen postmoderner Gesellschaften gehört. Ivar-Regale die Treppe hochschleppen, über kryptischen Bauanleitungen brüten, Inbusschlüssel drehen, bis man Blasen bekommt – das sind echte Initiationsriten. Und wenn dann ein Teil fehlt, das kann einen in existenzielle Verzweiflung stürzen! Wenn du solche intensiven Gefühle nie erlebt hast, dann fehlt dir was. Das sind wirklich Grenzerfahrungen!«

Andreas fügt hinzu: »Das stimmt. Wer nie gesehen hat, wie schief so ein Regal stehen kann, der gehört eben nicht zur ›Generation Ikea‹. Ich finde überhaupt: Ein Ivar-Regal erfolgreich aufbauen, das ist spiritueller als mancher Gottesdienst.« »Genau«, sage ich und ergreife meine Chance, als Theologe dazwischenzugehen, »weil ein Ivar-Regal nur hält, wenn das Kreuz ins Spiel kommt. Ohne das stützende Metall-Kreuz ›Observatör‹ bleibt das Ding nämlich nicht stabil und gerade. Sprich: Ohne Kreuz geht es nicht. Kann man das nicht als ein wunderbares Gleichnis für die menschli

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