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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2018
Gott wird Wort
In der modernen Welt vom Unsagbaren reden
Der Inhalt:

Das Lied vom Dschungel-Bert

Wenn Kinder Weihnachtslieder singen, deren Text sie noch nicht kennen, kommt meist etwas Schönes dabei heraus
Kling Glöckchen, klingelingeling: Mit das Schönste an Weihnachten sind die Weihnachtslieder. Auch das Lied vom Dschungel-Bert. (Foto: istockphoto/dimdimich)
Kling Glöckchen, klingelingeling: Mit das Schönste an Weihnachten sind die Weihnachtslieder. Auch das Lied vom Dschungel-Bert. (Foto: istockphoto/dimdimich)

Das Schönste an Weihnachten ist, wenn alle zusammen satt und zufrieden zwischen knisternden Geschenkpapierhaufen mit Lego bauen. Das Zweitschönste sind die Weihnachtslieder. Das erste »Kling Glöckchen, klingelingeling« des Jahres aus der krächzenden Box am Kräuterbonbon-Stand auf dem Weihnachtsmarkt (übertönt von »Stille Nacht« bei den Knobi-Baguettes) lässt uns lächeln. Oder aufstöhnen. Es »macht etwas mit uns«, wie Psychologinnen sagen würden.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 24/2018 vom 21.12.2018, Seite 59
Gott wird Wort
Gott wird Wort
In der modernen Welt vom Unsagbaren reden

Als meine Tochter vier war und in Regenhose und Gummistiefeln an meiner Hand durch die nasse, dunkle Dezemberstadt stapfte, wollte sie auf einmal singen. »Was wollen wir denn singen?«, fragte ich. »Das Lied vom Dschungel-Bert«, sagte sie. »Das haben wir heute im Morgenkreis gesungen.« Na gut, es war keine kirchliche Einrichtung, aber: der Dschungel-Bert? »Na dann, sing mal vor.« »Dschungel-Bert, Dschungel-Bert, Dschungel all so weh …« Und auf einmal sah ich ihn vor mir, mit seinem Safarihut und dem schlecht geschnittenen Bart und den Tennissocken in den Sandalen, wie er ungelenk an einer Liane zappelte. »Jingle bells! Jingle bells! Jingle all the way …« Es lebe das Frühenglisch.

»Es ist ein Ross entsprungen«

Weihnachtslieder sind etwas Wunderbares, der Wahrheit des Lebens auf der Spur. Sie begleiten uns quasi von Geburt an, lange bevor unser Hirn »Himmlische Heere« und »Hosianna« einordnen kann. Warum besingen wir entsprungene Pferde (»Es ist ein Ros …«)? Wie kann die ganze Welt verloren gehen? Was ist das für eine Turnübung, die die Hirten vollführen (»Oh, beugt wie die Hirten anbetend die Knie«)? In einer Kirchenbank haben Kinder viel Muße, geheimnisvollen Sätzen in rätselhafter Grammatik nachzusinnen (»Sahahaha-hei gegrüßet Kö-hö-hönig mild«). Kirche und Gesangbuch (»In der Weihnachtsbäckerei« steht übrigens nicht drin) gehören zu einer Welt, die größer, feierlicher und älter ist als alles, was sich Kinder vorstellen können. Weihnachten ist da keine Ausnahme. Im Gegenteil, Weihnachtslieder sind prädestiniert für Missverständnisse.

Was im Wörterbuch mit »Verhörer« übersetzt wird, nennt man auch »Mondegreen«, ein Ausdruck, der zurückgeht auf die Autorin Sylvia Wright. Sie verhörte sich Anfang des 20. Jahrhunderts ganz großartig bei einer dramatisch-schaurigen schottischen Ballade. Dort hieß es: »They hae slain the Earl of Moray / And hae laid him on the green.« (»Sie mordeten den Earl of Moray und betteten ihn auf Gras«) Sylvia Wright fragte sich ihre ganze Kindheit hindurch, wer die arme »Lady Mondegreen« wohl war, die ebenfalls dran glauben musste.

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»Kehrt mit seinem Besen, ein in jedes Haus«

Beim Mondegreen konstruieren sich die Hörenden aus ähnlich klingenden Textteilen einen neuen Sinn. Man glaubt es nicht immer, aber das menschliche Gehirn sucht gerne nach Sinn. So schuf beispielsweise meine Freundin Jule die schöne Zeile: »Oh, Tannenbaum, wie grinsen deine Blätter«. In »Alle Jahre wieder« sang sie der Familienlegende nach »kehrt mit seinem Besen / ein in jedes Haus«. Wirklich: Mehr Sinn geht nicht. Und ohne den ollen Familienkalauer (»Wie heißt Gottes Sohn?« »Owie«, weil: Gottes Sohn, o wie lacht …) ist es auch kein richtiges Weihnachten.

Fast alle haben wir ein Lieblingslied, oft seit Kindertagen. Sagt es etwas über uns, ob wir bei »O du Fröhliche« oder »Tochter Zion« stärker erschauern? Ob wir mit sieben alle acht Strophen von »Ihr Kinderlein kommet« auswendig konnten oder uns lieber an die verballhornten Versionen von »Oh Tannenbaum« hielten (»Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, die Oma hängt am Gartenzaun …«)? Ob uns ein Blockflötentrauma bis heute den Zugang zu »Fröhliche Weihnacht« erschwert? Vielleicht.

Bestimmt jedenfalls ergeben sich daraus immer gute Gesprächsthemen. Und davon kann es an den Feiertagen nicht genug geben. Frohes Fest!

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Ute Sargent
24.12.201809:57
Hoch oben schwebt Josef den Englein was vor.

Marie, die reinemacht.

Aber auch: Am Weihnachtsbaume, da hängt 'ne Pflaume. Gruß!
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