Zur mobilen Webseite zurückkehren

Adventszeit ist überall

Wir, Katharina und Christoph, sind mit dem Rad unterwegs nach Teheran. Mittlerweile sind wir in der Türkei angekommen. Hier stoßen wir auf die Spuren früher Christen – und erleben eine Überraschung. Teil drei des Weihnachtsrätsels
Radeln im Schnee: Macht nicht jeder. Katharina und Christoph schon! (Foto: pa/Strukic/Pixsell)
Radeln im Schnee: Macht nicht jeder. Katharina und Christoph schon! (Foto: pa/Strukic/Pixsell)

An den Laternen der Stadt hängen leuchtende Sterne, in der Bäckerei gibt es Plätzchen aus Mürbeteig und schon vor dem ersten Advent fällt der erste Schnee. Ist die Vorweihnachtszeit hier in der muslimischen Osttürkei also gar nicht so anders als in Deutschland?

Doch. Denn die weihnachtlichen Zeichen sieht nur, wer sie sehen möchte: Die Plätzchen gibt es in Wirklichkeit das ganze Jahr in der Bäckerei, Schnee fällt hier von Oktober bis Mai, und was genau die Sterne bedeuten, lässt sich nicht herausfinden, fest steht aber: Sie sind das einzige, was man als Weihnachtsdekoration missverstehen könnte.

Sonntags sind in der Türkei die Geschäfte geöffnet

So sehr es auch nervt, dass in Deutschland lange vor der Adventszeit Dominosteine und Schokonikoläuse Weihnachten ankündigen, und im Radio die immer gleichen Christmas-Jingles gespielt werden, den ersten Advent kann man dadurch kaum verpassen. Für uns in der Türkei stellte sich dagegen die Frage, wann das eigentlich ist. Nicht, weil er dieses Jahr im November lag. Sondern weil wir erst herausfinden mussten, wann eigentlich Sonntag ist. Denn in der Türkei haben die Geschäfte an allen Tagen geöffnet. Nur Freitag, um den Mittag herum, sind manche für eine Stunde zu, während der sich die Besitzer in der naheliegenden Moschee oder im Flur des Einkaufszentrums zum Beten versammeln. Und auch unser Leben auf dem Rad kennt die Struktur von Arbeitswoche und Wochenende nicht mehr, sondern nur noch Fahrt-, Pausen- und Schreibtage.

Dass Familie und Freunde zu Hause aber in einer anderen Zeit leben, merken wir, wenn sie uns am Wochenende Fotos von frisch gebackenen Plätzchen oder mit Nelken gespickte Orangen schicken. Per E-Mail erreichen uns Einladungen zum Weihnachtsmarkt und Katharinas Geschwister schreiben, dass sie gerade zu Großmutter und Tante fahren, um – wie in den vergangenen Jahren – den Weltweihnachtszirkus zu besuchen. Mit dieser Tradition brechen zu müssen, macht mich, Katharina, etwas wehmütig.

Doch auch wenn auf unserer Reise das Gewohnte fehlt, stimmen uns andere Dinge auf Weihnachten ein: Noch nie waren wir in so kurzer Zeit in so vielen Kirchen wie Ende November, als wir durch Kappadokien fuhren. Doch wer wie wir unterwegs ist nach Teheran, kann nicht länger als einige Minuten in diesen Kirchen verweilen.

Am Tag nach dem ersten Schneefall wanderten wir durch das Ihlara-Tal. Die Sonne schien und brachte den Bach in der Mitte des Tals zum Glitzern. An ihm entlang führte ein Pfad zu den Höhlen, in denen über viele Jahrhunderte Christen gelebt hatten, und zu den rund 50 Höhlenkirchen. Manche hatten im siebten Jahrhundert byzantinische Mönche in den Tuffstein gehauen, andere sind im 11. Jahrhundert entstanden.

Anzeige

Wolfgang Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern

»Sagenhaft aufrüttelnd«. Friedhelm Hengsbach SJ. »Ein Buch für alle, die in diesem Land etwas verändern wollen.« Stephan Hebel ... /mehr

Kleine Kirchen, mit warmen Farben bemalt

Es gibt ganze Klosteranlagen, die Kirchen selbst aber sind oft recht klein. Manchmal nur 15 Quadratmeter groß. Keine gewaltigen Hallen, in denen man sich klein und verloren vorkommt, sondern akkurat gemeißelte, niedrige Kuppeln, in warmen Farben bemalt. Man fühlt sich wohl und behütet. Von der Decke blicken Jesus, der Heilige St. Georg und die Apostel zu uns herab. Kaum zu glauben, dass die Malereien viele hundert Jahre alt sind, so lebendig schauen sie uns an. Wie schön wäre es, in so einer Kirche Weihnachten zu feiern, denken wir.

Ein paar Tage später in Kappadokien stößt Alice zu uns, die mit dem Rad von England nach Australien unterwegs ist. Wir waren schon vor Istanbul zwei Tage zusammengeradelt und beschließen nun, bis in den Osten der Türkei gemeinsam zu fahren. Als wir zwei Wochen später abends durch Erzurum laufen, kommen wir auf Nikolaus zu sprechen. »Wann ist das nochmal?«, fragt Alice, die auf ihrer Reise den vorigen Winter in Deutschland verbracht und dort die Nikolaus-Tradition kennengelernt hat.

Wir überlegen und rechnen: »Das müsste morgen sein!« Normalerweise bekommt Christoph zum Nikolaustag ein kleines Paket mit selbst gebackenen Plätzchen, Nüssen und Schokolade geschickt. Doch wohin hätte der Nikolaus es diesmal schicken sollen? Wir hätten es selbst nicht gewusst. Und nun, auf dem Rückweg vom Abendessen, nach einem Tag im Schnee, die warme Dusche und das Bett im Kopf, ist die Motivation gering, noch etwas Nikolausmäßiges auf die Beine zu stellen. »Unsere Schuhe sind so dreckig, da bekommen wir sowieso nichts«, sagt Christoph.

Alle nicken. Wir gehen früh schlafen und denken, dass Alice es auch tut.

Die Überraschung

Doch am nächsten Morgen, als ich, Katharina, losgehe, um Sesamringe fürs Frühstück zu holen, stolpere ich fast: Vor der Tür stehen zwei Pantoffeln gefüllt mit Mandarinen und Schokolade, daneben eine Bischofsmütze aus Pappe, mit rotem Filzstift bemalt und an der Seite mit jeweils zwei weißen Kabelbindern (unverzichtbare Begleiter von Radreisenden) zusammengebunden. Adventszeit ist überall. Wenn jemand daran denkt.

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.