Zur mobilen Webseite zurückkehren
Schriftgröße ändern:

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 

Achtung, Minen!

Die Landstraße von Frankfurt nach Teheran führt für Katharina Müller-Güldemeister und Christoph Borgans auch durch Bosnien. Über Berge, durch Täler, entlang türkisblauer Flüsse – und Kilometer um Kilometer vorbei an Minenfeldern
"Gefährlich schnell haben wir uns an die Minenschilder entlang des Weges gewöhnt", sagen Katharina Müller-Güldemeister und Christoph Borgans, die für Publik-Forum über ihr Abenteuer Radreise nach Teheran berichten. In dieser Folge sind sie unterwegs in Bosnien; inzwischen haben sie Istanbul erreicht (Foto: Borgans)
"Gefährlich schnell haben wir uns an die Minenschilder entlang des Weges gewöhnt", sagen Katharina Müller-Güldemeister und Christoph Borgans, die für Publik-Forum über ihr Abenteuer Radreise nach Teheran berichten. In dieser Folge sind sie unterwegs in Bosnien; inzwischen haben sie Istanbul erreicht (Foto: Borgans)

Dreifelderwirtschaft auf Bosnisch: Links ein Getreidefeld, rechts ein Maisfeld, dazwischen ein halber Meter breiter Streifen Unterholz und darin ein rotes Schild mit weißem Totenkopf – ein Minenfeld. Wir sehen es im Vorbeiradeln und halten an. Wir schauen hin. Wir starren. Es ist nicht das erste Minenschild, das wir auf unserer Radreise von Frankfurt nach Teheran sehen. Bereits im Nordosten Kroatiens leuchteten sie uns entgegen. Aber dort standen sie weit ab vom Weg in Sumpfgebieten und zugewucherten Waldstücken, die eh keiner betreten wollte oder könnte. Das eigentliche Minenfeld begann erst einige Meter hinter den großen Tafeln. Hier in Bosnien steht nun dieses verhuschte, angerostete Schild auf einem Streifen so schmal, dass die Minen direkt dahinter liegen müssen. Und nebendran gehen Bauern jahrein, jahraus ihrer Arbeit nach, wenden ihre Traktoren zum Pflügen und zur Ernte.

Wir radeln nach Teheran

Vor über zwanzig Jahren wurden die Minen verlegt, während der Jugoslawienkriege. Und noch immer sind rund 1150 Quadratkilometer bosnischer Boden vermint; etwa 15 Prozent der Bevölkerung lebt in unmittelbarer Nähe der unbetretbaren Felder. Das bosnische Mine Action Center geht von 82.000 Minen aus, die noch gefunden und entschärft werden müssen. Eigentlich wollte Bosnien das bis 2019 schaffen. Doch vom zugesagten Budget stellte die Regierung nur einen Bruchteil bereit. Zudem versickerte das Geld in den Taschen des früheren – mittlerweile verurteilten – Direktors des Mine Action Center. Zudem kommen die Räumarbeiten durch Erdrutsche und Überschwemmungen langsamer voran, als geplant. Das Ziel vom minenfreien Bosnien musste auf 2024 verschoben werden.

Der Blick geht nach unten, sucht den Boden ab

Für uns als Radfahrer bedeutet das, dass wir kilometerlang an Minenfeldern vorbeifahren, eine Armlänge von der Fahrbahn entfernt. In der Böschung, in Hängen und oft im Buschwerk vor türkisblauen Flüssen schlummern sie. In Kroatien und Serbien haben wir oft in solchen Flüssen gebadet. Hier lugen wir beim Fahren sehnsüchtig durch das Buschwerk, aber uns bleibt nichts anderes übrig, als verschwitzt weiterzufahren.

Es ist nicht so, dass man in verminten Gegenden nicht reisen könnte. Man muss aber ein paar Regeln beachten. Etwa die Straße nur verlassen, wenn der Boden befestigt oder das Gras sichtbar gemäht ist. Auch beim Gang zur Toilette gilt das: In einer Haltebucht sehen wir, wie sich eine Frau direkt hinter ihr Auto hockt, anstatt in den nahen Büschen zu verschwinden.

Eine zugewucherte Ruine bedeutet oft, dass niemand weiß, ob sie vermint ist, oder dass jemand weiß, dass sie vermint ist. Wir wollen das nicht herausfinden.

Wenn man lang genug an Totenkopfschildern vorbeifährt, misstraut man ohnehin bald jedem Boden, der nicht versiegelt ist. Selbst dort, wo keine Minen verlegt wurden, zum Beispiel in der Innenstadt von Sarajevo: Der Trampelpfad über den Rasen ist kürzer und sicher schon tausendmal begangen, aber ein Unbehagen begleitet uns dennoch. Der Blick sucht den Boden nach Auffälligem ab, der Verstand lacht ihn aus.

... und plötzlich haben wir uns an die Minentafeln gewöhnt

Anders geht es den Einheimischen. Über alles Mögliche haben sie mit uns geredet, wenn sie uns in Cafés ansprachen oder uns von der Straße weg nach Hause einluden. Minen waren nie ein Thema. Die sind einfach da. Sie verändern ihre Lage nicht, sie explodieren nicht von alleine. Genau das aber ist das größte Problem, erfahren wir vom Direktor des Mine Action Center, mit dem wir uns in Sarajevo zum Gespräch treffen. Seit Ende des Krieges sind mehr als 600 Menschen durch Minen gestorben, 1100 weitere wurden teils schwer verletzt.

Anzeige

Wolfgang Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern

»Sagenhaft aufrüttelnd«. Friedhelm Hengsbach SJ. »Ein Buch für alle, die in diesem Land etwas verändern wollen.« Stephan Hebel ... /mehr

Meist passierten diese Unfälle nicht unvorsichtigen Kindern in unbekannten Minenfeldern. Sondern Menschen, die seit Jahren neben klar markierten Gefahrenzonen lebten. Die Gefahr schläft – und sie schläfert ein. Bis dann beim Holz- oder Pilzsammeln der Fuß doch auf den ein, zwei Zentimeter großen Auslöser tritt.

Auch wenn viele Bosnier auf Selbstversorgung angewiesen sind – für ein paar Holzscheite oder Pilze das Leben riskieren? Das kommt uns unglaublich vor. Doch mit der Zeit gewöhnen auch wir uns an die Minen.

Hatten wir am Anfang noch gestaunt, dass viele Informationstafeln, die die Lage der Minen in der Umgebung angeben, verblasst und zugewuchert sind, fahren wir nun selbst an den leserlichen vorbei. Solange wir die Wege nicht verlassen, ist schließlich alles ok.

Und dann kommt auf einem Hügel, kurz vor der Grenze zu Montenegro, ein Haus in Sicht. Es steht leer, aber der Rasen scheint kurz. Vielleicht nicht ganz kurz, aber auch nicht hoch. Der könnte durchaus schon mal gemäht worden sein. Das wäre doch ein schönes Nachtquartier. Es sind auch nur 20 Meter von der Straße zum Haus. Das ist nicht weit, das können wir ruhig gehen, denken wir. Man wird ja sonst ganz paranoid. Und hier stehen doch auch keine Schilder.

Aber weil die Zeit ein wenig drängt und wir noch bis zum Sonnenuntergang radeln wollen, fahren wir dann doch. Die Straße führt in einem Bogen um das Haus herum. Direkt hinter der Kurve sehen wir: Ein rotes Schild mit einem weißen Totenkopf. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins.

Um die weiteren Teile des Reisetagebuchs von Christoph Borgans und Katharina Müller-Güldemeister zu lesen, klicken Sie im Kasten unter dem Foto auf die Überschriften, zwei Berichte sind in Publik-Forum 19/2016 (Ein Name wie Rauch und Feuer) erschienen und in der Ausgabe 17/2016 (»Im Schlafzimmer von Ivo und Marija«).

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.
Marlene Förster
01.11.201611:39
Es ist immer erfrischend die Berichte der Beiden zu lesen. Ich habe das Gefühl, ich bin dabei, lerne die Menschen mit kennen, rieche die Natur und sehe die Farben. Den Beiden auf ihrer Reise noch viel Spaß, viele freudige Erlebnisse und eine gute Weiterfahrt und auch eine sichere Rückkehr. Ich freue mich noch mehr zu lesen. Viele Grüße aus Geilenkirchen