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Buchbesprechungen

Von der heilenden Kraft der Musik bis zu amerikanischen Oligarchen: Rezensionen beleuchten Trost, Scham und politische Macht — überraschende Einsichten, wie Gesellschaften damit ringen.
vom 13.01.2026
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Ullrich Fichtner
Die Macht der Musik
DVA/Spiegel Buchverlag.
256 Seiten. 24 €

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 1/2026 vom 16.01.2026, Seite 56
Das große Rätsel Zeit
Das große Rätsel Zeit
Wie frei sind wir, die Zukunft zu gestalten?

Für Ullrich Fichtner ist Musik eine Kraft, die »unser Leben glücklicher und unsere Gesellschaft gerechter« machen kann. Um das zu veranschaulichen, begibt er sich an verschiedene Orte. Auf der Frühchen-Station eines Krankenhauses erfahren wir, wie unser Hören von Musik akustisch, elektrisch und nervlich abläuft. Wir besuchen den Autor einer Gitarrenschule, die Bremer Philharmoniker bei ihrer wöchentlichen Jugend-Werkstatt, das Festival von Montreux, die Konzerte in Schloss Elmau und weitere Veranstaltungen. Fichtners Buch ist genüsslich und leicht zu lesen. Es macht Mut, ein Musikprojekt anzupacken, egal wie. Denn das Mitmachen und Richtigmachen stellt sich von alleine ein! Die Bedeutung der Musik ist größer als Fertigkeiten oder gewohnte Musikstile. A. Martin Steffe

Dieter Funke
Der Wert der Verlusterfahrung
Psychosozial. 122 Seiten. 24,90 €

Verlusterfahrungen können Krisen auslösen. Der Psychoanalytiker und Theologe Dieter Funke will mit seinem konzentrierten Essay zeigen, dass die Bewältigung persönlicher Verlusterfahrungen die Chance birgt, mit kollektiven Verlusterfahrungen besser fertig zu werden. Vor dem Hintergrund psychoanalytischer und spiritueller Konzepte legt er individuelle Fehlreaktionen (etwa Angst, Wut, Verleugnung, Allmachtsfantasien) dar, die entstehen, weil Verluste oft als »narzisstische Kränkung« erlebt werden. Er zeigt beispielhaft, dass und wie Verluste durch zugelassene Trauer, Akzeptanz des Fragmentarischen und eine Verankerung »in einem übergeordneten Ganzen« überwunden werden können. Das ist anregend, fordert aber psychologisches Mitdenken. Offen bleibt, wie die Umsetzung auf die politisch-gesellschaftliche Ebene gelingen kann. Hartmut Meesmann

Julian Heißler
Amerikas Oligarchen
Piper. 256 Seiten. 24 €

Nachdem er kenntnisreich die spezifischen Interessenlagen der neuen US-Oligarchen Musk, Bezos, Zuckerberg und Trump analysiert hat, verweist der US-Korrespondent der Wirtschaftswoche beispielhaft auf den Weg von Vizepräsident J. D. Vance zur politischen Macht. Durch interessengeleitete Großspenden und Netzwerke wie die ›Heritage Foundation‹ wird versucht, Wahlen und politische Entscheidungen massiv zu beeinflussen. Historische Vorläufer im 19. Jahrhundert seien die alten Oligarchen gewesen, die Sklaven/innen ausbeutenden Plantagenbesitzer der Südstaaten und die neu aufgekommenen industriellen, sogenannten »Räuberbarone«. Mit der Präsidentschaft von Theodor und Franklin D. Roosevelt begann dann aufgrund des zunehmenden Unmuts der Bevölkerung der Abstieg der alten Oligarchien. Etwas Hoffnung mache, dass die Amerikaner erneut lernen, dass sie nicht gleichzeitig übermächtige Oligarchien und Demokratie haben können. Norbert Fabian

Klaus Kießling/
Elisabeth U. Strassberger/
Dewi M. Suharjanto/Knut Wenzel/Hildegard Wustmans (Hg.) Verstellte Heiligkeit: Erfahrungen mit
Scham und Schuld

Grünewald. 336 Seiten. 35 €

Dieser Sammelband ist im Nachgang zum Aufarbeitungsprozess im Bistum Limburg entstanden und enthält zahlreiche theologische Aufbrüche. Die Autoren zeigen die Dringlichkeit einer veränderten Theorie und Praxis im Angesicht vielfältigen Missbrauchs in und durch die Kirche. Von der Neuorientierung liturgischer Räume und Praktiken über exegetische, dogmatische und psychologische Reflexionen bis hin zu internationalen Erfahrungen wird in den drei Schritten Wahrnehmung, Aussprache und Ausgleich sensibel ein ehrlicher Versuch einer Theologie der Zuwendung gewagt. Keine einfache Kost! Mathias Wolf

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Tobias Künkler/Tabea Peters/Ramona Wanie/Tobias Faix
Sexualität und Glaube. Quantitative Ergebnisse
Daniel Wegner/Jennifer Paulus/Leonie Preck/Tobias Künkler
Unsere Geschichte mit Sex. Qualitative Ergebnisse
R. Brockhaus/SCM. Je Band 256 Seiten. 25-27 €

In einer dreijährigen Untersuchung wurden 10 600 überwiegend evangelikale Christinnen und Christen nach ihrem Verständnis von Sexualität und ihrem Sexualleben befragt. Das verblüffende Ergebnis: Die Einstellungen der Befragten entsprechen weitgehend denen der Gesamtbevölkerung. Von Prüderie meist keine Spur, obwohl die Untersuchung auf das pietistisch-evangelikal-bibelfundamentale Segment des Protestantismus abzielte. Drei Viertel der Befragten gaben an, offen über ihre Bedürfnisse zu kommunizieren, ihr Sexualleben selbstbestimmt zu gestalten, und zwar unabhängig von religiösen Vorgaben. So entstehen Spannungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Rund ein Drittel der eher konservativ eingestellten Christinnen und Christen lebt entgegen der eigenen Überzeugung – so bei Selbstbefriedigung und vorehelichem Geschlechtsverkehr. Das führt zu Schuldgefühlen und Scham. Die Geschichten und Kommentare im zweiten Band sind beeindruckend. Es gibt viel zu tun in den Gemeinden, auch hinsichtlich sexueller Gewalt. Norbert Copray

Florian Opitz
Capital B
Tropen. 400 Seiten. 26 €

Mit dem Fall der Mauer wurde Berlin zu einer außergewöhnlichen Metropole: Politische, soziale und kulturelle Turbulenzen bestimmen bis heute das Werden dieser »Boomtown« mit 3,7 Millionen Einwohnern. Jenseits oberflächlicher Slogans bietet der Journalist und Dokumentarfilmer Florian Opitz eine hochinteressante »Oral-History« Berlins von 1989 bis 2024. Der Untertitel »Zwischen Anarchie und Ausverkauf« ist treffend: Nur in dieser dialektischen Spannung zwischen dem Gestaltungswillen der Bürger, der progressiven Basisinitiativen, der Politik sowie der Macht der internationalen Konzerne kann die Geschichte dieser Stadt erzählt werden. Gespalten ist Berlin bis heute: 700 000 Bewohner gelten offiziell als »armutsgefährdet«. Die zahlreichen Fotos, unter anderem von Harald Hauswald, sind genauso wertvoll wie die Statements der Zeitzeugen aus beiden »Lagern«. Von den Kirchen in Berlin ist in dem Buch keine Rede, denn sie verstecken sich in unpolitischen Nischen. Christian Modehn

Maike Schöfer
Nö. Eine Anstiftung zum Neinsagen
Piper. 224 Seiten. 16 €

Maike Schöfer, Feministin und Pfarrerin, hat die Neins in ihrem Buch gezählt. 456 Mal, immer fett markiert, taucht es auf. Das Neinsagen will sie sich zurückholen. Als Mädchen durfte es sein, als Frau gehörte es sich, Ja zu sagen. Die Autorin hat diese Selbstverleugnungen am eigenen Körper erlebt. Mit dem Schreiben hat sie ihre Erlebnisse aufgearbeitet. Sie möchte alle Frauen ermutigen, aus festgelegten Rollen auszubrechen. Wie zwei ihrer Vorbilder: Jesus und Rosa Parks. Als Feministin hat Maike Schöfer untersucht, wie patriarchale Strukturen noch immer das Leben von Frauen im Privaten, in Religion, Kultur und Gesellschaft bestimmen. Das Buch ist eine facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Nein (»Nö«). Ein kurzes Wort, das ein deutliches Stopp setzen kann, dem zugleich viel Kraft für Veränderung innewohnt. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob manches schnelle Ja durch ein ehrliches Nein ersetzt werden könnte. Marianne Hällmayer

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