Post vom Papst
»Mönchsgezänk«: Mit diesem Wort hatte einst Papst Leo X. das theologische Anliegen Martin Luthers abgetan. Eine fatale Fehleinschätzung, wie die Geschichte zeigt. Das Mönchsgezänk führte zur Kirchenspaltung, die – allen ökumenischen Bemühungen zum Trotz – vermutlich nie mehr rückgängig gemacht werden kann.
Dass geistliche Entwicklungen in und theologische Forschung aus Deutschland im Vatikan nicht ernst genommen werden, hat Tradition. Der Bogen reicht von Luther über das unselige Unfehlbarkeitsdogma und die Abspaltung der Altkatholiken bis hin zur Nicht-Beachtung der Würzburger Synode (1971–1975). Manche bittere Trennung und manch innere Emigration hätte vermieden werden können.
Papst Franziskus scheint zumindest gewillt, diese unselige Tradition zu durchbrechen, indem er sich mit seinem Brief vom 29. Juni direkt an das »pilgernde Volk Gottes« in Deutschland wendet. Er wählt auch eine andere Tonlage. Die deutsche Kirche sei nicht nur großzügig, sondern habe der Weltkirche »große Theologen und Theologinnen« geschenkt. Dieses Lob würde sein Vorgänger wohl kaum über die Lippen bringen. Man befinde sich, so Franziskus weiter, heute an einer »Zeitenwende«. Eine Auseinandersetzung mit alten und neuen Fragen sei »berechtigt und notwendig«. In dieser Situation möchte er »Unterstützung« anbieten und »zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern«.
So weit, so gut. Die Frage ist nur, wie freimütig die freimütige Antwort sein darf. Welch wackelige Verbindlichkeit eine freimütige und innovative theologische Antwort hat, mussten die deutschen Bischöfe erst vor kurzem erfahren, als sie gemischtkonfessionellen Ehepaaren den gemeinsamen Eucharistieempfang ermöglichen wollten. Obwohl dieses seelsorgliche Problem in keinem anderen Land eine ähnliche Dimension hat, obwohl die Bischöfe mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit dafür waren, sandte Rom ein Stoppsignal, was zur Folge hatte, dass jedes Bistum für sich entschied. Kleinstaaterei auf katholisch. Nebenbei ein Negativbeispiel für Synodalität par excellence.
Und jetzt wieder dieses »Ja, aber ...«. Schlimmer noch: Die inhaltlichen Streitpunkte des synodalen Wegs werden nicht einmal angesprochen. In ermüdend-abstrakten Formulierungen wird um den heißen Brei herumgeredet und wortreich Einheit und Freude am Christsein beschworen. Da nützt es auch wenig, dass das berühmte Wort »aggiornamento« (Verheutigung) fällt. Wenige Zeilen später ist nämlich von den bösen Versuchungen die Rede. Werden diese nicht erkannt, »enden wir leicht in einer komplizierten Reihe von Argumentationen, Analysen und Lösungen, mit keiner anderen Wirkung, als uns von der wirklichen Begegnung mit dem treuen Volk und dem Herrn fernzuhalten«. Was wird hier eigentlich gesagt und gefordert? Was soll und kann denn Theologie anderes tun, als Argumente bringen, Analysen erstellen und Lösungen vorschlagen? Wird hier also doch – zumindest indirekt – der Primat der frommen Traditionalismus des »Immer-weiter-so« gegenüber den »bösen« Theologen behauptet?
Jede und jeder weiß, dass es bei den Fragen, die auf dem synodalen Weg besprochen werden – Öffnung der Weiheämter für Frauen, Delegation und Demokratisierung von klerikaler Macht und Revision der Sexualmoral – keine Einstimmigkeit geben wird. Jede und jeder weiß aber auch, dass ein synodaler Weg unsinnig ist, wenn diese Themen – wieder einmal – ausgeklammert werden.
Was nun? Papst Franziskus müsste die theologischen Argumente gewichten – vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der heutigen Anthropologie. Und er müsste darlegen, wie katholische Einheit in Vielfalt zu denken ist. Dazu böte sich das Subsidiaritätsprinzip an. Doch davor drückt er sich wortreich. Stattdessen stößt man auf nebulöse Wortschöpfungen wie etwa »pastorale Bekehrung«. Was immer damit gemeint sein soll: Orientierung bietet es nicht. Warum aber sollte man seine Hoffnung auf einen »synodalen Weg« setzen, der ohne Verbindlichkeit startet, keine Orientierung bietet und überdies keine Zielperspektive eröffnen will?
»Pastorale Bekehrung« wollte Leo X. auch dem »Mönchsgezänk« aus Wittenberg entgegensetzen. Erst das Konzil von Trient machte schließlich ernst mit einer theologischen Neuausrichtung. Doch das Wort Konzil – wie immer es konkret ausgestaltet wäre – will dem Papst nicht über die Lippen kommen. Obwohl die Fragen groß genug sind und die Zeit längst reif dazu ist.
