Macht Religion menschlich?
Herr Khorchide, Ihr aktuelles Buch »Scharia – der missverstandene Gott« beginnen Sie mit der Erzählung von einer Begegnung am Flughafen von Casablanca. Die Leiterin der Passkontrolle verwickelt Sie in ein Gespräch, in dem sie sich als Muslima zu erkennen gibt, die die Regeln des Islams so genau wie möglich befolgt. Sie sagt: »Ich habe Angst vor Gott.« Was haben Sie ihr geantwortet?
Mouhanad Khorchide: Diese Begegnung fand im Mai statt. Ich hatte mein Buch eigentlich schon weitgehend fertig; die Begegnung war aber perfekt für die Einleitung. Denn sie bestätigte mich in dem, was ich in dem Buch geschrieben hatte. Ich habe der Frau also in etwa Folgendes gesagt: Wenn man sich Gott als Befehlshaber denkt, muss man immer Angst haben, es ihm nicht recht zu machen. Meine Vorstellung von der Beziehung zwischen Gott und Mensch ist eine andere. Sie ist dialogisch. So finde ich sie auch im Koran. Ich sehe da keinen restriktiven Gott, der verherrlicht werden will, sondern einen, der nach Mitliebenden sucht. Er schenkt Liebe und erwartet eine liebende Antwort. Weil viel zu viele Menschen aber ständig Angst vor Gottes Strafe haben, interpretieren sie auch die Scharia als Strafenkatalog. Dabei kann man sie auch ganz anders verstehen: als Weg zu Gott in einem dialogischen Sinne. Gott will keine Satisfaktion. Er ist dem Menschen zugetan.
Herr Valentin, in Deutschland hört man oft: »Der Islam muss die Aufklärung nachholen. Wenn das geschehen ist, muss man sich auch nicht mehr über solche Dinge wie die Scharia streiten.« Haben Christen eine aufgeklärte Religion, während Muslime sie nicht haben?
Joachim Valentin: Unter den aktuellen kirchenpolitischen Bedingungen, wie wir sie gerade im Bistum Limburg erleben, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen: offenbar nicht. Man kann lernen: Aufklärung ist nie beendet. Sie muss von jedem Menschen immer wieder neu begonnen werden. Zwischen dem Islam und dem Christentum gibt es eine komplexe, 1300 Jahre alte Begegnungsgeschichte. Diese Geschichte hat Sinuskurven, die sich aufeinander zu und voneinander weg bewegen. Nach einem jahrhundertelangen Schlaf der islamischen Theologie – der Verstellung ursprünglichen Theologietreibens durch Rechtsschulen, durch Kolonialismus, durch politische Verhältnisse – ist der Islam jetzt im Kontakt mit den westlichen Kulturen herausgefordert, seine eigene Kultur so zu rekonstruieren und zu entwickeln, dass sie modernefähig wird.
Sie beziehen sich auf den Abbruch der islamischen Kontroverstheologie im 12. Jahrhundert. Nach dem bedeutenden Theologen Al-Ghazali hat der mittelalterliche Islam keinen grundlegenden Neuansatz mehr hervorgebracht. Dann war die Tür zu.
Valentin: Sie ist bis heute nominell geschlossen!
Herr Khorchide, Sie knüpfen an der Universität Münster an die abgebrochene Tradition dieser Kontroverstheologie wieder an?
Khorchide: Ja, man muss sie dafür neu entdecken. Es gibt mehrere Ansätze in der islamischen Ideengeschichte, die seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr wahrgenommen werden. So ist zum Beispiel mein Ansatz, die Scharia als Weg des Herzens zu Gott zu sehen und nicht als juristisches Konstrukt, bereits in der islamischen Tradition vorhanden. Vieles ist einfach in Vergessenheit geraten. Und vieles wird seit dem 12. Jahrhundert nurmehr reproduziert. Was wir heute versuchen, ist, das »Tor des Idschtihad«, das Tor der Anstrengung, wieder zu öffnen. Also Normen durch eigenständige Urteilsbemühungen zu finden. Ja, das ist fast noch zu wenig! Ich muss besser sagen: Wir versuchen das Vertrauen in die menschliche Vernunft zurückzugewinnen. Wie der Philosoph Averroes es im 12. Jahrhundert gesagt hat: Die menschliche Vernunft geht auf Gott zurück. Deshalb können wir der Vernunft vertrauen.
Lässt sich die Vernunft denn mit der Offenbarung Gottes vereinbaren? Oder gibt es religiöse Normen in den Offenbarungstexten, die sich jedem vernünftigen Denken entziehen – und doch befolgt werden sollen?
Khorchide: Problematisch wäre es, wenn eine instruktive Offenbarung Gottes vorliegen würde, also eine, die ganz genau beschreiben würde, was ich zu tun habe und was nicht. Dann hätten wir heute wirklich ein Problem, weil unsere gesellschaftlichen Bedingungen ganz andere sind als zur Zeit der Entstehung von Christentum und Islam. Zum Glück ist es nicht so! Die Offenbarung lässt stattdessen viel Raum, um allgemeine Prinzipien aus ihr abzuleiten. Deshalb können wir mit der Offenbarung auch in der sich wandelnden Gesellschaft leben.
Valentin: Es scheint allerdings so zu sein, dass einzelne Sätze aus Offenbarungen sich besonders gut eignen, einen patriarchalen Gott und eine patriarchale Herrschaft zu fundieren, wenn sie nicht vernünftig reflektiert werden. Was Sie, Herr Khorchide, positiv formuliert haben – dass nämlich Offenbarung einen Raum öffnet, unter irdischen Bedingungen an etwas Jenseitiges zu denken –, kann auch negativ verwendet werden. Offenbarung beinhaltet immer auch die Möglichkeit, einen weiten Horizont zu schließen. Das passiert immer dann, wenn man einzelne Sätze aus dem Zusammenhang reißt. Wir stehen vor der gemeinsamen Herausforderung, uns gegen jedweden Fundamentalismus zu wehren.
Herr Khorchide, Sie bezeichnen die Scharia nicht nur als Weg des Herzens zu Gott, sondern sehen sie verknüpft mit der islamischen Normenlehre. Woraus leiten Sie Normen ab?
Khorchide: Die sunnitischen Gelehrten sind sich über vier Quellen der islamischen Normenlehre einig: Koran, Sunna – also die überlieferten Aussprüche und Handlungsweisen des Propheten –, Konsens und Analogieschluss. Die Normen sind aber nicht einfach in Koran und Sunna zu finden, sondern sie bedürfen der Ableitung und Interpretation. Der Koran hat unter diesen vier Quellen die höchste Autorität. Neben diesen vier Quellen gibt es noch weitere: zum Beispiel das Brauchtum oder die Taten der Gefährten des Propheten. In der Normenlehre berufen sich Gelehrte deshalb meist auf einen Dialog zwischen Muhammad und einem seiner Gefährten. Muhammad fragt: »Wie würdest du zwischen den Menschen richten?« Der Gefährte antwortet: »Mit dem Koran.« Dann fragt ihn der Prophet: »Und wenn du dort keine Antwort findest?« Der Gefährte sagt: »Dann richte ich nach der Sunna.« Muhammad fragt: »Und wenn du dort keine Antwort findest?« Da antwortet der Gefährte: »Dann strenge ich mich selbst durch meine eigene Vernunft an und gebe mir dabei viel Mühe.« Muhammad bestätigt dieses Vorgehen als richtig. Aus diesem Dialog kann man entnehmen, dass auch die Lebenswirklichkeit, die menschliche Erfahrung und die Vernunft normgebend sind. Sie sind auf Augenhöhe mit dem Koran. Die Quelle aller Normen ist Gott selbst. Und ihm kann man nicht nur im Koran begegnen.
Woher nimmt das Christentum seine Normen?
Valentin: Die zeitgenössische katholische Moraltheologie und das römische Lehramt gehen da zum Teil unterschiedliche Wege. Das Lehramt geht grundsätzlich von der Annahme eines aus der Natur ablesbaren Rechtes aus, in dem zum Beispiel Homosexualität nicht gewollt ist. Wenn Sie Moraltheologen fragen, werden Sie dazu zumeist andere Antworten bekommen, die sehr viel näher an philosophischen und soziologischen Debatten sind. Nicht wenige Konflikte innerhalb der katholischen Kirche haben damit zu tun, dass da zwei Normenfindungsverfahren unterschiedlich ablaufen. Die Grundlage beider Wege ist aber die Offenbarungsliteratur. Es sind die Schriften der Bibel, die die Basis der Normenfindung bilden. Ein Beispiel: Gott sagt uns, dass das Leben unbedingt zu schützen ist. Das entnehmen wir der Heiligen Schrift. Deshalb ist Euthanasie verboten. Eine solch klare Aussage hat natürlich immer etwas Totalitäres. Aber gerade weil sie sich »dem Vernünfteln«, wie der Philosoph Kant sagen würde, entzieht, entwickelt diese Aussage bis heute eine politische Durchschlagskraft.
Die Bibel stellt also rote Ampeln auf. Sie signalisieren: »Bis hierher und nicht weiter!« Käme man nicht sehr viel besser ohne rote Ampeln aus? Sie wirken so absolut. Und die meisten weltlichen Fragen sind doch relativ.
Valentin: Seit Nietzsche gibt es ja die These: »Es gibt keine universalen Wahrheiten.« Es ist jederzeit eine Umwertung der Werte möglich. Ich dagegen meine: Die Inhalte der Zehn Gebote kommen mit einer großen Plausibilität daher. Sie schützen das Recht des Anderen. Zeitabhängige Wahrheiten könnten das so nie gewährleisten. Die Kantsche These bestätigt das: Bei der konkreten ethischen Entscheidung ist der Einzelne in der Lage, sogar sein Leben hinzugeben, um die Geltung des Sittengesetzes zu retten. Und das ist auch gut so. Denn wenn das nicht mehr gilt, ist es eben zu Ende mit der Humanität. Wir haben in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt, was es heißt, wenn das Kantsche Sittengesetz nicht mehr gilt. Das lässt mich zu dem Schluss kommen, dass es richtig ist, allgemeingültige Postulate wie etwa die Zehn Gebote aufrechtzuerhalten. Umfragen belegen heute, dass es zum Beispiel unter Christen einen besonders hohen Anteil von Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren. Sie kommen aus einer geistigen Schule des Daseins für den Anderen. Das sind Verhaltensweisen, die es in Bereichen, die komplett von Religion befreit sind, nicht mehr gibt.
Kann man denn nicht auch ohne Religion human handeln?
Khorchide: Wenn Ethiken in Gesellschaften an etwas Transzendentes gebunden sind, haben sie eine andere Qualität, eine hohe Verbindlichkeit, eine andere Sinngebung. Valentin: Religionslose Gesellschaften haben wir heute ansatzweise erstmals in Ostdeutschland oder auch in Tschechien. Und da kann man sehen: Gesellschaften scheinen auch ohne Religion human funktionieren zu können. Daraus folgt: Es gibt keinen wesensmäßigen Zusammenhang zwischen dem Religiössein und dem Gut-Handeln. Aber das Religiössein hilft.
Neigt der Mensch zur Einhaltung einer Ethik? Entspricht sie im Kern seinem Wesen? Oder muss ihm ethisches Denken und Handeln immer erst beigebracht werden?
Valentin: Eine Ethik und die von ihr abgeleiteten Normen müssen gelernt werden. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass Verhalten erlernt wird durch Vorbild und Liebe.
Khorchide: Al-Ghazali sagt: Die Welt ist der Ort der Selbsterkenntnis. Und erst durch die Selbsterkenntnis erkennt man Gott. Der Koran sagt: Das Leben ist eine Prüfung, allerdings keine, damit Gott etwas erfahren würde, was er nicht schon weiß. Sondern eine Prüfung für uns Menschen. Wir sollen uns selbst kennenlernen. Die Selbsterkenntnis führt uns auf einen Weg, der in ethisches Handeln mündet.
Valentin: Hier klingt durch, was ich die »anthropologische Wende« der islamischen Theologie nenne. Die anthropologische Wende ist eigentlich ein Begriff aus der katholischen Theologie, verbunden mit Karl Rahner und dem Sich-Abwenden von dekretierenden Regeln, wie sie im Katechismus stehen. Rahner geht es um eine Ethik, die dem Menschen als sozialem Wesen zu einem guten Leben verhilft. Also nicht nur mir selbst, sondern auch den anderen.
Der Mensch steht also im Mittelpunkt, nicht die starre Regel. Kann diese Wende nur in einer modernen Gesellschaft vollzogen werden? Hätten Sie, Herr Khorchide, Ihre Theologie etwa auch in Saudi-Arabien entwickeln können, wo Sie lange gelebt haben?
Khorchide: Man kann eine solche Theologie nur in einer Gesellschaft entwickeln, die sich für den Menschen interessiert, in demokratischen Strukturen. Deshalb sehe ich auch die große Chance, dass die islamische Theologie sich in Deutschland gut entwickeln kann. Würde ich weiter in Saudi-Arabien leben, wie ich es 17 Jahre lang getan habe, würde ich diese Theologie nicht lehren können. Vermutlich würde ich ähnlich denken wie die Theologen dort. Der Mensch wird geprägt von seinem Kontext.
Valentin: Aber haben wir nicht auch die Möglichkeit, etwas zu denken, was außerhalb unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit liegt? Ich bin davon jedenfalls überzeugt. Worin Sie recht haben, Herr Khorchide, ist: Gesellschaftliche Prozesse haben Rückwirkungen auf die Theologie. Deshalb kann Theologie heute aber auch wieder Rückwirkungen auf gesellschaftliche Prozesse haben. Ob zum Beispiel der Islam der Muslimbrüder in Ägypten auf die Herausforderungen des Dialogs und der Demokratie reagieren kann, ist eine offene Frage. Sie wird auch durch die Theologie entschieden. Ich setze meine Hoffnung auf den Austausch zwischen dem Westen und der arabischen Welt.n
Joachim Valentin, geboren 1965 in Hadamar, ist außerplanmäßiger Professor für Christliche Religions- und Kulturtheorie an der Universität Frankfurt am Main sowie Direktor des Katholischen Zentrums »Haus am Dom«.
Hintergrund zum Gespräch: Mouhanad Khorchide sieht sich in jüngster Zeit einer Gesinnungsprüfung durch Islamverbände ausgesetzt. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, zweifelt an der Rechtgläubigkeit des Professors: »Khorchide redet und schreibt nicht wie ein Islamlehrer.« Und Bekir Alboga, Vorsitzender des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland (KRM), kritisiert, dass Khorchide die formelle Abhängigkeit von der Lehrerlaubnis am liebsten abschaffen würde – und dies auch laut sagt: »Khorchide zerstört die Vertrauensbasis mit uns.« Ärger gibt es, weil am Zentrum für Islamische Theologie in Münster seit 2011 ein Konfessioneller Beirat existiert, der seit seiner Gründung nie tagte. Doch er blockiert sich selbst; der Studienbetrieb läuft ohne ihn. Uni-Senator Gernot Münster glaubt, »dass eine sachgerechte Zusammenarbeit mit den Verbänden nicht zustande kommen wird«. Khorchide könnte, sollten sich die Islamverbände gegen in verschwören, seine Lehrerlaubnis als Theologe verlieren.
