»Jetzt ist Schluss mit Gott«
Claudia* ist sich eigentlich sicher: Sie ist ein spiritueller Mensch. Noch immer. Obwohl die 24-jährige Pädagogin von sich selbst sagt, dass sie nicht mehr glauben kann. Als sie als Jugendliche über eine Schulfreundin Kontakt zu einer freien evangelischen Gemeinde bekommt, läuft anfangs alles gut. Claudia wird herzlich aufgenommen. Sie ist fasziniert davon, dass sie jetzt eine Gruppe von Menschen kennt, die nach Gott suchen und einen bewussten Glauben aufbauen wollen. Doch dann passieren Dinge, die Claudia irritieren. Sie reibt sich an den strengen Moralvorstellungen, an der unterschwelligen Dauerkontrolle in der Gemeinde. Schon bald traut sie dem »Halleluja« der Gottesdienste und dem harmonischen Miteinander nicht mehr. Ständig wird davon geredet, dass Jesus die Menschen befreit –, doch frei fühlt sich Claudia in ihrem christlichen Umfeld überhaupt nicht. Sie hat den intensiven Eindruck: »Sie sind nicht, wie sie singen.« Claudia zieht ihre Konsequenzen: Abschied von der Gemeinde, Ende des christlichen Experiments.
Gregor*, 35 Jahre alt und Netzwerkadministrator, geht ganz still, als er Ende 20 ist. In seiner Kindheit und Jugend glaubt er noch fest und betet täglich. Seine Familie ist römisch-katholisch, seine Mutter tief gläubig, sein Vater ein skeptisches Kirchenmitglied: »Ich weiß bis heute nicht genau warum, aber er hat sich nie beteiligt. Er war nie mit uns in der Kirche«, erzählt Gregor. Über Religion wird daheim nicht viel geredet, sie ist einfach da. Der Junge geht zur Erstkommunion, besucht in der Schule den katholischen Religionsunterricht. Dann stirbt sein geliebter Opa, sein engster Vertrauter – obwohl Gregor lange und intensiv zu Gott gebetet hat, er möge den Opa retten: »Ich habe gedacht: Warum lässt Gott mich im Stich? Das funktioniert ja offensichtlich nicht. Ich bete hier, ich bin immer gut gewesen, warum wirkt es nicht?« Gregor glaubt zwar weiter an die Existenz Gottes, ist aber so wütend auf ihn, dass er beschließt, Gott mit Missachtung zu strafen. Er schaltet ihn einfach ab: »Ich ging nicht mehr in die Kirche, ich habe nicht mehr gebetet.« Irgendwann lässt seine Wut nach, aber sein in der Kindheit geprägter Glaube trägt ihn nicht mehr: »Es lief so aus.« Als er sein erstes eigenes Geld verdient und sieht, wie viel Kirchensteuer er zahlt, ist das der Anlass für ihn, offiziell aus der Kirche auszutreten. Bis heute kann er nicht in Worte fassen, wie es so weit kommen konnte: »Über meine Abkehr würde ich gern mehr erzählen, wie das passiert ist. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern.«
Zwei Menschen, zwei Wege heraus aus dem Glauben. Claudia erträgt ihre Gemeinde nicht, leidet unter rigider Moral und Anpassungsdruck. Gregor entwächst seinem Kinderglauben still und unbemerkt; niemand unterhält sich mit ihm über sein Bild von Gott, über seine Wut auf einen tatenlosen »Allmächtigen«.
Wieder zwei Christen weniger auf dieser Welt. Wen sollte das treffen – außer die Kirchen und die Betroffenen selbst? »Deutschland ist postsäkular. Christlich Glaubende sind eine kognitive Minderheit geworden. Gleichzeitig gibt es eine große spirituelle Offenheit, die sich aber meist sehr diffus gestaltet«, sagt Tobias Künkler. Der Soziologe ist einer von drei Autoren einer aktuellen Studie mit dem Titel »Warum ich nicht mehr glaube«. 322 Personen nahmen in der ersten Phase dieser Studie, die in Marburg entstand, an einer Online-Befragung teil; am Ende erwachsen aus diesem Pool 15 ausführliche Interviews. Die Mehrheit davon findet sich in einem Buch, das Künkler gemeinsam mit dem evangelischen Missionswissenschaftler Tobias Faix und dem Soziologen Martin Hofmann geschrieben hat.
»Wanted«: Der Praxistest für die Theologie
Wer die ausführlichen Zitate aus den Gesprächen liest, fragt sich unwillkürlich: Verabschieden sich da wirklich Menschen vom Christsein? Oder ist es nicht eher so, dass sie allesamt Abschied nehmen von Ideen, Gedanken und Menschen, die Enge schufen und nicht Weite? War der Konformitätsdruck im Glauben so groß, dass man ihm nur entkommen konnte, wenn man gleich das ganze Christsein verabschiedete? Waren die Vorgaben so übermächtig, dass ein anderes Christsein nicht mehr gedacht, geschweige denn erlebt werden konnte?
»Wir empfanden das bei einigen unserer Interviewpartner genau so«, sagt Künkler. »Aber wir haben uns bewusst jeder Wertung enthalten und die Selbsteinschätzung der Leute ernstgenommen. In die Studie kamen nur Personen, die explizit von sich selbst sagten, dass sie nicht mehr glauben.«
Die Wissenschaftler rieben sich aufgrund der Ergebnisse ihrer Interviews aber gerade deshalb immer wieder an der Frage: Was ist eigentlich der Kern des Glaubens? »Es geht natürlich immer um dasselbe Evangelium«, sagt Künkler, der nicht nur an der Studie mitarbeitete, sondern auch Leiter des Marburger Studienprogramms Gesellschaftstransformation ist, das zum Master of Theology führt und für Aufgaben in den Praxisfeldern zwischen Gemeinde und Gesellschaft qualifiziert. »Sobald aber das Evangelium in die gesellschaftliche Wirklichkeit der Gegenwart übersetzt wird, werden Menschen dafür immer unterschiedliche Worte finden. Als Studienleiter eines theologischen Studienprogramms, das viele sozialwissenschaftliche Elemente beinhaltet, habe ich immer wieder bemerkt: Die Theologie nimmt noch viel zu wenig die soziale Wirklichkeit auf.«
Die Feststellung Künklers korrespondiert mit dem Tatbestand, dass sich bislang nur wenige deutschsprachige Theologinnen und Theologen mit dem Thema »Dekonversion« auseinandersetzen. An den Hochschulen werden im Fach Theologie weiter klassische Bereiche wie Exegese und Dogmatik, Kirchengeschichte und Liturgiewissenschaft hoch gehalten. Warum aber immer mehr Menschen nicht nur die Kirchen verlassen, sondern sich gleich ganz vom »Konzept Gott« verabschieden, wird zwar von (Religions-)Soziologen untersucht, beeinflusst aber kaum die theologische Lehre. Sie ist geprägt von Festlegungen, die über Jahrhunderte dem immer wieder aufbrandenden Streit unter Theologen folgten. Der Druck, den Neudenker des Göttlichen in Wellen machten, führte kirchlicherseits zum gefühlten Entscheidungszwang: Was ist richtig? Was ist häretisch? Über Jahrhunderte wurde »das Richtige« zur Sicherheit auch noch dogmatisiert.
Von diesem Instrument macht die evangelische Kirche seit der Reformation, die katholische Kirche immerhin seit einigen Jahrzehnten keinen Gebrauch mehr. Doch bis hinein in die Gegenwart gibt es in beiden Kirchen Verfahren gegen Theologinnen und Theologen, die mit offiziellen Lehrverboten enden. Es kann deshalb kaum verwundern, dass es viele Menschen gibt, die die unkanalisierte Gottsuche anderer auch in den Gemeinden misstrauisch beäugen. Ihre Frage lautet: Kommt dabei auch das Richtige heraus? Und was, wenn nicht?
Warum diese Kontrollsucht?
Frank Hofmann, Philosoph und Chefredakteur der Zeitschrift Andere Zeiten, hält genau diese Atmosphäre der Enge und Kontrollsucht für das Gegenteil von christlich. Jesus habe sie jedenfalls weder gepredigt noch gelebt, sagt der 51-jährige Journalist, der nach vielen Jahren selbstgewählter kirchlicher Abstinenz mit wachsender Begeisterung ein Fernstudium Theologie absolviert. Im Glauben gehe es vor allem um Intuition, um Menschenfreundlichkeit, um »die Suche nach den Stimmen in mir, die wirklich das Leben ausmachen«. Auf Jesus könnten sich die theologischen und kirchlichen Regelmacher jedenfalls nicht berufen: »Er war ja ein konsequenter Regelbrecher, gerade auch im Glauben. Und er hat andere ermutigt, es ihm nachzutun.« Dass Menschen ausgerechnet deshalb Abschied nähmen vom Christsein, weil sie vorgegebene Regeln und Glaubenssätze nicht mehr akzeptieren könnten oder weil sie keinen Menschen fänden, der mit ihnen über Gott und seine rätselhafte Präsenz spricht, ist für ihn ein tragisches Paradox.
Tobias Künkler – nicht nur Soziologe, sondern auch Christ – hat sich ganz bewusst einen Kreis gesucht, in dem er offen über Glaubensfragen sprechen kann, in dem Zweifel nicht peinlich sind und ungewöhnliche Gedanken geäußert werden dürfen. Im ökumenischen Netzwerk Emergent Deutschland findet er Menschen unterschiedlicher Konfessionen, »die sicher auch irgendwann dekonvertiert wären, wenn sie da nicht Leute gefunden hätten, mit denen sie reden konnten«. Er selbst hat einen pietistischen Hintergrund, war in verschiedenen Freikirchen, hat sich intensiv mit der katholischen Theologie des 20. Jahrhunderts beschäftigt und sagt von sich: »Ich bin ein fröhlicher Post-Pietist«. Als Wissenschaftler und Wanderer zwischen den Welten sieht er sich als »Übersetzer« für Menschen, die Neues denken und das Gespräch mit jenen suchen, die anders sind als sie selbst. Und er rechnet immer damit, dass in diesen Gesprächen Gotteserfahrungen möglich werden.
Die Studie »Warum ich nicht mehr glaube« hat ihm allerdings gezeigt, was es heißt, wenn Menschen sich intensiv nach einer Gottesbegegnung sehnen, sie aber nie haben. Dann geht es nicht um die Auseinandersetzung mit »Rechtgläubigen«, sondern um die existenzielle Frage: Wo ist Gott?
Patrick* zum Beispiel, ein 34-jähriger Projektmanager für eine Nichtregierungsorganisation, meldete sich als Interviewpartner, um seine Geschichte zu erzählen. In seinem evangelischen, aber wenig kirchlichen Elternhaus hatte er gelernt, einem Gott zu vertrauen, »der sich irgendwie um einen kümmert«. Im Alten Testament liest er: »Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, dann will ich mich von euch finden lassen.« Deshalb ist Patrick voller Zuversicht: Er wird ihm begegnen! Doch die Gotteserfahrung bleibt aus. Patrick verzweifelt daran: »Manchmal habe ich gedacht: Wenn das noch nicht mit ganzem Herzen gesucht ist, was willst du denn dann noch?« Er beginnt sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass seine Begabung im Glauben möglicherweise mehr »in der sozialen Dimension des Evangeliums« liegen könnte. Doch er fühlt, dass ihm das Ausweichmanöver nicht gelingt: »Wenn das, was mir am Glauben so zentral erscheint und was mir so wichtig ist, so gar nicht stattfindet, vielleicht stimmt das dann alles nicht? Vielleicht gibt es gar keinen Gott?« Schließlich beendet er ganz bewusst seine Suche: »Ich dachte: Jetzt ist Schluss, ich kann und ich will das nicht mehr.« Es bleibt Trauer zurück: Patrick fühlt sich von Gott persönlich getäuscht. Denn er, dieser Gott, hat sich ihm verweigert.
Andere wiederum »haben« lange Zeit einen Gott, der sie ganz und gar nicht glücklich macht. Zum Beispiel Magdalena*. Die 34-Jährige, Abteilungsleiterin im Personalmanagement, wächst in einer Familie der Extreme auf: Der Vater ist Erweckungschrist und traktiert alle mit seinen Geistesgaben; die psychisch kranke Mutter errichtet ein innerfamiliäres Herrschaftssystem, in dem Gott die letzte Kontrolle hat: »Sie erzählte uns, dass Gott alles hört, jeden sieht und darüber hinaus geheime Gedanken erkennt«. Die christliche Gemeinde, zu der die Familie gehört, wird für Magdalena zu einem Fluchtort: »Zu Hause war es unerträglich; ich habe eigentlich immer nur darauf hingelebt, dass ich wieder in die Gemeinde darf, und habe allein schon deswegen dort alle Aufgaben übernommen, die es gab.« Doch glücklich wird sie damit nicht. Denn von Kindesbeinen an möchte sie zuerst wissen – und nicht einfach Vorgebenes glauben. Sie hinterfragt Bibeltexte, kritisiert das Bild vom »lieben Gott« (denn sie erlebt daheim ja nur einen strafenden) und ist nicht bereit sich anzupassen. Der Pastor und die Gemeinde reagieren entsetzt. Sie stempeln Magdalena zur Provokateurin. Die Einzelgängerin erfährt erst lange Zeit später durch einen neuen Pastor, dass sie all diese Gedanken haben darf. Doch nun ist sie auch nicht glücklich, sondern neidisch auf diesen Mann, der so selbstverständlich vorlebt, »dass Gott eine wohltuende Realität in seinem Leben« ist. Das will auch Magdalena erleben! Doch es wird ihr nicht möglich. Gott bleibt für sie eine schwere Last, von der sie sich schließlich in ihrer Studienzeit befreit. Ganz bewusst verbannt sie ihn aus ihrem Leben – und empfindet das als »großen Befreiungsschlag«. Gerettet durch Selberdenken: So sieht Magdalena sich und ihre Geschichte. Ihr Intellekt hat sie von einem himmlischen Kontrollfreak befreit.
Die Geschichten von Claudia, Gregor, Patrick und Magdalena sind Geschichten des Abschieds. Aber sie sind auch Geschichten des Neubeginns. Alle lassen etwas Negatives hinter sich: Zwang, Ratlosigkeit, unerfüllte Sehnsucht oder einen ständig strafenden Gott. Ist das nicht gut? »Ja!«, sagt Frank Hofmann. Und dann fügt er hinzu: »Es ist so schade, dass die Kirche diese wunderbaren Leute verliert.«
Zum Weiterlesen: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler: »Warum ich nicht mehr glaube. Wenn junge Erwachsene ihren Glauben verlieren«. SCM R. Brockhaus 2014. 248 Seiten. 17,95 €
