Ein Fest für die Seele
Wie hältst du es mit der Religion? Diese Frage bewegt nicht erst seit Goethes »Faust« die Gemüter. Doch wer heute in der Saalestadt Halle die Menschen auf der Straße fragt, ob sie Christ oder Atheist sind, bekommt eine ganz andere Antwort: »Ich bin gar nichts. Ich bin ganz normal«, sagen sie dann. Neunzig Prozent fühlen sich keiner Religion mehr zugehörig. Die Situation in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sei, so der Religionswissenschaftler Andreas Finke, weltweit einmalig.
Doch als in dem Dorf Bernitt bei Schwerin die Glocken schwiegen, waren alle auf den Beinen. »So gut wie jeder der 500 Einwohner spendete Geld«, erinnert sich die 29-jährige Emilia Handke. »Alle wollten, dass die Glocken im Dorf wieder läuten.« Die blonde Frau wurde als Schülerin hier konfirmiert und gleichzeitig getauft. Der eine Elternteil war in der Kirche, der andere nicht. Beide, freischaffende Hörspielautoren in der DDR, hatten immer ein »freundliches bis engagiertes Verhältnis« zur Kirche, wie Emilia Handke betont. Sie studierte in Leipzig, Straßburg und Halle Theologie und Philosophie. Heute schreibt sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ihre Promotion über religiöse Jugendfeiern zwischen Konfirmation und Jugendweihe. Im altehrwürdigen Festsaal der Franckeschen Stiftungen in Halle begrüßt sie die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Tagung, bei der es um dieses Thema geht.
Eingeladen zu dem so gut wie nicht erforschten Phänomen hat die Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse an der Theologischen Fakultät der Saalestadt. Gekommen sind viele, die in der Praxis mit jungen Menschen arbeiten, etwa ein Drittel aus den westlichen, zwei Drittel aus den östlichen Bundesländern. Sie alle eint der Wunsch, zu neuen Ufern aufzubrechen. Im Osten scheint er noch stärker zu sein als im Westen. Denn die Vorstellung, dass hier die Konfirmation die Jugendweihe ersetzen würde, hatte sich schnell als weltfremd erwiesen. Andererseits nehmen auch an der Jugendweihe immer weniger Jugendliche teil. »2010 haben in den neuen Bundesländern nur noch 35 Prozent an der Jugendweihe und Jugendfeier teilgenommen, 14 Prozent an der Konfirmation und 3 Prozent an der Firmung«, hat Emilia Handke erforscht. »Gut 50 Prozent machen hier gar nichts mehr.«
Was im Osten begann
Auch in den alten Bundesländern nimmt die Zahl derer, die sich konfirmieren oder firmen lassen, ab. Vorsichtige Schätzungen, so Untersuchungen von Emilia Handke, haben ergeben, dass auch hier inzwischen etwa dreißig Prozent weder zur Konfirmation noch zur Firmung, geschweige denn zur Jugendweihe gehen. »Im Westen ist diese Situation noch nicht so dramatisch«, sagt Ekkehard Steinhäuser von der Hallenser Forschungsstelle. Doch die Ost-West-Unterschiede sind nicht nur in dieser Hinsicht gravierend.
So war die Jugendweihe im Westen nie eine ideologisch verordnete und zum Ritus gewordene Veranstaltung. In der DDR nahmen an der Feier teils freiwillig, teils erzwungen neunzig Prozent der Jugendlichen teil. Der ehemalige Magdeburger Bischof und Kirchenhistoriker Axel Noack macht auf einen weiteren Unterschied aufmerksam. »Wer im Westen nicht mehr zur Kirche gehört, ist irgendwann ausgetreten«, sagt er. »Im Osten war er nie drin, hat sich folglich auch an ihr nie gerieben.« Werden darum hier die religiösen Feiern unvoreingenommener akzeptiert? Warum braucht man sie? Warum von der Kirche?
1998 hatte der katholische Theologe Reinhard Hauke in Erfurt die ersten religiösen Jugendfeiern initiiert. An etwa dreißig Orten in Ostdeutschland, weiß Emilia Handke, gibt es sie inzwischen. In den alten Bundesländern »ist einfach noch nicht der Bedarf da«, so der Bonner Theologie-Professor Michael Meyer-Blanck. Den Unterschied zwischen den Segensfeiern und der Konfirmation beschreibt er so: Bei der Konfirmation handele es sich um ein »öffentliches Bekenntnis zum Christentum«. Die »kirchliche Kerze« leuchte da hell. Doch Meyer-Blanck ist sicher, dass die »Segensfeier als kirchliches Angebot auf dem freien Markt für nicht religiös Sozialisierte« bald auch im Westen eine Rolle spielen wird. Beeindruckt habe ihn, »was im Osten beginnt«.
Pia Kampelmann ist Schulleiterin einer Sekundarschule im anhaltischen Haldensleben. Eine Schule, die von der Schulstiftung der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland getragen wird. Vier solcher Schulen hat die Stiftung in Sachsen-Anhalt ins Leben gerufen, dazu sechs Grundschulen. An allen Sekundarschulen finden inzwischen Segensfeiern statt. Die Pädagogin ist stolz darauf, denn die meisten evangelischen Schulen sind Gymnasien: Bildungseinrichtungen für die Bessergestellten, »die eh zur Konfirmation« gehen. »Schüler aller sozialer Schichten lernen bei uns«, sagt die blonde Schulleiterin mit der ruhigen Stimme. Für Eltern, die das Schulgeld nicht aufbringen können, gibt es einen Solidaritätsfonds, andere springen ein.
Auf der Tagung in Halle berichtet sie über die Erfahrungen mit Segensfeiern. Auf der Leinwand sind Bilder von jungen Menschen zu sehen. Festlich gekleidet und stolz. Als die Schule 2006 mit 22 Schülern gegründet wurde, hatten die Eltern nach diesen Feiern gefragt. Heute lernen 200 Schülerinnen und Schüler hier. 102 nehmen an der Segensfeier teil, 28 an der Konfirmation. Manche an beidem.
»Segen hat was«
Als die Idee dafür aufkam, erinnert sich Kreisjugendreferent Robert Neumann, gab es aus den Gemeinden Gegenwind. »Ihr nehmt uns die Konfirmanden weg«, hieß es da. Heute sind die Gemeinden längst eingebunden. »Wichtig war uns«, sagt der ordinierte Gemeindepädagoge, »dass wir vor der Segensfeier ein Praktikum anbieten in einer sozialen Einrichtung der Kirche, einem Kindergarten oder der Altenpflege: Die Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, was christliche Nächstenliebe im Alltag heißt.« Inzwischen gibt es auch eine Kooperation mit der katholischen Schule. Workshops über biblische Geschichten wie die vom verlorenen Sohn finden in Vorbereitung auf die Segensfeier statt.
»Segen hat was«, hat einmal ein Jugendlicher gesagt und vielen aus dem Herzen gesprochen. Der Ablauf dazu wird auf der gemeinsamen Fahrt vor der Feier besprochen. Jeder Jugendliche sucht sich seinen Segensspruch aus und spricht ihn dann bei der Feier selbst. Auch der Raum der Kirche ist wichtig. Wie auch, dass der Pfarrer »normal« aussieht, also keinen Talar trägt. Als das einmal so war, haben die Jugendlichen hinterher geglaubt, dass nur über die Bibel und Kirche gesprochen wurde, was aber gar nicht der Fall war. »Es geht darum, den Jugendlichen Orientierung zu geben. Und wenn sie das wollen, Glauben und Spiritualität zu ermöglichen«, sagt Neumann.
Gekommen war nach Halle auch Birgit Sendler-Koschel, die Leiterin der Bildungsabteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die hatte 1998 eine Stellungnahme herausgegeben, in der es ausschließlich darum ging, sich weiter mit der Jugendweihe auseinanderzusetzen und die Konfirmation zu stärken. Mit ihr verfüge die Kirche, wie es heißt, über das umfassendere Angebot. Ein Jahr später warnte der Rat der EKD in zwölf Thesen sogar vor religiösen Jugendfeiern: Der dritte Weg erübrige sich, wenn die Kirche mit ihrer Konfirmandenarbeit konsequent auf Jugendliche zugehe. Ihre skeptische Haltung gab Sendler-Koschel nicht völlig auf. Allerdings könne eine kirchliche Jugendfeier »durchaus eine Bereicherung für das religiöse Profil einer Schule in kirchlicher Trägerschaft sein«, sagt sie jetzt. Das klingt nicht mehr so ablehnend.
Seelsorger bietet Jugendfeiern zur Lebenswende an
In Halle indes bietet der katholische Notfallseelsorger Reinhard Feuersträter im Ehrenamt Jugendfeiern zur Lebenswende an. Sie starteten 2001 mit zwanzig Teilnehmern in der Offenen Moritzkirche. Heute hat das katholische Elisabeth-Gymnasium das »Angebot auf dem freien Markt« übernommen. 500 Jugendliche in der ganzen Stadt nehmen es inzwischen an. Wichtig sei den Jugendlichen, dass sie die Feiern selbst vorbereiten. »Darum geht es ja«, bekräftigt Ekkehard Steinhäuser. »Es geht um die Jugendlichen selbst, die diese Feier wollen: um ihre Orientierung, ihre Selbstfindung.«
Axel Noack nennt das das Werteangebot der Kirchen. Die Segensfeier gehe schließlich »nicht nur über den Kopf«. Immer öfter wird er um die »Freisprechung« von Lehrlingen gebeten. Die Meisterfeier der Handwerkskammer Halle findet im Merseburger Dom statt. »Religion heißt, diakonisch handelnd Menschen zu helfen, durchs Leben zu kommen: christlich zu leben und getröstet zu sterben«, sagt Noack.
»Neben der Einschulung und Hochzeit ist das für die Jugendlichen das wichtigste Fest«, sagt der Sport-und Religionslehrer Waldemar Frühauf aus Halle. Seine Elternvertretung hat ihn gebeten, »mal zu sehen, was das mit den Feiern auf sich hat«. Auch privat hat der 38-Jährige Interesse daran. Der größte seiner fünf Söhne hat bald Konfirmation. Da ist er mit ein oder zwei aus seiner Klasse allein. »Da bieten doch die Feiern eine gute Chance, etwas gemeinsam zu erleben«, sagt er. Die Konfirmation hat sich für ihn nicht erübrigt, an der wird der Sohn teilnehmen. Warum aber nicht zusätzlich an der Segensfeier? Christsein, sagt er, heiße für ihn Teilen: ein Geben und Nehmen für ein erfülltes Leben. Feiern, die da helfen, gehören dazu.
