Auf den Spuren Gandhis
Das ist John Dear? Der katholische Priester, der in den USA schon so oft in Haft saß, immer wieder gegen Krieg und Atomwaffen demonstriert? Der mit dem Papst korrespondiert, den der südafrikanische Bischof Desmond Tutu für den Friedensnobelpreis vorschlug und von dem Bill Clinton sagt, dass er alle seine Bücher, immerhin über 30, gelesen hat? Jetzt sitzt der 55-Jährige in einem Pfarrhaus im Frankfurter Westen und wirkt nicht kämpferisch und verbissen, sondern freundlich, entspannt und hellwach. Ein Durchschnittsamerikaner auf Deutschlandreise. Die internationale katholische Friedensbewegung Pax Christi hat ihn eingeladen. Er hält in Deutschland mehrere Vorträge.
John Dear lacht oft, und seine Stimme überschlägt sich, wenn er sich über die Mächtigen in der Politik wundert, die mit den Mitteln der Gewalt scheitern, während sie ihn wegen seines Einsatzes für die Gewaltlosigkeit für naiv oder verrückt halten. »Nonviolence«, das ist an diesem Abend sein am häufigsten gebrauchtes Wort. Er erzählt gern von seinen vielen Abenteuern. Dabei meint er sein Anliegen grundernst. Immer wieder tritt er den Mächtigen in den Weg und blockiert etwa die Eingänge vom Pentagon, dem Weißen Haus oder von Militäreinrichtungen. Das Wahlrecht in den USA wurde ihm entzogen. Vor einigen Monaten erst wurde er festgenommen, weil er mit vier anderen Aktivisten den Zugang zum Weißen Haus versperrt hatte. Auf dem Transparent, das Dear hochhielt, stand auf Englisch: »Militär ist keine Lösung«.
»Gewalt funktioniert nicht«, sagt Dear. Sie habe keinen Erfolg. Gewaltlosigkeit schon. Das hätten 85 erfolgreiche gewaltfreie Revolutionen in den letzten 30 Jahren gezeigt. Und »das kann überall wieder geschehen«, sagt der Priester. Er will eine Bewegung in den USA initiieren, die sich gegen Krieg und Armut, gegen Rassismus und Sexismus wendet, gegen die Todesstrafe, gegen Atomwaffen und gegen Gewalt. Die Kirchen sollten seiner Meinung nach vorangehen. Doch in den USA unterstützen die meisten von ihnen Krieg und Atomwaffen, meint Dear. In der Atomwaffenschmiede von Los Alamos segneten Priester die Nuklearwaffen. Nach seinen Protesten dort wuchs in der Kirche der Druck auf ihn, sein Engagement einzustellen, zeitweise durfte er keine Messen mehr lesen. Letztes Jahr verließ er von sich aus den Jesuitenorden. Er ist aber weiterhin katholischer Priester, eine Diözese in Karlifornien nahm ihn auf. Auch durch innerkirchlichen Druck lässt er sich nicht beirren: »Ich sage nichts anderes, als Jesus auch gesagt hat«, meint der 55-Jährige.
Er wollte ein Rockstar werden
Dieser Weg war ihm nicht in die Wiege gelegt. Er stammt aus einem reichen Haus. Der Vater besaß 30 Zeitungen und stand an der Spitze des US-Presseverbandes. Der Sohn interessierte sich für Musik und schrieb sich an der Universität in Duke ein. Er genoss das Party-Leben der Studenten und wollte ein Rockstar werden. Er wäre wohl auch so gekommen, wenn nicht etwas sein Leben von Grund auf verändert hätte.
Die Begegnung mit der Jazzpianistin und Mystikerin Mary Lou Williams zählte dazu, bei ihr hatte er Privatunterricht. Und er las während einer schweren Bronchitis von Robert Kennedy, dem jüngeren Bruder des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Auch Robert fiel einem Anschlag zum Opfer. Er hatte ebenfalls eine Lebenswende erlebt und begann, sich für Religion zu interessieren und ein tiefes Mitgefühl für Arme zu entwickeln.
Dear las außerdem von Martin Luther King, dem großen Kämpfer gegen den Rassismus, der am 4. April 1968 ermordet wurde. In der Nacht vor seinem Tod habe er gesagt: »Die Wahl ist nicht die zwischen Gewalt oder Nichtgewalt. Es ist die Wahl zwischen Gewaltlosigkeit oder überhaupt nicht mehr zu existieren.« Für Dear gelten diese Worte bis heute. Der katastrophale Klimawandel bedrohe die Menschheit genauso wie das Atomwaffenarsenal, ist er überzeugt.
Eine Billion Dollar habe die US-Regierung gerade für die Erneuerung der amerikanischen Atomwaffen in den nächsten dreißig Jahren ausgegeben. »Mit dem Geld könnte man den Hunger in der Welt beenden«, meint John Dear, für den der Einsatz gegen Atomwaffen zum Kern seines Engagements gehört. Außer King ließ ihn noch ein weiterer geistlicher Führer nicht mehr los: Mahatma Gandhi, auch auf ihn bezieht er sich häufig. »Gandhi hat gesagt: Das Königreich Gottes ist die Gewaltlosigkeit«, zitiert ihn Dear. Im Zentrum steht für ihn aber Jesus, die »großartigste Person der Gewaltlosigkeit in der Geschichte.« (Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter)
Nach der Uni beschloss er, Jesuit zu werden. Doch seiner Familie zuliebe, die dagegen war, prüfte er den Wunsch ein Jahr lang. Während dieser Zeit, es war im Jahr 1982, besuchte er Israel. Dort begann gerade der Libanon-Krieg, organisierte Touristenreisen waren abgesagt, doch Dear reiste auf eigene Faust. Am See Genezareth entdeckte er in einer Kapelle die Bergpredigt Jesu, und auch die Worte: »Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer wird das Himmelreich sein«. Tief beeindruckt erklärte er Gott, er sei bereit ihm zu folgen und seine Feinde zu lieben, doch bitte er um ein Zeichen.
In dem Moment tauchten zwei israelische Jets auf und durchbrachen mit lautem Getöse die Schallmauer. Sie flogen Richtung Libanon, das 15 Meilen weiter nördlich lag, und bombardierten ein Dorf. Am nächsten Tag fuhr Dear an die Grenze und sah die Folgen des Bombardements und die vorrückende israelische Kriegsmaschinerie. Für Dear war nun klar, dass er sich für Frieden, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit einsetzen würde, es war wie eine »zweite Berufung«, nach dem Entschluss, Priester zu werden.
Seither organisierte er Hunderte von Demonstrationen und besetzte etliche Mal wichtige Einrichtungen. Seine gefährlichste Protestaktion war am 7. Dezember 1993. Wenn er davon redet sagt John Dear: »Es war das schrecklichste aber zugleich gnadenvollste Erlebnis meines Lebens«. Dem Friedensaktivisten gelang es mit etwa 100 anderen Demonstranten in eine Flugbasis in North-Carolina einzudringen, auf der atomwaffenfähige F-15-Bomber stationiert waren. Sie hatten Hammer dabei.
Ein Hammerschlag auf einen F-15-Bomber
John Dear steht plötzlich auf und durchlebt noch einmal den Moment, für den er später acht Monate im Gefängnis eingesperrt war. Er hebt die Hand, als hielte er darin wieder den Hammer: ein Schlag, doch das Flugzeug hatte keinen Kratzer. Erst dann griffen die überraschten Soldaten auf der Basis ein.
Die Teilnehmer wagten viel, ihnen wurden zwanzig Jahre Haft angedroht. Dear saß schließlich nur acht Monate, zusätzlich bekam er ein Jahr Hausarrest, vielleicht war er schon zu prominent. Dem Richter erklärte er, er sei den Worten des Propheten Jesaja gefolgt, der gesagt habe, dass Schwerter zu Pflugscharen würden.
Zusammen mit Phil Berrigan, Friedenaktivist und ebenfalls Jesuit, wurde er in eine Zelle gesperrt, darin befanden sich ein Tisch, Betten, eine Toilette. Gemeinsam feierten sie die Messe. Es gab keinen Fernseher, einmal in der Woche konnten sie für zehn Minuten Besuch bekommen, aber jeden Tag erhielten die Gefangene hundert Briefe, die sie alle beantworteten. Mutter Theresa schrieb ihnen, Filmstars, die Medien berichteten. Die Hafterfahrung sei einerseits schrecklich gewesen, sagt Dear, aber zugleich »hatten wir das Gefühl, wir folgten Jesus«.
Fast wäre John Dear 2001 im World Trade Center gestorben
Und der hält offenbar die Hand über ihn. Dear war in den vergangenen Jahrzehnten in etlichen Kriegsgebieten, in Afghanistan, im Irak, El Salvador. »Ich kenne so viele Menschen, die in Kriegen gestorben sind«, sagt der Priester. »Ich weiß auch nicht, warum ich noch lebe.« Um ein Haar wäre er bei dem Anschlag am 11. September 2001 auf das World Trade Center umgekommen.
Er wollte dort an dem Tag mit seinen Eltern frühstücken, sie hatten einen Tisch reserviert. Kurz vorher fiel seiner Mutter ein, dass für ihren Sohn der Weg von seinem Quartier so weit war und schlug einen anderen Ort vor. Das rettete allen das Leben. Nach dem Anschlag koordinierte Dear den Einsatz von 600 Notfallseelsorgern und er führte 1500 Beratungsgespräche mit Angehörigen von Opfern und Einsatzkräften. »Ich schlief drei Monate lang kaum«, erinnert er sich.
Zurzeit organisiert er eine große »Nonviolence«-Kampagne in den USA, Sie gab es bereits im vergangenen Jahr mit 250 Demonstrationen, diesmal sollen es doppelt so viele sein. »Wir brauchen eine Graswurzelbewegung, um Armut, die Nuklearwaffen und Umweltzerstörung zu stoppen«, meint Dear. Beispiele hätten gezeigt, das das funktioniere. »Wie endete die Sklaverei? Wie erhielten Frauen das Wahlrecht? Wer stoppte den Vietnamkrieg?« Eine Alternative sieht er nicht: Die Konflikte auf der Welt würden unbeherrschbar werden.
John Dear genießt sein Leben, dass dem eines Rockstars nicht unähnlich ist. »Es ist sehr aufregend, ich habe Freunde in der ganzen Welt«, sagt er. Er kennt auch viele berühmte Musiker, Paul Mc Cartney etwa and Bruce Springsteen. Musik macht er selbst keine mehr, es fehlt die Zeit. Letztens wollte er zu einem U2-Konzert, doch dann flog er doch nach El Salvador, wo der ermordete Bischof Oscar Romero seliggesprochen wurde. (Lesen Sie den Schluss des Artikels auf Seite 3)
»Das Kreuz nehmen«
Und könnte ihm das nicht auch selbst passieren, getötet zu werden? Gandhi, King, Jesus, alle drei Friedensbringer fanden ein gewaltsames Ende. Die Gefahr auf Erden nimmt er in Kauf: »Das ist es, was Glauben ist«, sagt er. Und: »Gewaltloser Widerstand bedeutet, das Kreuz zu nehmen.«
Leidenschaftlich rockt John Dear für Jesus, nur ohne Musik, er ist ein Abenteurer, dessen Heimat in Gott liegt und den es nicht stört, wenn er immer aus dem Koffer lebt. Er will möglichst viele Menschen von den Vorteilen der Gewaltlosigkeit überzeugen. Besonders auf Deutschland setzt er Hoffnungen. Weil das Land zum einen viel Gewalt aber auch eine Friedliche Revolution erlebt hat. Es könnte den Weg zu einer besseren Welt anführen.
