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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2012
Hoffen und Widerstehen
Konziliare Versammlung: Reformchristen suchen einen neuen Aufbruch
Der Inhalt:

Das Mysterium findet im Gallus statt

von Thomas Seiterich vom 26.10.2012
Kapitalismuskritik, Chorgesang und die Sozialpastoral vor Ort. Ein Streifzug durch die Workshops der Konziliaren Versammlung

Im Sitzen oder im Gehen, im gemeinsamen Musizieren, im Streiten und Debattieren finden die 51 Workshops der Konziliaren Versammlung statt. Stets geht es dabei um die politischen »Zeichen der Zeit«, um »Hoffnung und Widerstand«. Den Krückstock hat der zierliche, in Schwarz gekleidete Mann mit den tiefblauen Augen beiseite gelegt. Bischof Luigi Bettazzi erzählt vom Konzil. Der ehemalige Oberhirte des Bauern- und Arbeiterbistums Ivrea in Nordwestitalien erinnert sich genau, wie das war, als er und 39 andere Bischöfe sich am 16. November 1965, im letzten Monat des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der römischen Domitilla-Katakombe trafen. Dort, am Gedenkort für die ersten Christengemeinden Roms, gelobten die Konzilsväter einen konsequent einfachen Lebensstil, ferner einen Positionswechsel auf die Seite der Armen und Unterdrückten, um »durch nichts vom Leben der einfachen und armen Leute getrennt zu sein«, sagt Bettazzi. »Wir machten anschließend Werbung«, erzählt der 88-Jährige, »binnen kurzer Frist schlossen sich fünfhundert Konzilsväter unserem Katakombenpaktan.«

Bischof Bettazzi und die Kämpfe beim Konzil

Doch der Bischof zeichnet die Geschichte nicht rosarot. »Auf dem Konzil hatte unsere Gruppe mehrfach eine Option der Kirche für die Armen gefordert – ohne Erfolg.« Denn die Perspektive des Konzils war dominiert von der Weltsicht des mittelständischen Christentums im Westen. Da gingen die Stimmen aus den Kirchen der Armen unter. »Außerdem wollte Papst Paul VI. den Begriff ›Kirche der Armen‹ nicht, denn er fürchtete, das Konzil würde dadurch zwischen die Mühlsteine des Ost-West-Konflikts geraten.« Gespannt hören die über siebzig Teilnehmer zu. Viele sind junge Erwachsene. Sie erleben eine Sternstunde mit einem bewundernswert präsenten Akteur und Augenzeugen des Konzils.

Stefanie Hoppe aus Essen fragt Bischof Bettazzi, wie er persönlich es denn gehalten habe mit dem einfachen Lebensstil, den er im Katakombenpakt versprach. Die Zuhörer müssen lachen, als Bettazzi sagt: »Jetzt muss ich ja öffentlich beichten.« Während des Konzils war er Weihbischof und engster Mitarbeiter des »roten« Bologneser Kardinals Giacomo Lercaro. Der hatte seinen Palast in ein Waisenhaus für arme Kinder umgewandelt und wirkte als einer der vier ein

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