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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2018
Gott und die Frauen
Das Erbe der Feministischen Theologie
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Bildungs-Deko

Früher habe ich immer gehofft, dass sich Leute, die mich besuchen kommen, vor mein Bücherregal stellen. Dass sie da stehen, den Kopf leicht neigen, ab und zu anerkennend nicken. Theodor W. Adorno: »Die Dialektik der Aufklärung«. Robert Musil: »Der Mann ohne Eigenschaften«. Paul Celan: »Die Gedichte«. Klar, ich bin ein enorm kluger, enorm gebildeter Mensch. Und das soll auch jeder merken!

Ja okay, den »Mann ohne Eigenschaften« habe ich damals, mit zwanzig, nach 67 Seiten zu- und nie wieder aufgeklappt. Von Adorno kenne ich immerhin die entscheidenden Wörter, »Kulturindustrie« und so. Beim Kneipen-Smalltalk im achten Semester konnte ich jedenfalls voll mithalten. Celans »Todesfuge« hat mich in der Schule ziemlich mitgenommen, wenn ich mich recht erinnere, ich habe den Inhalt verdrängt. Muss ich unbedingt mal wieder lesen.

Mein Bücherregal ist quasi ein Spiegel meiner Seele, meines Intellekts. Falsch: Es ist ein Spiegel der Person, die ich gerne wäre. Eine, die sich die Marx-Gesamtausgabe wirklich durchgelesen hat. Die nicht nur von Håkan Nesser und Elena Ferrante das komplette Œuvre kennt. Und die, wenn die Kinder im Bett sind, nicht nur Serien auf Netflix schaut. Meine Büchersammlung hat mich durch sieben Umzüge begleitet, hat meine Freunde in Treppenhäusern stöhnen lassen. Bis heute schmückt sie eine ganze Wohnzimmerwand, inklusive Suhrkamp-Regenbogen. Die beste Deko, die es gibt.

Oder? Ich merke, dass ich damit zu einer aussterbenden Generation gehöre. Die Bücherwand im Wohnzimmer ist out – genauso wie der Fernseher übrigens. Man streamt Filme und Serien über ein Apple-Gerät oder nutzt die freie Wand nach Entsorgung der Bücher als Leinwand für den Beamer. Lesen? Klar. Auf dem Tablet oder dem E-Book. Wie traurig.

Ich mochte die Bücherwände meiner Freundinnen und Freunde und vor allem die der Leute, die ich gerade erst kennenzulernen begann. Jetzt haben alle nur noch ihre virtuelle Cloud. Dabei ist doch jede Bibliothek eine Art Wunderkammer. Halb konventionell, halb individuell. Grass, Böll, Pamuk, Salinger, Bachmann, Joyce, Proust, Arendt. Andererseits: Hat es nicht auch ein bisschen was Verkrampftes, im Museum seiner geistigen Entwicklung leben?

Ich beschließe also, auszusortieren. Das entpuppt sich allerdings als fast so schwierig

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