Von Holzmännern und Schleckerfrauen
Ende März scheiterte die geplante Transfergesellschaft für die Beschäftigten der insolventen Drogeriekette Schlecker. Das bedeutet Arbeitslosigkeit für über 10.000 Mitarbeiterinnen. Die weibliche Form ist hier mehr als berechtigt, denn fast die ganze Belegschaft besteht aus Frauen. Hat schon mal jemand einen Mann an der Schlecker-Kasse sitzen sehen? In den Medien war in den letzten Wochen deshalb ständig von »den Schleckerfrauen« die Rede, in einem Wort geschrieben, ohne Bindestrich.
Wie bei den »Holzmännern«, den Mitarbeitern des vor genau zehn Jahren endgültig in Konkurs gegangenen Baukonzerns. Zuvor hatten sich die Politiker Gerhard Schröder und Roland Koch noch als Retter feiern lassen. Unter frenetischem Jubel sprach der frühere Kanzler in Frankfurt von den »Holzmännern und ihren Familien«, denen durch seine Taten der soziale Abstieg erspart bliebe - wie sich herausstellte, für nicht allzu lange. Ein Bauarbeiter mit Schutzhelm schilderte damals in der Tagesschau seine Situation: »Frau und Kinder« habe er, und eine Hypothek aufs Reihenhaus.
Der arbeitslose Familienvater ist das Schreckens-Symbol überhaupt
Immerhin sind die »Schleckerfrauen« überhaupt zum Medienthema geworden - wie schon die Verkäuferinnen der Handelskette Arcandor, besser bekannt unter dem Namen Karstadt. Beide Beispiele signalisieren einen kulturellen Wandel: Nicht nur Papa, auch Mama braucht eine Arbeit - und die ist manchmal sogar rettungswürdig. Früher erregte eine Firmenpleite nur dann öffentliche Aufmerksamkeit, wenn die Stellen männlicher Ernährer gefährdet waren. Der arbeitslose Familienvater galt als archaisches Symbol für den Schrecken einer Betriebsschließung. Wenn Mütter gekündigt wurden, war das einfach weniger schlimm. Hauptsache der Mann hatte einen guten Job und die Grundversorgung der Familie blieb gesichert - seine Frau war ja meistens sowieso »nur« Hinzuverdienerin.
Obwohl nicht offen ausgesprochen, spielte dieses alte Denken beim politischen Tauziehen um die »Schleckerfrauen« sehr wohl eine Rolle. In einer Männerbranche wie der Bauwirtschaft wäre die Transfergesellschaft vermutlich zumindest als Übergangslösung zustande gekommen. Am Ende waren es drei Wirtschaftsminister der Freien Demokraten, die Landesbürgschaften verweigerten und so das Schicksal der »Schleckerfrauen« entschieden. Es dürfe, so verlautbarte der bayerische FDP-Politiker Martin Zeil, keinen »Automatismus« für staatliche Unterstützung bei künftigen Insolvenzen geben.
Die »Schleckerfrau« ist Ende vierzig, hat Kinder und ist regional gebunden
Automatismus? Eher ein geschlechter-politischer Präzedenzfall: Hilfe für Unternehmen mit vielen Frauenarbeitsplätzen gibt es eben nicht. Der Altersdurchschnitt der Schlecker-Verkäuferinnen liegt bei Ende vierzig, viele der jetzt Entlassenen haben Kinder und sind damit regional gebunden. Für sie hat der Vorsitzende der Männerpartei FDP einen guten Rat parat. Philipp Rösler empfahl den betroffenen Frauen, sich »schnellstmöglich eine Anschlussverwendung« zu suchen. Seine Wortwahl dürfte, mit viel Wohlwollen betrachtet, der Tatsache geschuldet sein, dass unser Bundeswirtschaftsminister (zu) lange bei der Bundeswehr war. Menschenverachtend ist sie trotzdem. Und deshalb gleich noch ein Vorschlag zur Güte: »Anschlussverwendung für Schleckerfrauen«, da haben wir doch zwei Unworte des Jahres in einem einzigen Halbsatz!
