Menschenkette gegen Braunkohletagebau
Der entscheidende Moment ist ganz unspektakulär. Mittags um kurz vor zwei Uhr ist die rund 7,5 Kilometer lange Kette geschlossen. Wir halten uns an den Händen fest oder an gelben Bändern, die verteilt wurden. Soweit man gucken kann stehen Menschen, manche halten Transparente hoch. Ein wunderbar buntes Bild. Rund 6000 Männer und Frauen sind im Braunkohle-Tagebaugebiet Garzweiler II am Samstag zusammengekommen und wollen in dem Moment nur eines: ein Ende des Braunkohletagebaus in Deutschland, der im Rheinland und in der Brandenburger Lausitz eine Fläche frisst, die zweieinhalb mal so groß ist wie der Bodensee, der für hohe CO2-Werte in Deutschland sorgt und die Klimaziele der Bundesregierung gefährdet. Ein Bündnis von Umweltgruppen, darunter Greenpeace, Campact und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland haben zu der Anti-Kohle-Kette aufgerufen.
Morgens um 9 Uhr sind wir, eine Gruppe von 60 Männern und Frauen, in Frankfurt losgefahren. Greenpeace hat die gemeinsame Busfahrt organisiert. »Mich beunruhigt der Klimawandel«, begründet die 65-jährige Rosemarie Linden warum sie mitfährt. Iris Frei war extra aus der Schweiz angereist, um gegen die Kohlepolitik in Deutschland zu protestieren. Silvia Lick aus Frankfurt ist »neugierig«. Sie will mit eigenen Augen sehen, was die Kohleförderung anrichtet, und »nicht nur über die Medien« davon erfahren. Der Bus passiert eines der riesigen Abbaugebiete mit mehreren rauchenden, enorm großen Kohlekraftwerken. Wir bekommen einen Eindruck von der Größe des Geschehens, das sich hier, wenige Kilometer westlich von Köln, seit vielen Jahren abspielt. Bald werden wir merken: Es ist ein Drama. Und das nicht nur, weil die Kohleverstromung für einen Gutteil der mehr als 900 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich ist, die Deutschland jedes Jahr in die Luft pustet.
Völlig intakte Häuser werden abgerissen
Dort, wo wir aussteigen, sind die Bäume schon gefällt. An vielen Stellen wird Grundwasser abgepumpt. Pfeile auf dem Boden weisen uns den Weg zur Anti-Kohlekette. Wir gehen los und passieren den Ort Borschemich. Keiner kennt die Gegebenheiten hier genau, aber wir merken schnell: Das ist ein Ort, der verschwinden wird. Wir sehen scheinbar völlig intakte, rot geklinkerte Häuser rechts und links der Straße. Die Rollläden sind überall heruntergelasssen. Als wären alle Bewohner gemeinsam in den Urlaub gefahren. Doch sie sind nicht in den Ferien. In zwei Jahren will RWE die Braunkohle unter Borschemich abbaggern. Die Häuser sind verlassen. In einem Fenster mit geöffneten Rollläden hängt ein Zettel: »Dieses Haus ist noch bewohnt.«
Es ist ein Geisterdorf, mitten in Europa. »Ich könnte heulen, wenn ich das sehe«, sagt eine Frau, die vorbeigeht. Eine 16-jährige Schülerin meint später: »Das ist schockierend, dass die Menschen hier keine Wahl haben.« Und eine 23-jährige Studentin, mit der sie gemeinsam hergekommen ist, sagt angesichts der Vertreibung: »Das kennt man doch nur aus Südamerika«. Es sind viele junge Leute bei der Anti-Kohle-Kette dabei.
Auch die 21-jährige Inka Falkenberg ist entsetzt: »Ich könnte mir das bei meinem Ort nicht vorstellen«, dass der einfach so spurlos verschwindet. »Ich bin dort ziemlich verwurzelt.« Dort, wo wir langgehen, wird aber genau das passieren: alle Bäume, Wohnhäuser und ehemaligen Betriebsstätten gehen verloren, auch ein weiß gestrichener Hof in Immerath, auf dem die Zahl 1781 zu lesen ist. Und das große Backsteingehöft, bei dem sich schon ein Riss die noch immer imposante Gibelwand hochzieht.
Auch der »Immerather Dom« wird bald Vergangenheit sein. Hunderte kamen zum letzten Gottesdienst im Oktober 2013. »Aller Widerstand«, kritisierte damals Pfarrer Günter Salentin, »war angesichts der Übermacht von Politik, Wirtschaft und Gewinnmaximierung zwecklos.« Die Kirche, die 1891 geweiht und 122 Jahre später wieder entweiht wurde, ist kein echter Dom, sie wird nur wegen ihrer Größe und ihres Äußeren, das an Basiliken aus dem 12. Jahrhundert erinnert, so genannt. Etliche Teilnehmer des Anti-Kohletags ruhen sich auf der Wiese vor dem großen Kirchengebäude aus. Der »Dom« ist nun ein ganz gewöhnliches Haus und wird wie alle anderen dem Braunkohleabbau geopfert. »Es ist das erste Mal, dass ich das Wort Entweihung richtig verinnerliche«, sagt der 64-jährige Eberhard Triebel aus Bonn. Er und seine Frau Ingrid haben sich auf Treppen an der verschlossenen Kirche niedergelassen. Er ist gläubig aber nicht kirchennah. Warum sind sie hier? Sie wollen »später sagen können, es wenigstens probiert zu haben, etwas zu ändern«, sagen die beiden. Eines der Abbaugebiete haben sie sich angeschaut: »Gespenstig. riesengroß und kahl« sei es. (Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter)
Greenpeace warnt vor Quecksilberemissionen
Die Braunkohleverstromung gilt als die Energieerzeugung mit dem höchsten CO2-Ausstoß. Sie ist aber auch in anderer Hinsicht enorm schädlich. »Mehr als die Hälfte der deutschen Quecksilber-Emissionen« stammen daher, sagt die Greenpeace Energieexpertin Susanne Neubronner bei der Kundgebung im Anschluss an die Menschenkette. Quecksilber könne bei Babys, Kleinkindern und Schwangeren schwere Nervenschäden hervorrufen. »Die deutschen Grenzwerte sind ein Witz«, kritisiert sie. Selbst in den USA und in China seien sie schärfer. Das ist umso dramatischer, als »in keinem Land der Welt so viel Braunkohle gefördert wird wie in Deutschland«, wie auf der Greenpeace-Webseite nachzulesen ist.
»Von den fünf schmutzigsten Braunkohlekraftwerken Europas stehen vier in Deutschland«, hat Edwin Sauer von der Frankfurter Gruppe des Umweltverbandes bereits auf der Hinfahrt im Bus erläutert. Die Umweltorganisation und Campact fordern ein Ende der Braunkohleverstromung bis 2030. RWE wolle dagegen bis 2045 fördern. Notwendig erscheint die Förderung angesichts der Überkapazitäten auf dem deutschen Strommarkt nicht. 2013 hat Deutschland einen neuen Stromexport-Rekord aufgestellt und einen Ausfuhrüberschuss von insgesamt 34,9 Milliarden Kilowattstunden erzielt.
Für Christoph Bautz von Campact, der ebenfalls bei der Kundgebung in Immerath spricht, wird die anlaufende Debatte über die Kohleförderung das »große Thema« bis zur Bundestagswahl 2017 sein. Die von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geplante CO2-Abgabe für ältere Kohlemeiler ist für ihn nur ein »Einstieg« in den Ausstieg aus der Kohleverstromung, der aber »nicht reichen« wird. Er müsste »in ganz anderem Tempo aussteigen«, meint Bautz.
Um 17 Uhr endet die Kundgebung auf dem Immerather Marktplatz. Traurig aber doch zufrieden, »ein Zeichen gesetzt zu haben«, wie manche sagen, gehen wir zurück zu den Bussen, die in einer langen Reihe außerhalb vom Ort parken. Die Stimmung ist auf der Rückfahrt gut und wird auch nicht von der Nachricht getrübt, dass bei der Pro-Kohle-Demonstration in Berlin, die von den Gewerkschaften IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und ver.di organisiert wird, mehr als doppelt so viele Teilnehmer mitgelaufen sind. Während des Tages und durch viele Gespräche hat sich die Frankfurter Gruppe in eine kleine Gemeinschaft verwandelt. »Gemeinsam können wir was reißen«, sagte Christoph Bautz von Campact bei der Abschlusskundgebung. Mit diesem Gefühl gehen wir nach Hause.
