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Kulturwandel in der Metallbranche

von Thomas Gesterkamp 07.02.2018
Die IG Metall und die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg haben sich nach Streiks auf höhere Löhne und ein Recht auf kürzere Arbeitszeiten geeinigt. Das bedeutet den Einstieg in einen Kulturwandel. Das Beispiel Schweden zeigt, welche Vorteile der bietet
Der Arbeitskampf der IG Metall hatte Erfolg, die Gewerkschaft konnte eine Lohnerhöhung und flexible Arbeitszeitverkürzung durchsetzen, letzteres hilft vor allem Beschäftigten mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen (Foto. pa/Pohl)
Der Arbeitskampf der IG Metall hatte Erfolg, die Gewerkschaft konnte eine Lohnerhöhung und flexible Arbeitszeitverkürzung durchsetzen, letzteres hilft vor allem Beschäftigten mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen (Foto. pa/Pohl)

Die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie erhalten ab April 4,3 Prozent mehr Geld. Außer der Lohnerhöhung sind eine Einmalzahlung von 100 Euro vorgesehen, 2019 erhalten die Beschäftigten zudem einen Festbetrag von 400 Euro. Und ein neues tarifliches Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens.

Vollzeit-Beschäftigte haben ab 2019 erstmals einen Anspruch auf eine verkürzte Arbeitszeit von 28 Wochenstunden für maximal zwei Jahre. Beschäftigte mit familiären Verpflichtungen oder besonderen Belastungen wie Schichtarbeit können außerdem das neue tarifliche Zusatzgeld in acht freie Tage umwandeln. Der Abschluss in Baden-Württemberg gilt zugleich als Pilotvereinbarung für die 3,9 Millionen Beschäftigten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie.

Weniger Arbeit bei vollem Lohnausgleich in Schweden

Gerade das Recht auf Reduzierung der Wochenarbeitszeit war bei den Arbeitgebern auf Widerstand gestoßen. Dabei gibt es Beispiele, die belegen, welche Vorteile solche Regelungen haben können und wie sie einen Kulturwandel befördern. Zum Beispiel in Schweden.

Zwei Stunden später kommen oder zwei Stunden früher gehen, mehr Zeit für Kinder, Freunde oder Sport, und dabei auch noch genauso viel verdienen wie zuvor: Das klingt wie ein alter gewerkschaftlicher Traum. In den Altenheimen und Kliniken der schwedischen Stadt Göteborg wurde dieser Traum 2015 Realität. Pfleger und Krankenschwestern arbeiten dort nur noch sechs Stunden pro Tag – bei vollem Lohnausgleich. Seither fühlen sie sich weniger gestresst und sind seltener krank. Zuvor klagten die Personalchefs über Fachkräftemangel, »nun klopfen die Leute an und wollen hier arbeiten«, freut sich Anders Hyltander, Abteilungsleiter am Sahlgrenska-Universitätskrankenhaus.

Parallel wurden neue Stellen geschaffen, das Experiment verursacht also Zusatzausgaben. Eine höhere Produktivität soll das ausgleichen. »Es geht nicht darum, schneller zu arbeiten, sondern besser organisiert zu sein«, erläutert Klinikchef Hyltander. Sein einfaches Credo: Ausgeruhte Beschäftigte leisten mehr als erschöpfte. Doch ganz so leicht geht die Rechnung nicht auf. Anfangs habe man das ambitionierte Ziel verfehlt, geben die Initiatoren zu. Eine Studie der Uni Stockholm aber macht Mut: Das innovative Zeitmodell sei zunächst teurer, bringe aber langfristig allen Beteiligten Gewinn. Überall in Schweden gibt es inzwischen Versuche mit Regelarbeitszeiten unter 30 Wochenstunden.

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Arbeitgeber fürchteten mehr Schwarzarbeit

In Deutschland war man bisher von der Verwirklichung solcher Utopien weit entfernt. Doch die Gewerkschafter haben nun einen Einstieg in den Kulturwandel erreicht. Das Recht zu haben, für bis zu zwei Jahre nur 28 Stunden zu arbeiten, ist für viele Beschäftigte wichtig – etwa damit sie Angehörige pflegen oder sich um ihre Kinder kümmern zu können. Dass sie solche »privaten« Tätigkeiten subventionieren sollen, lag für viele Unternehmer bisher jenseits ihrer Vorstellung. »Bezahlen für nicht geleistete Arbeit?«, fragt ein Firmenchef irritiert, »das geht nicht«. Kategorisch weigern sich die Arbeitgeberorganisationen, dieses Thema überhaupt zu verhandeln.

Dass die IG Metall mit ihrer Zeitkampagne auf Granit biss, dahinter steckten nicht nur die üblichen Machtspiele der Tarifparteien, sondern auch kulturelle Konflikte. Viele (männliche) Betriebsleiter der alten Schule, denen eine Hausfrau oder Geringverdienerin alle Sorgeaufgaben abnimmt, können schlicht nicht begreifen, wofür ihre Untergebenen mehr Zeit brauchen. »In Wahrheit kann man in den freien Stunden gut schwarz arbeiten«, argumentierte etwa ein Verband der Metallindustrie. Dass vor allem junge Beschäftigte die fest fixierte 40-Stunden-Woche als Zumutung und einengendes Korsett betrachten, galt vielen als Symptom für den Verfall der bewährten deutschen Arbeitsmoral.

Dabei haben Versuche, kürzere Arbeitszeiten mit vollem oder teilweisem Lohnausgleich durchzusetzen, historisch stets eine enorme Strahlkraft entfaltet. Die Streiks für die 35-Stunden-Woche in den 1980er Jahren stießen auf breite Unterstützung in den Belegschaften, weil damit der Wunsch nach einem besseren, weniger stressigen Leben verknüpft war. Auch die Reduzierung der Arbeitszeit im VW-Konzern ein Jahrzehnt später hatte eine kulturelle Komponente. Eigentlich nur als Instrument der »Beschäftigungssicherung« gedacht, stellten die Automobilwerker überrascht fest, wie stark verkürzte Schichtdienste ihre Lebensqualität verbesserten. Entgegen der in Boulevardzeitungen verbreiteten Klischees, die von Schwarzarbeit und überfüllten Baumärkten berichteten, nutzten Studien zufolge gerade Väter ihre größeren Spielräume für mehr Präsenz in der Familie.

Gut, dass die IG Metall in der Zeitfrage hart geblieben ist. Viel zu sehr hat sie sich in den Vorjahren, trotz anders lautender Rhetorik, auf Lohnsteigerungen konzentriert. Zwar verwiesen Arbeiterführer in Interviews auf den in Befragungen ermittelten Bedarf ihrer Mitglieder an flexiblen Zeitkonzepten. Doch am Ende der Tarifrunde war das Ergebnis stets ein Mehr auf dem Konto. Dass die Gewerkschaften jetzt wirklich »Arbeit neu denken«, wie IGM-Chef Jörg Hofmann formulierte, ist zu begrüßen.

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Heidrun Meding
07.02.201817:12
Das Argument der Arbeitgeberseite, die Beschäftigten könnten in der gewonnenen Zeit ja auch schwarzarbeiten, geht vollkommen fehl.
Denn: Wird Schwarzarbeit etwa besser entlohnt als reguläre Arbeit nach Tarifvertrag?
Wenn das so wäre, dann würde in unserer Arbeitswelt etwas nicht stimmen.
Die Gewerkschaften sollten jedoch endlich auf prozentuale Lohn- und Gehaltsforderungen verzichten und statt dessen einheitlich etwa 200 Euro mehr für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fordern.
Wenn dann am Ende jede und jeder 110 Euro monatlich mehr erhalten würde, wäre dies sozial gerechter als ein deutliches Mehr für die immer schon besser Verdienenden.
Im Übrigen sollten sich die Tarifkommissionen an den Anhebungen der Vorstandsbezüge orientieren und beispielsweise 10, 20 oder gar 30-prozentige Erhöhungen fordern. Oder für alle Beschäftigten 500 Euro monatlich mehr. Die Gesichter der Unternehmensvorstände möchte ich sehen!
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