Keine Ausrede mehr
Wenn ich, wie die meisten Berufsanfänger, um 19 Uhr von der Arbeit komme, bleiben mir fünf Stunden Zeit, um all das zu erledigen, was zum Menschsein im 21. Jahrhundert dazugehört: Supermarkt, Onlinebanking, Staubsaugen, Serien gucken, aufpassen, dass Freundschaften und der eigene Körper nicht zerfallen.
Es gibt Dinge, für die ich Zeit finde, obwohl ich keine habe: Instagram, Twitter, Ebay, lustige Dinge auf meine Fingernägel malen, Exfreunde auf Facebook stalken. Was meistens nicht in diese fünf Stunden passt: Mama anrufen, endlich die Glühbirne in der Flurlampe austauschen und mich ehrenamtlich engagieren.
Früher war das anders: In der Schule habe ich Kindern von Migranten kostenlos Nachhilfeunterricht gegeben. Im Studium dann nur noch sporadisch. Irgendwann beschränkte sich mein Beitrag zur Verbesserung der Welt auf eine monatliche Überweisung an Unicef. Der Grund: Zeitmangel. Diesen Umstand erörtere ich häufig mit meinen Freunden bei einem Bier. Ein Leben, in dem man jederzeit für eine Nachtschicht am Laptop bereit sein muss oder in ein paar Monaten nach London ziehen könnte, ließe einfach kaum Spielraum für feste Verpflichtungen, sagen wir uns. Für Yoga finden die meisten von uns aber doch Zeit – oder eben für bierselige Gespräche. Noch vor ein paar Jahren drehten sich die in der Mensa um die Ungerechtigkeit der Welt und darum, was auf unserer Erde alles anders werden soll.
Verstehen Sie mich nicht falsch, Bier und Zeitverplempern sind essenziell für geistige Gesundheit. Aber trotzdem: Warum ist ausgerechnet das Engagement der Rationalisierung der Zeit zum Opfer gefallen? Ich glaube, die Antwort liegt nicht nur in der vermeintlich fehlenden Zeit, sondern im Gefühl, dass das Engagement nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Was bringen ein paar Stunden in der Suppenküche im relativ wohlhabenden Deutschland angesichts von Flüchtlingsströmen, Krieg und all der Ungerechtigkeit, die auf dieser Welt passiert? Würde ich damit nicht einfach nur mein Gewissen besänftigen?
Für die Philosophin Susan Neiman, die das großartige Buch »Warum erwachsen werden?« schrieb, gehört zum Erwachsensein dazu, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen – auch wenn klar ist, dass man den Idealzustand nie erreichen wird. »Erwachsen sein heißt, nach besten Kräften in seinem Teil der Welt darauf hinzuwirken, den Idealen näherzukommen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, wie sie tatsächlich ist«, schreibt Neiman.
Würde ich jetzt immer noch meine Tage damit verbringen, alles auf der Welt doof zu finden, wäre das also ziemlich pubertär. Aber die Vorstellung, dass man irgendwann zu alt für Ideale ist, ist genauso wenig erwachsen – sondern faul und bequem.
Was Neiman schreibt, hat mir den lähmenden Perfektionismus genommen, dass ich entweder etwas ganz Großes machen oder es gleich bleiben lassen kann. Und mit ein bisschen Herumfragen und Recherchieren war das Problem, dass ich selten weiß, wie meine nächste Woche aussehen wird, schnell gelöst. Nicht nur unser Leben ist flexibler geworden, auch das Ehrenamt muss nicht mehr jeden Dienstag um 18.30 Uhr stattfinden. Die Internetseite »www.vostel.de« hilft weiter. Man gibt dort einfach nur ein, wann man Zeit hat, was genau man machen will (etwa Umwelt, Kultur, Flüchtlinge), in welchem Stadtteil man lebt und wie gut man Deutsch spricht. Dann muss man nur noch eines der vorgeschlagenen Ehrenämter buchen. Die Internetseite ist noch im Aufbau begriffen, bisher gibt es sie nur für Berlin und München.
So bin ich an einem Mittwochabend in der Küche einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin gelandet. Ich habe mehr als zweihundert Schnitzel auf Teller verteilt und dabei »Bitte schön!« und »Guten Appetit!« gesagt, als ich sie über die Essensausgabe geschoben habe. Ich habe Tische abgewischt und Teller in die Spülmaschine geräumt, ein bisschen Verstecken mit einer achtjährigen Irakerin gespielt und Ahmed den deutschen Ausdruck »ins Fettnäpfchen treten« beigebracht.
Die Weltkrisen sind davon kaum kleiner geworden. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass ich mich danach besser gefühlt habe. Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum. Ich habe Menschen kennengelernt, die für mich vorher eine abstrakte Zahl waren – und die mir das Gefühl gaben, dass mich die Welt da draußen etwas angeht.
Ich hänge immer noch öfter bei Facebook rum als bei vostel.de. Aber ich versuche, häufiger die Ich-Blase zu verlassen: Mal schiebe ich einen Kumpel im Rollstuhl durch den Park, mal gehe ich für die ältere Nachbarin einkaufen. Und seit einem Monat habe ich eine Patenschaft für eine geflüchtete 13-Jährige aus Syrien übernommen. Ich helfe ihr beim Deutschlernen, wir waren gemeinsam auf dem Weihnachtsmarkt, und ich habe ihr erklärt, wie man einen Weihnachtsbaum schmückt. Das alles sind Kleinigkeiten, vielleicht tatsächlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es sind erste Schritte in die Richtung, mich nicht davon lähmen zu lassen, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte.ê
»Besänftige ich mit meinem Engagement nicht einfach nur mein Gewissen?
