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Haben wir etwas dazugelernt?

Der 9. November bleibt für immer der Tag der Maueröffnung. Aber auch der Tag des Pogroms im Jahr 1938. Das Gedenken ist ein guter Grund, um zu fragen: Wie steht Deutschland heute da? Ist die Demokratie in diesem Land gefestigt?
von Konrad Weiss vom 09.11.2015
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Lebendige Erinnerung: Am früheren Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin dokumentieren Fotowände die Ereignisse des 9. November 1989 (Foto: pa/dpa/Stephanie Pilick)
Lebendige Erinnerung: Am früheren Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin dokumentieren Fotowände die Ereignisse des 9. November 1989 (Foto: pa/dpa/Stephanie Pilick)

In meinem Arbeitszimmer hängt seit Jahren ein Bild, das ein Fotograf in der Nacht des 9. November 1989 aufgenommen hat. Es zeigt meine Frau, meine Tochter und mich inmitten vieler Menschen und Autos auf der nächtlichen Bornholmer Brücke in Berlin. Zuweilen nehme ich das Foto von der Wand und betrachte es mit der Lupe, sehe die vielen glücklichen Gesichter, sehe mein glückliches Gesicht.

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9. November 1989: Augenblicke voller Friedlichkeit

Diese Nacht der Maueröffnung, das war die erste Nacht des Friedens. Die erste Nacht des Friedens nach dem Krieg, die erste Nacht des Friedens nach zwei Diktaturen. Die Betonbarrieren, der Stacheldraht, die Zäune, Gitter, Mauern waren innerhalb weniger Minuten sinnlos geworden und würden es bleiben. Es waren Augenblicke so voller Friedlichkeit, so ganz ohne Aggressivität oder Fremdheit. Ich habe nicht gewusst, dass Menschen sich so nahe sein können. Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme. Man fragt, kommst du aus dem Osten, bist du aus dem Westen? Doch selbst inmitten des Freudentaumels sprachen wir über das, was vor uns lag. In dieser Nacht, das darf man rückblickend sagen, ist wirklich etwas heil geworden in Deutschland. Wir wussten aber auch, dieser Nacht würde alsbald Nüchternheit folgen müssen.

26 Jahre danach halten wir inne, um uns und unser Land zu prüfen. Angesichts der Pegida-Demonstrationen und der Flüchtlingsströme scheint es vor der Zerreißprobe zu stehen. Aber stimmt das wirklich? Um das zu beantworten, sind die dahinter liegenden Fragen umso wichtiger: Ist Deutschland eine gefestigte Demokratie? Leben wir in Frieden mit unseren Nachbarn? Haben totalitäre Ideologien endgültig ausgedient? Sind wir Deutschen weltoffen und solidarisch? Sind wir dankbar und glücklich? Haben wir wirklich aus unserer Geschichte gelernt? Ich bin mir nicht sicher.

Nationalistische Engstirnigkeit macht sich breit. Der Bruch mit Europa wird als Alternative gepriesen. Rechtsradikale geben bei Pegida immer ungenierter den Ton an. Sogar über Gitter, Zäune und Mauern, die vor 26 Jahren über Nacht sinnlos geworden waren, wird wieder geredet. Diesmal gegen die Flüchtlinge. Noch sind das Minderheiten. Aber wird es so bleiben? Genau darum müssen wir die stärken, die heute schon das Gegenteil tun: die Unzähligen, die Flüchtlinge willkommen heißen, Politikerinnen und Politiker, die – trotz Drohungen gegen Leib und Leben – sich für sie einsetzen.

9. November 1938: Pogromnacht in Deutschland

Die Erinnerung an den 9. November heißt aber auch, an diesen anderen 9. November zu erinnern. Die Pogromnacht von 1938, die in die Schoah mündete, stand für den ersten totalitären deutschen Staat und seine im Rassenwahn gründende Ideologie. Die Mauer war das Schandsymbol des totalitären Sozialismus und des sich aus ihm begründenden Unrechtsstaats. Die Überwindung der Mauer bedeutete auch die Überwindung der totalitären Ideologien. Aber natürlich bleibt zwischen den beiden Daten und der Erinnerung daran ein Spannungsfeld, das nicht auflösbar ist. Es ist eine notwendige, aber fruchtbare Spannung. Beide Daten gehören unauslöschbar zur Geschichte der Deutschen. Beide Daten müssen in ihrem tiefen Zusammenhang begriffen werden. Es wird auch nach Generationen noch so sein, dass beim Gedenken an den einen 9. November der andere mitbedacht werden muss.

So wie Schuld und Versöhnung, Scham und Stolz, Freude und Trauer unweigerlich zum Leben eines jeden Menschen gehören, gehören sie unverzichtbar auch zum Leben eines jeden Volkes. Und zwar nicht nur als historische Erfahrung, sondern auch als in uns liegende Möglichkeit, als Potenzial wie als Gefahr. Denn es gibt keine Gewissheit, dass die Erinnerung heilsam ist und dass aus der Geschichte gelernt wird. Es gibt keine Gewissheit, dass die Feinde der Demokratie nicht irgendwann wieder die Oberhand bekommen. Es bedarf der Wachsamkeit und der Anstrengung aller, damit das nicht geschieht. Wir werden unsere Demokratie, so unvollkommen sie sein mag, entschiedener verteidigen müssen. Nicht nur an Gedenktagen, sondern Stunde für Stunde, Tag für Tag. Damit wir das Geschenk des 9. November 1989 nicht leichtfertig vertun.

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