Der Traum vom guten Leben
Weltfremd, irrational und hoffnungslos romantisch – gegen diese Vorwürfe mussten Kritiker der kapitalistischen Wachstumslogik viele Jahre lang kämpfen. Inzwischen hat Wachstumskritik Hochkonjunktur. Das zeigt nicht zuletzt der Ansturm auf den Kongress »Jenseits des Wachstums« in Berlin. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac und die Stiftungen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Linkspartei hatten dazu eingeladen – rund 2500 Leute waren gekommen, darunter auffallend viele junge Menschen.
Von Idioten und Ökonomen
Die Gründe für das große Interesse an der Frage, ob es Alternativen zu ständigem Wirtschaftswachstum gibt, sind offensichtlich: Die zunehmende weltweite Umweltzerstörung, die Klimaerwärmung und die Tatsache, dass die endlichen Rohstoffe immer knapper und teurer werden, weil die Industrieländer kaum sparen und Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien für ihr Wachstum mehr Rohstoffe brauchen. Dazu kommt: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. »Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes Wachstums glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom«, sagt der US-Ökonom Kenneth Boulding. Immer mehr Leute scheinen ihm recht zu geben.
Lauter werdende Kritik an den Kosten des Wirtschaftswachstums ist längst nicht nur ein Phänomen des reichen Nordens. »Das in Geldeinheiten ausgedrückte Wachstum unseres Wohlstandes hat eine größer werdende Armut in kultureller, ökologischer und spiritueller Hinsicht zur Folge«, sagt Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises. »Ein gerodeter Wald trägt zum Wirtschaftswachstum bei. Ein lebendiger Wald hingegen nicht, aber er bereichert das Leben«, erläutert die indische Bürgerrechtlerin.
Trotz großer Einigkeit darüber, dass es nicht weitergehen kann wie bisher, herrscht unter all den Wachstumskritikern oftmals Streit. Einige von ihnen setzen ihre Hoffnungen auf ein »selektives und qualitatives Wachstum im Einklang mit der Natur«. Anderen geht das nicht weit genug.
Der Traum vom guten Wachstum
Je mehr sich jemand um die Durchsetzung von Zielen in Parlamenten oder Tarifverhandlungen bemühen muss, desto gemäßigter werden die Forderungen. »Es geht darum, was wächst und wem das Wachstum zugute kommt«, sagt Sabine Reiner, Gewerkschaftssekretärin bei ver.di. Nullwachstum und eine Schrumpfung der Wirtschaft kommen für sie nicht infrage. Vielen Gewerkschaftern und linken Realpolitikern geht es ähnlich.
Auch für den bündnis-grünen Europaabgeordneten Sven Giegold – einst Mitbegründer von Attac – ist nicht »das Wachstum das Kernproblem, sondern unsere Wirtschaftweise, die alle sozialen und ökologischen Grenzen sprengt«. Deshalb plädiert er für einen »Green New Deal« – letztlich eine Entkopplung des Wachstums vom Ressourcenverbrauch. Mit der Forderung nach einem »New Deal« lehnen sich die Grünen an den erfolgreichen Versuch von US-Präsident Franklin Delano Roosevelt an, die US-Wirtschaft in den 1930er-Jahren aus dem Schlamassel der Weltwirtschaftskrise zu ziehen: mit einer Regulierung des Finanzsektors, mit massiven staatlichen Investitionen in die Infrastruktur und mit einer progressiven Besteuerung, um die Armen besserzustellen.
In diesem Sinne will Giegold die erneuerbaren Energien schnell ausbauen, möglichst viele Einsparpotenziale für Ressourcen nutzen, immer mehr Produkte erzeugen, die wiederverwertbar sind, und den Reichtum sozial umverteilen. Dabei räumt er ein, dass der Green New Deal erstmal für mehr Wachstum sorgt – »damit der Naturverbrauch in Zukunft rasch abnimmt«.
Schrumpfen statt Wachsen
Solche Forderungen spalten Wachstumskritiker: »Die Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Wachstum ist eine Illusion«, sagt der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Nico Paech. Er ist zu einem Vordenker jener internationalen Strömung geworden, die Schrumpfung fordert: »Postwachstum« heißt dieses Ziel in Deutschland, »degrowth« in England, »décroissance« in Frankreich. Paech glaubt nicht an die Wunderwaffe Effektivität, wonach mehr Produktion mit deutlich weniger Ressourcen möglich sein soll. »Dann frisst das Wachstum die Effizienzgewinne.« Rebound-Effekt heißt das in der Fachsprache.
»Wer denkt, dass der fossilen Abhängigkeit mittels smarter Innovationen im Bereich der erneuerbaren Energien, Informationstechnologien, Elektromobilität und anderen zu entrinnen sei, hat übersehen, dass damit der Bedarf an Flächen, seltenen Metallen und Erden explosionsartig steigt«, sagt Paech. Er fordert stattdessen: »Wir müssen Lebensstile einüben, die mit knappen Ressourcen auskommen, wir brauchen mehr Selbstversorgung, einige Wirtschaftsbereiche müssen schrumpfen.«
Für viele Wachstumskritiker bedeutet dies einen kompletten Umbau der kapitalistischen Industriegesellschaft. Wann immer die Unternehmen in einer rastlosen Konkurrenz bestehen und ihre Rendite steigern müssten, hätten sie keine andere Wahl als zu wachsen. »Wenn wir eine Gleichgewichtsökonomie wollen, müssen wir große Teile des gesellschaftlichen Reichtums in eine bedarfsorientierte Ökonomie lenken und den Kapitalkreisläufen entziehen«, sagt Werner Rätz von Attac.
Feministinnen sehen Chance
Genau darin sehen Feministinnen eine große Chance. »Weniger Produktion bedeutet auch weniger Erwerbsarbeit«, sagt die Soziologin Frigga Haug. Dann müsse die Gesellschaft jene Fürsorge-Arbeiten aufwerten, die bisher von Frauen größtenteils unentgeltlich geleistet würden. »Die Zeit des Postwachstums bietet uns die Chance zu einem guten Leben in einem ganz neuen Sinne«, hofft auch die Bremer Ökonomin Adelheid Biesecker. »Jetzt können wir die Erwerbsarbeitszeit auf zwanzig Stunden pro Woche verkürzen und die Fürsorge-Arbeit gerechter zwischen den Geschlechtern verteilen.« Ein Sozial- oder Grundeinkommen soll alle Menschen dabei sozial absichern. In Anspielung auf wirtschaftsliberale Wachstumsskeptiker wie den Kölner Wirtschaftswissenschaftler Meinhard Miegel betont Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer: »Ökologisch motivierte Wachstumskritik darf auf keinen Fall zur Rechtfertigung von Sozialabbau dienen.«
Wachstumskritische Thesen sind also inzwischen salonfähig. In der Mitte der Gesellschaft angekommen sind sie bislang jedoch nicht: So hat beispielsweise der Flugverkehr in Deutschland 2010 trotz Vulkanasche und letzter Ausläufer der Finanzkrise einen neuen Rekord erzielt. Zweifel an der gegenwärtigen Art des Wirtschaftens scheinen für die meisten politisch Konservativen und Liberalen und für viele Manager noch immer ein Tabu. Sie träumen wie selbstverständlich von möglichst hohen Zuwachsraten, damit die Steuerquellen sprudeln, staatliche Leistungen bezahlt und mehr Arbeitsplätze geschaffen werden können. An den Diskussionen auf dem Attac-Kongress hatten sie kein Interesse – auch nicht an den Foren, zu denen sie direkt eingeladen wurden.
Wachstum in den Köpfen
Der Sozialpsychologe Harald Welzer erklärt, weshalb das Umdenken so schwerfällt: Die Vorstellung vom »unendlichen Wachstum« existiert nicht nur an Börsen, in Ministerien und Unternehmen. Sie ist in den Köpfen der Menschen verankert. Der moderne Mensch habe das »Immer-mehr« in seine Biografie integriert: »Die Fremdzwänge zur permanenten Fortentwicklung und Selbstoptimierung sind längst und unbemerkt zum Selbstzwang geworden. So sehr, dass kaum noch jemand fragt, wozu das alles eigentlich gut sein soll.« Das zu erkennen und ein Erschrecken darüber ist für Welzer der erste Schritt aus dem Dilemma. Und wie geht es weiter? »Wir sind nicht in einer revolutionären Situation, in der sich der Kapitalismus so einfach abschaffen lässt«, sagt Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des BUND. »Aber es ist allerhöchste Zeit, um Alternativen zu suchen und Reformen einzuleiten.« Eine bunte Vielfalt von Ansätzen und Visionen gibt es schon jetzt. Sie reichen von dem Vorschlag der Wiedereinführung autofreier Sonntage über Gemeinschaftsgärten, Konsumverzicht und Nachbarschaftshilfe bis hin zu Genossenschaftsmodellen und Regionalökonomien. Zudem kursieren unter Wachstumskritikern Begriffe wie: ökologische Steuerreform, Finanzmarkttransaktionssteuer und Antiprivatisierungskampagnen.
Auch in der Politik ist der Wachstumsstreit angekommen: Zu Beginn des Jahres hat die Enquetekommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages ihre Arbeit begonnen. Die Kommission soll die Grenzen des Wachstums ausloten und einen neuen Wohlstandsindikator entwickeln.
Auch global bewegt sich etwas: Die Länder Ecuador und Bolivien erkennen die Natur offiziell als Rechtssubjekt an. Zudem haben sie das Konzept des »Buen Vivir – Guten Lebens« zum Verfassungsziel erklärt. »Buen Vivir« orientiert sich stark an der indigenen Tradition der Anden. Im Mittelpunkt steht dabei nicht materieller Reichtum und Wachstum, sondern ein Gleichgewichtszustand in Harmonie mit anderen Menschen und der Natur.
»Was wir brauchen, ist eine noch viel breitere Experimentierkultur«, sagt Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Energie und Umwelt. Mut zum Experimentieren und einen Optimismus des Gestaltens. Das ist keine Revolution. Aber ein Anfang.
