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Das Leben der Anderen

Seit dem deutschen Mauerfall sind 25 Jahre vergangen. Dass eine friedliche Revolution das Land einigen konnte, erscheint im Rückblick auf den 9. November 1989 noch immer unglaublich. Aber wie einig sind die Deutschen heute wirklich? Und wie deutsch muss man sein, um dazu zu gehören? Ein Gespräch mit Lamya Kaddor
von Britta Baas vom 09.11.2014
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Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes in Deutschland: »Ich erlebe, dass mir vom Publikum bei meinen Veranstaltungen Gewaltpassagen aus dem Koran vorgetragen werden. Nach dem Motto: ´Hier steht es doch! Der Islam ist also gewalttätig!´ Man nimmt den Koran wortwörtlich und benutzt ihn so, wie die Salafisten ihn auch benutzen. Und das hält man dann für aufgeklärt.« (Foto: pa/Schindler)
Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes in Deutschland: »Ich erlebe, dass mir vom Publikum bei meinen Veranstaltungen Gewaltpassagen aus dem Koran vorgetragen werden. Nach dem Motto: ´Hier steht es doch! Der Islam ist also gewalttätig!´ Man nimmt den Koran wortwörtlich und benutzt ihn so, wie die Salafisten ihn auch benutzen. Und das hält man dann für aufgeklärt.« (Foto: pa/Schindler)

Publik-Forum.de: Frau Kaddor, Sie stehen für eine Biografie, die Sie einmal mit den Schlagworten »muslimisch, weiblich, deutsch« beschrieben haben. Trifft diese Selbstwahrnehmung auf die meisten jungen Musliminnen in Deutschland zu?

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Lamya Kaddor: Diese Selbstwahrnehmung? Vermutlich nein.

Warum nicht?

Kaddor: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele junge Musliminnen Probleme damit haben, sich als deutsch zu bezeichnen. Und zwar deshalb, weil die Mehrheit sie nicht als Deutsche sieht. Die Außenwahrnehmung versperrt ihnen den Weg dazu, sich mit diesem Land zu identifizieren.

Sie unterrichten nicht nur Studierende an der Fachhochschule Münster und an der Universität Duisburg-Essen, sondern sind als islamische Religionspädagogin auch Lehrerin an einer Schule in Dinslaken. Welches Heimatgefühl haben Ihre Schülerinnen und Schüler?

Kaddor: Viele verstehen sich sicher eher als türkisch, kurdisch oder arabisch denn als deutsch. Das liegt aber nicht nur daran, dass ihnen ihre Umwelt häufig das Deutschsein abspricht. Sondern auch daran, dass Länder wie die Türkei sich sehr um ihre Emigranten bemühen. Sie geben den Auslandstürken das Gefühl, vollwertige Türken zu sein. Und natürlich identifiziert man sich dann lieber mit einer positiven Zuschreibung als einer negativen. Mit anderen Worten: Man ist lieber hofierter Auslandstürke ans ungeliebter Inlandsdeutscher. Paradox daran ist: Wenn diese Leute in die Türkei reisen, gelten sie dort vielen als »die Deutschländer«. Und weil diese Situation die Frage nach Heimat so schwierig macht, wird der Islam als eigene Religion oft zu einem starken Identitätsmerkmal. Muslim oder Muslimin zu sein, kann einem ja niemand absprechen, egal wo man ist.

Wie müsste sich die deutsche Gesellschaft verändern, um diesen Immigranten ein echtes Heimatgefühl zu geben?

Kaddor: Die Mehrheitsgesellschaft muss muslimische Lebensentwürfe wahrnehmen und akzeptieren. Und zwar als gleichwertige deutsche Lebensentwürfe. Bislang ist es ja so, dass muslimische Biografien in Deutschland als »das Leben der Anderen« gesehen werden. Muslimisch sein wird als nicht gleichwertig konstruiert, auch als potenziell gewalttätig. Ich erlebe das gerade verstärkt im Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung über die Terrormilizen des »Islamischen Staates«. Insbesondere seitdem der IS in Syrien und im Irak wütet, stehen »die Muslime« in den deutschen Medien unter Generalverdacht. Dabei finde nicht nur ich das, was im Irak und in Syrien geschieht, unerträglich schrecklich. Auch die überwältigende Mehrheit meiner Schülerinnen und Schüler ist zum Beispiel der Meinung, dass die Gewalttaten des Islamischen Staates durch nichts zu rechtfertigen sind. Durch den Islam schon gar nicht.

Wollen die Deutschen von Einwanderern vielleicht gar nicht, dass sie sich integrieren? Sondern dass sie sich assimilieren? Dass sie genauso werden, wie sie selbst sind? Ist erst dann alles ok?

Kaddor: Ja, aber selbst dann muss ich fragen: Wenn man sich einmal assimiliert hat, reicht das dann? Oder stört nicht immer noch die Herkunft? Das Aussehen? Die Nase? Ist man dann immer noch nicht richtig deutsch? Ich denke oft: Die Abgrenzung hört nie auf.

Auch ich stelle Ihnen lauter Fragen nach dem Anderssein. Dabei sind Sie in diesem Land geboren, leben hier mit Ihrer Familie, haben hier studiert und arbeiten hier. Schon seltsam...

Kaddor: Darf ich es sagen? Ich bin nicht überrascht.

Merkt Deutschland erst vierzig Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter kamen, dass es ein Einwanderungsland ist? Und dass die Kinder und Enkel dieser Einwanderer Deutsche geworden sind?

Kaddor: Das formulieren Sie aber sehr optimistisch! Ich komme viel rum im Land, halte Vorträge und bestreite Podiumsdiskussionen. Und ehrlich gesagt: Die Stimmung in Deutschland ist, was die Beziehung zu Muslimen betrifft, sehr schlecht. Mehr als früher erlebe ich, dass mir Unverständnis und Hass entgegenschlagen. Das »Netteste«, was ich erlebe ist, dass mir Leute sagen: »Ja, Frau Kaddor, wenn alle Muslime so wären wie Sie, dann hätten wir keine Probleme!« Ich gelte dann als die gute Ausnahme-Muslima, die aber eigentlich gerade in ihrem Ausnahmedasein alle Vorurteile zu bestätigen scheint. Ich erlebe beispielsweise auch, dass mir aus dem Publikum heraus Gewaltpassagen aus dem Koran vorgetragen werden. Nach dem Motto: »Hier steht es doch! Der Islam ist also gewalttätig!« Man nimmt den Koran wortwörtlich und benutzt ihn so, wie die Salafisten ihn auch benutzen. Und das hält man dann für aufgeklärt! Es ist schon erstaunlich, welche Parallelen es zwischen den Islam-Hassern und den Salafisten gibt. Das macht mir Angst.(Lesen Sie weiter auf Seite 2.)

Die Milizen des »Islamischen Staates« tragen den Namen einer Religion vor sich her. Ist es da nicht verständlich, dass viele Menschen in Deutschland diese Religion kritisch unter die Lupe nehmen?

Kaddor: Die Greueltaten des IS gibt es nicht deshalb, weil es den einen Islam und einen einzigen wahren Zugang zu ihm gibt. Diese Religion wird von den IS-Kämpfern missbraucht, auf das Ekelhafteste benutzt, um schreckliche Taten zu rechtfertigen. Man darf den IS und den Islam nicht in einen Topf werfen! Da werde ich leidenschaftlich. Denn ich wäre von der Ideologie und von der Gewalt des IS genauso bedroht wie Millionen andere, würde ich in Syrien oder im Irak leben. Und ich bin selbst eine Muslima.

Und doch gibt es – vor allem junge – Frauen und Männer, die Deutschland verlassen, um für den Islamischen Staat zu kämpfen...

Kaddor: Dass es deutsche Muslime gibt, die sich dem IS anschließen, erfüllt mich mit Entsetzen. Aber es macht mir auch deutlich: Das tun Menschen, die sich nicht wertgeschätzt, die sich nicht ernst genommen fühlen. Menschen, die nach einem Sinn und nach Anerkennung in ihrem Leben suchen. Beides vermissen sie offenbar schmerzlich. Eine Grundlage für dieses oft Jahre im Verborgenen schwelende Gefühl ist der immer wieder erfahrene, alltägliche Rassismus. Und dem kommt man nur mit klassischer Bildungs- und Sozialarbeit bei. Wenn sich nichts ändert, ist klar: Je stärker das eine Extrem hochkommt, desto stärker wird auch das andere Extrem werden.

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Personalaudioinformationstext:   Lamya Kaddor, geboren 1978 im westfälischen Ahlen, ist Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin. Die Autorin zahlreicher Bücher zur Integrationsdebatte, zum interreligiösen Dialog und zum islamischen Religionsunterricht ist u.a. Dozentin an der Fachhochschule Münster und arbeitet als Lehrerin für Islamische Religion in Dinslaken. 2010 gründete sie zusammen mit anderen den Liberal-Islamischen Bund.
Am Mittwoch, 12. November, 19 Uhr, hält sie einen Vortrag mit anschließender Diskussion über ihren Weg »zu einem zeitgemäßen Islam«, wie sie es selbst formuliert. Die Veranstaltung findet im Vortragssaal der kath. Kirchengemeinde St. Marien, Hans-Böckler-Straße 1-3, 61267 Neu-Anspach, statt. Sie ist Teil der 2014er Reihe: »Frauen in den Weltreligionen«, getragen vom Katholischen Bildungswerk Hochtaunus, dem Interkulturellen Rat in Deutschland sowie der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde Neu-Anspach.
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