Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

Trisomie-Bluttest als Kassenleistung?

vom 11.06.2015
Seit drei Jahren ist ein Bluttest auf dem Markt. Damit kann schon in der neunten Schwangerschaftswoche festgestellt werden, ob das Ungeborene eine Trisomie – etwa das Down-Syndrom – hat. Jetzt steht zur Debatte, ob der 800 Euro teure Test künftig von den Kassen bezahlt werden soll. Soll er? Ihre Meinung ist gefragt! Lesen Sie dazu auch das Pro und Contra mit Hartmut Kreß und Ilja Seifert
Sollen Krankenkassen den Trisomie-Bluttest bezahlen? Hartmut Kreß (links), Theologe und Mitglied in der Zentralen Ethikkommission für Stammzellenforschung, sagt: "Ja!" Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland und selbst querschnittgelähmt, meint: "Nein!" (Fotos: Stieber; privat)
Sollen Krankenkassen den Trisomie-Bluttest bezahlen? Hartmut Kreß (links), Theologe und Mitglied in der Zentralen Ethikkommission für Stammzellenforschung, sagt: "Ja!" Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland und selbst querschnittgelähmt, meint: "Nein!" (Fotos: Stieber; privat)

Hartmut Kreß: »Ja, sonst droht Ungleichbehandlung«

»Seit Langem können Schwangere gesundheitliche Gefährdungen des vorgeburtlichen Kindes, darunter Chromosomendefekte, durch pränatale Diagnostik abklären lassen. Solche Chromosomenschäden können auf einem erhöhten Alter von Schwangeren beruhen (über 35 Jahre). Die Diagnostik, insbesondere eine Fruchtwasseruntersuchung, wird von der Krankenkasse bezahlt. Sie stellt einen invasiven Eingriff dar, der die Frau belastet. Der Fetus, auch ein gesunder, kann dabei schlimmstenfalls tödlich verletzt werden.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 11/2015 vom 05.06.2015, Seite 8
Rettet das Singen
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme

Jetzt ist eine Alternative verfügbar: die frühzeitige Entnahme einer Blutprobe bei der Schwangeren, die für sie und den Fetus risikofrei ist. Diese schonende Alternative darf kein Privileg für Frauen bleiben, die sie privat bezahlen können. Daher sollten die Krankenkassen genauso wie für die pränatale Diagnostik auch für den Bluttest die Kosten übernehmen. Unfair und herabsetzend wäre es, Frauen, deren finanzieller Spielraum eng ist, die Kassenfinanzierung zu verweigern, um sie von dem Test auszuschließen oder sie abzuschrecken. Die Würde und die Rechte von Menschen, die behindert geboren wurden oder sich im Lauf des Lebens eine Behinderung zuziehen, bleiben von dem Bluttest unberührt.

Sicherlich gibt es Zweifelsfragen. Gegebenenfalls führt das Testergebnis zum Tod eines krankheitsdisponierten Fetus durch Schwangerschaftsabbruch. Der Arzt sollte dies vorab ansprechen und die Schwangere auf die Möglichkeit psychosozialer Beratung hinweisen, die kostenfrei ist. Solche Beratungsangebote sollten weiter ausgebaut werden. Beratungseinrichtungen, die zu dem Bluttest aus Prinzip Nein sagen, kommen hierfür freilich nicht in Frage. Wichtig ist es, eine Schwangere und ihren Partner durch Beratung zu befähigen, sich eigenständig und verantwortungsvoll zu entscheiden.«

Anzeige

Der Synodale Weg: Jetzt ist Mut gefragt

Wahre Gleichberechtigung der Frau in der Kirche, die Stellung des Priesters und die Frage der Machtverteilung ... /mehr

Ilja Seifert: »Nein, das ist Selektion«

»Die Funktion von pränatalen Tests besteht darin, »Abweichungen« festzustellen. Das unterstellt, dass es etwas gäbe, das »Norm« genannt werden könnte. Das halte ich für absurd. Ein Blick ins Leben zeigt: Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen lieben, lachen, weinen, freuen sich, ärgern sich. Manchmal sind sie glücklich, manchmal traurig. Kurz gesagt: Sie leben ihr Leben. Allerdings fallen sie auf, weil sie »anders« sind. Doch »anders« als wer? Wer wäre denn »normal« und entspräche der »Norm« Mensch? Da es die nicht gibt, kann auch nichts an uns »unnormal« sein. Verschiedenheit ist eines unserer charakteristischsten Merkmale und wichtige Voraussetzung für Gesellschaft.

Was weiß ich denn, wenn ich weiß, dass beispielsweise das 21. Gen meines ungeborenen Kindes dreifach vorhanden ist? Dann weiß ich, dass es mit Trisomie 21 leben wird. Oder – und das ist die einzige Alternative – dass ich nicht will, dass es geboren wird. Mag sein, dass man – unter rein wissenschaftlichem Aspekt – diese Diagnoseverfahren bestaunen kann. In der Praxis wirken pränatale Tests jedoch selektiv. Nichts sonst.

Selbstverständlich halte auch ich das Leben mit Behinderungen nicht für sonderlich erstrebenswert. Aber es ist auch keine Katastrophe. Die Beeinträchtigung wird zu einem Charakteristikum des Individuums. Zu einem von vielen! Sie ist kein Makel, sondern eine von vielen persönlichen Eigenschaften. Nicht mehr, nicht weniger. Insofern stellt sich die Frage, ob wir wirklich wollen, dass Menschen »aussortiert« werden. Ich meine: Nein! Sobald irgendwo begonnen wird, menschliches Da-Sein und So-Sein in »lebenswert« und »lebensunwert« einzuteilen, öffnen wir der Willkür Tür und Tor. Da ist es fast schon nebensächlich, ob das als Kassenleistung oder privat bezahlt wird: Selektion passt in kein humanistisches Menschenbild.«

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.
daniel
14.06.201501:23
Ilja du hast recht aber ein vebot bringt uns nicht weite wir müssen gegen eine gesellschaft der Selektion kämpfen