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Leben aus dem Baukasten

Die Synthetische Biologie will Leben im Labor herstellen. Winzige Organismen sollen Weltprobleme lösen: Erdöl produzieren, Krankheiten heilen, Schadstoffe vernichten. Doch was steht auf dem Spiel? Fragen an die katholische Theologin Hille Haker
von Teresa Schneider vom 03.03.2011
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Gene als Bausteine: Bioingenieure träumen davon, ganz neue Zellsysteme zu entwickeln. (Foto: istockphoto.com/mstay)
Gene als Bausteine: Bioingenieure träumen davon, ganz neue Zellsysteme zu entwickeln. (Foto: istockphoto.com/mstay)

Frau Haker, Sie beschäftigen sich als Mitglied der »European Group on Ethics in Sciences and New Technologies« seit einigen Jahren mit dem Thema Synthetische Biologie. Was verbirgt sich dahinter?

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Synthetische Biologie ist ein Forschungsfeld, in dem entweder versucht wird, existierende Organismen in ihrer genetischen Substanz so zu verändern, dass neue Funktionsweisen entstehen, oder aber man versucht, ganz neue biologische Systeme zu entwickeln.

Für welchen Zweck?

Das Ziel ist, den Aufbau und die Funktion von Organismen besser zu verstehen, um auf dieser Grundlage Anwendungsmöglichkeiten für die Medizin, für Umwelttechnologien oder auch für die Landwirtschaft – aber auch für die militärische Nutzung – zu erforschen.

Überschreitet der Anspruch der Synthetischen Biologie, die grundlegenden Baupläne des Lebens nicht nur zu verändern, sondern sogar neu zu entwerfen, ethische Grenzen?

Die Frage, ob ethische Grenzen überschritten werden, stellt sich meines Erachtens nicht abstrakt und nicht in Bezug auf die Forschungsrichtung als solche. Dies gilt auch für die grundsätzliche, theologische Frage nach dem Eingriff in das »Leben«. Viel wichtiger scheint mir die konkretere, ethische Reflexion in Bezug auf die Anwendungsmöglichkeiten.

Worin liegen dabei die Gefahren?

Insbesondere die Nicht-Rückholbarkeit oder Irreversibilität macht diese Technologie zu einer ethisch extrem riskanten Forschungsrichtung: In dem Moment, in dem neue Organismen freigesetzt werden, verändern sie Ökosysteme oder auch den menschlichen Organismus unter Umständen radikal. Und die Labors sind aufgrund fehlender Regularien womöglich schlechter gesichert als die herkömmlichen Labors, in denen Genforschung stattfindet - und vielleicht sind sie überhaupt nicht so gut zu sichern.

Was beunruhigt sie noch?

Mir macht auch die mangelnde Transparenz der militärisch ausgerichteten Forschung Sorgen. Diskutiert wird heute vor allem der Bio-Terrorismus, gegen den sich alle stemmen. Aber ich bin nicht so naiv anzunehmen, dass nicht auch international auf staatlicher Ebene oder mit staatlicher Finanzierung an der Entwicklung neuer Waffensysteme gearbeitet wird, die sich sehr leicht die Erkenntnisse der synthetischen Biologie zu eigen machen können.

Die Protagonisten der Synthetischen Biologe verwenden für ihre Produkte immer wieder den Begriff »living machines«, lebende Maschinen. Verändert die Synthetische Biologie unser Verständnis von Leben und Technik?

Die Frage setzt voraus, dass wir bisher recht genau zwischen »Natur« und »Technik« unterscheiden konnten – und dass dem natürlichen Leben ein anderer moralischer Status zukommt als dem durch Kultur oder Technik Geschaffenen. Diese Unterscheidung ist heute in der Tat schwieriger geworden, und die Synthetische Biologie zwingt uns – nicht als erste, aber nochmals neu – über den Status von Leben nachzudenken. Die Synthetische Biologie ist hier sicher ein großer Meilenstein, der unser tradiertes Wissenssystem verändert. Ob damit aber eine ethisch problematische »Verdinglichung« des Lebens einhergeht, das wäre erst noch zu prüfen. Manche meinen, dass wir ethisch über die »Integrität« biologischer Organismen nachdenken sollten, aber ich selbst neige zu der Auffassung, dass wir eher vom Wert des Zusammenspiels der Organismen ausgehen sollten. Früher nannte man dies das ökologische Gleichgewicht. Faktisch gibt es dies heute schon nicht mehr, und die Frage ist dann, ob die Synthetische Biologie Teil des Problems ist oder Teil der Lösung werden könnte.

Welche Aufgabe hat die Theologie im Zusammenhang mit der Synthetischen Biologie?

Die Theologie sollte sich mit all diesen Fragen beschäftigten, weil Technik in ihrer Zielsetzung »menschendienlich« sein muss und das sensible Gleichgewicht zwischen Natur und menschlicher Nutzung der Natur im Auge behalten muss.

Welche Position vertreten die Kirchen in Bezug auf die Synthetische Biologie?

Nach meinem Kenntnisstand gibt es bisher keine ausführlichen Stellungnahmen, und es gibt zumindest in Deutschland auch nur wenige Theologen, die sich mit der Synthetischen Biologie beschäftigen. Mir wäre es am liebsten, die Diskussion von den Anwendungsfeldern her zu führen, da sich eine klare Grenzziehung zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsforschung nicht mehr durchhalten lässt. Sicherheits- und Risikofragen sind nicht alles, aber ohne eine weitgehende Ausschaltung von Risiken, von denen wir meinen, dass wir sie nicht verantworten können, erübrigen sich nun einmal eine ganze Reihe von Anwendungszielen.

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