Die Würde des Tieres
»Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dieses Zwischen ist heute der Gegenstand großer Sorge«, schrieb die Philosophin Hannah Arendt. Poeten nennen dieses Zwischenmenschliche »das Auge des Herzens«.
Ein denkendes Herz ist ein mitfühlendes Herz, ein Herz, das hinschauen will, das gerecht urteilt und mitleidet. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter sagte einmal: »Der kulturelle Fortschritt hängt davon ab, dass sich der Horizont unseres Mitfühlens immer mehr erweitert. Er hängt ab von einer wachsenden sozialen Sensibilität. Von unserem Mitgefühl.«
Überall auf der Welt werden Menschen in jeder Minute verstümmelt, vergewaltigt, gefoltert, getötet. Warum lernen wir nicht aus der Geschichte? Warum fallen wir heute – in Zeiten
der Informationsgesellschaft und auf hohem wissenschaftlichem Erkenntnisstand – immer wieder zurück in die Barbarei? Vielleicht weil aller technische Fortschritt und jede noch
so hoch gezüchtete Intelligenz nichts nützt, wenn der Mensch in seinem Herzen träge bleibt. Horst-Eberhard Richter nannte die Intelligenz des Herzens »die Kraft der Menschlichkeit«. Das Herz braucht Bildungsorte. Und die sind überall dort, wo Armut, Schmerz, Krieg, Krankheit, Trauer und Freude fühlbar sind.
Der Geist braucht die Störungen eines intelligenten Herzens. Sonst bleibt er einseitig, ergießt sich in Floskeln, verbreitet halbe Wahrheiten.
Opfer dieser halben Wahrheiten sind nicht nur Menschen, sondern auch die Tiere. Wie ist es möglich, dass uns die Wertschätzung für sie verloren gegangen ist? Eine Frage, die sich der Theologe und Biologe Rainer Hagencord immer wieder stellt. Er findet Antworten in der Geschichte. Aber er sagt auch: Die heutige Gotteskrise hat damit zu tun, dass die Mitgeschöpfe von Kirche und Staat mehr und mehr ausgesperrt werden. Können wir von »Bewahrung der Schöpfung« reden und damit immer nur Sonne, Mond und Sterne meinen –, aber niemals Puten, Hühner und Rinder?
Die Geschichte des Tieres ist eine Leidensgeschichte. Menschen sind es, die Tiere verzwecken, quälen und missbrauchen. Ein mitfühlendes Herz würde das ändern. Können wir Mitgefühl lernen?
In diesem EXTRA LEBEN suchen wir Bildungsorte des Herzens auf. Wir gehen dorthin, wo Tiere als Mitgeschöpfe leben können –, aber auch dorthin, wo Menschen von Versöhnung und Freundschaft erzählen. Vor Armut, Krieg und Schmerz verschließen wir dabei nicht unseren Blick. Wir geben uns nicht mit einseitigen Sichtweisen zufrieden.
Ein wichtiges Beispiel für diese »Störungen« ist unsere ständige Rubrik »Unterm Brennglas«. Wir schauen auf die Konflikte in der Welt und bringen Fakten, die im allgemeinen Strom der Medienberichterstattung kaum Erwähnung finden oder unterdrückt werden. Wir suchen Zeugen, die uns ganz andere Geschichten aus den Kriegs- und Krisengebieten erzählen als jene, die wir täglich zu hören und zu sehen bekommen, und manche unserer Leserinnen und Leser schreiben uns, dass sie dankbar sind, »etwas zu erfahren, wovon sie bisher nichts wussten«.
Ein gebildetes Herz, sagt Horst-Eberhard Richter, öffnet die Sinne zum Menschen hin, führt Denken und Fühlen zu einer ganzheitlichen Sicht des Lebens und aller Dinge. Es zündet das Licht im Kopf an. Deshalb sind die Störungen des Herzens so wichtig.
Ich verspreche Ihnen, dass wir alles dafür tun werden, um diese Störungen nicht zu beheben.
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