Der vibrierende Draht zum Leben
Die Zuhörer sind schon drei Tage auf der Suche nach dem, was sie wirklich brauchen, als Hartmut Rosa seine Thesen vorträgt. Er spricht zum Motto des evangelischen Kirchentags in Hamburg: »Soviel du brauchst«. Die Besucher haben Vorträge zur Ressourcenverteilung und Workshops zum fairen Verbraucherverhalten besucht, wirken bereits etwas müde und abgekämpft. Doch die Rede des Soziologen rüttelt sie alle noch einmal wach. Denn Rosa erinnert an Dinge, die sie fast vergessen hatten, an Erfahrungen, die in der Diskussion über menschliche Grundbedürfnisse kaum eine Rolle spielen. Rosa spricht von der »Sehnsucht nach Resonanz«, dem Verlangen nach dem »vibrierenden Draht zum Leben«, dem intensiven Bedürfnis jedes Menschen, Spuren in der Welt zu hinterlassen.
Die Angst vor dem Verstummen der Welt
Unsere ständig auf Wachstum gerichtete Gesellschaft, sagt Rosa, produziert aber genau das Gegenteil von Beziehung und Resonanz. Sie ist »geprägt von der immerwährenden Furcht vor dem Verstummen der Welt, vor dem Verlust einer tragenden, antwortenden Weltbeziehung«. Ihre Mitglieder leben in ständiger Angst, den Anschluss zu verpassen, abgehängt zu werden, sozial abzustürzen.
Wie aber kann das Grundbedürfnis nach Resonanz gestillt werden? Wo finden Menschen diesen »vibrierenden Draht« zum Leben? Und was muss die Politik verändern, damit Menschen den Kontakt nicht verlieren, die Welt nicht als stumm und feindlich erfahren?
Rosa nennt die »Resonanzachsen«, die das Leben in der Moderne wieder sinnlich und sinnvoll machen. Er mahnt eine »politisch wirkmächtige Verständigung« darüber an, was die dauerhafte Entfremdung in der kapitalistischen Moderne verhindert.
Nach der Rede des Professors erhebt sich auf dem Kirchentag frenetischer Applaus, zahlreiche Besucher fragen nach dem Manuskript. Auch die Leser von Publik-Forum erkundigen sich in der Redaktion nach der Analyse des Soziologen. Die Rede von Hartmut Rosa erscheint deshalb nun in der aktuellen Ausgabe von Publik-Form.
